FAZ 15.12.2025
19:27 Uhr

F.A.Z.-Leser helfen: Der lange Weg zum Wasser


Im Süden von Sambia ist es nicht selbstverständlich, dass alle Kinder die Schule besuchen. Das lässt sich ändern.

F.A.Z.-Leser helfen: Der lange Weg zum Wasser

Wasserholen ist Sache der Frauen und Kinder. Wo es keinen Hahn gibt, den man aufdrehen, keinen Brunnen, aus dem man schöpfen kann, muss jeder Tropfen Wasser herbeigeschleppt werden, bevor er zum Trinken, Waschen, Kochen genutzt werden kann. Viele Liter, die täglich getragen werden müssen, in Kanistern und Eimern, in der Hitze von Sambia. Wer acht Jahre und älter ist, muss morgens Wasser in die Mangaba Community School tragen. Die jüngsten zweieinhalb, die älteren fünf Liter. Das ist so unumstößlich wie die grün-schwarze Schuluniform. Wer Glück hat, kommt auf seinem Schulweg an einem Brunnen vorbei, die übrigen müssen Umwege gehen. Die Klassenbeste der Oberstufe ist jeden Morgen sogar zwei Stunden unterwegs, um pünktlich zum Unterrichtsbeginn auf der Holzbank zu ­sitzen. Nicht alle erscheinen so regelmäßig wie sie: Weil Wasser überlebenswichtig ist, müssen manche Kinder erst für ihre Familien mehrere Liter heranschaffen, bevor sie in die Schule gehen dürfen. Was die Mädchen und Jungen in die Mangaba Community School bringen, soll nicht nur ihren eigenen Durst stillen, sondern wird auch zum Kochen der Mittagsmahlzeit, dem Säubern der Latrinen und manchmal auch für ein paar Pflanzen genutzt, die bislang die sengende Hitze überstanden haben. Ein eingezäunter Schulgarten, der seine wertvolle Ernte gegen vierbeinige Fressfeinde schützen soll, liegt nur noch als staubige Fläche da. Die Wassermenge, die nötig wäre, um das Brachland zu begrünen, können die Kinder alleine nicht herbeischaffen. Es reicht gerade für ein paar einzelne Setzlinge, aus denen in ferner Zukunft Mangobäume werden sollen. Die Pfahlwurzeln der Bäume können sich mehr als sechs Meter tief in die Erde bohren, um dort vielleicht noch Grundwasser zu erreichen. Jetzt ist da erst ein zartes grünes Pflänzchen zu sehen, das von einer brusthohen Palisade aus trockenen Holzspießen vor den hungrigen Mäulern der Ziegen geschützt wird. Wenn mittags Wasser in der Schule fehlt, bleibt nur der Weg zum Fluss, der einen Fußmarsch von einer Dreiviertelstunde entfernt ist. Das Thermometer steigt um die Mittagszeit schon auf 35 Grad, als Alice, Esnart, Phelony und Trouble aufbrechen. Alice ist mit 17 Jahren die Älteste, eigentlich zu alt für die Primary School, die mit der siebten Klasse endet. Aber ihr Schulweg, auf staubigen Straßen und quer durch den Busch, dauert anderthalb Stunden. Jeden Tag drei Stunden alleine unterwegs zu sein, das hatten die Eltern der Siebenjährigen nicht erlaubt, deshalb wurde sie erst Jahre später eingeschult. Die Familien sind groß, nicht alle Kinder beenden ihre Schulkarriere. Von ihren fünf Geschwistern, einem ­Jungen und vier Mädchen, ist Alice die Einzige, die noch die Schule besucht. „Und gerne besucht“, sagt sie. Nach ihrem Abschluss möchte sie gerne Kranken­schwester werden. Auch die anderen erzählen, dass ein Bruder oder eine Schwester die Schule vorzeitig verlassen habe. Mädchen heiraten früh, Jungen versuchen, irgendwie Geld zu verdienen. Der Handel mit gestrecktem Diesel oder Holzkohle am Straßenrand verspricht etwas Unabhängigkeit, er endet aber meist in einer Sackgasse. Trouble ist ebenfalls schon 17 Jahre alt. Sein Vorname sei kein Spitzname, sagt ­seine Lehrerin auf Nachfrage. Er habe ihn von seiner Großmutter bei der Geburt bekommen. Troubles Vater habe im Gefängnis gesessen, als der Junge auf die Welt gekommen sei. Die Großmutter habe daraufhin die Lage der Familie eingeschätzt und entschieden, dass ein Kind in dieser Situation nur „Ärger“ bedeuten könne. Trouble hat heute für seinen Namen nur ein Schulterzucken übrig. Er will, auch seiner Großmutter zum Trotz, seinen Weg finden und gerne Lehrer werden. Das Flussbett ist fast ausgetrocknet. Keine Seltenheit in den vergangenen ­Jahren, sagt Alice. Der Kafue, der früher ganzjährig Wasser geführt hat, fällt nun im Herbst meist trocken, in den besonders heißen Monaten, bevor die kurze Regenzeit beginnt. Schuld daran ist der Klimawandel, der den Süden Sambias besonders trifft. Immer mehr Flüsse haben nur noch wenige Monate lang Wasser, Brunnen versiegen, wenn sie nicht tief genug gebohrt worden sind, und der Grundwasserpegel sinkt. Eine Pfütze ist im Flussbett noch zu ­sehen, aber sie ist den Tieren vorbehalten. Ihre Fäkalien verunreinigen das Wasser, nicht nur hier. Ziegen- und Rinderdung war mutmaßlich der Auslöser des schweren Choleraausbruchs, der das Land vor zwei Jahren heimsuchte. Die Dorfbewohner haben deshalb an anderer Stelle tiefer nach sauberem Wasser gegraben und den Ort für alle gesichert. Ein Loch, etwa anderthalb Meter tief, wird mit einem Autoreifen gegen den nachrutschenden Sand geschützt, rundherum haben sie eine Palisade aus trockenen Ästen errichtet, die Ziegen und Rinder abhalten soll. Die ersten Schalen, die Alice und Esnart aus dem Loch schöpfen, schütten sie weg. Erst dann vertrauen sie dem kristallklaren Nass, mit dem sie nach und nach ihre großen Eimer füllen. Auf dem Rückweg zur Schule sammelt Phelony noch ein Zicklein ein, das seiner Familie gehört. Es war weggelaufen, und hier am Fluss hat er es zu­fällig wiedergefunden. Bis alle zur Schule zurückkehren, sind fast zwei Stunden vergangen. Zwei Stunden Unterricht, die ihnen fehlen, die all jenen fehlen, die erst Wasser holen müssen, bevor sie lernen können. Die Fehlzeiten in der Schule steigen bei Mädchen in der ­Pubertät noch zusätzlich: Ohne jede Möglichkeit, sich zu waschen, bleiben Jugend­liche während ihrer Periode sicherheits­halber zuhause. Hätte die Mangaba Community School einen eigenen Brunnen und sanitäre Anlagen, könnten sich die Jungen und Mädchen auf das Lernen und nicht das Überleben konzentrieren. Deshalb sammelt die F.A.Z. in diesem Jahr Spenden von ihren Lesern, um die Stiftung Kinderzukunft aus Gründau im Main-Kinzig-Kreis dabei zu unterstützen, drei Schulen in den Distrikten Siavonga und Chirundu im Süden Sambias mit Brunnen und sanitären Anlagen zu ver­sorgen. Die Stiftung arbeitet schon seit Jahren erfolgreich mit ihren örtlichen Partnern der Hilfsorganisation ADRA zusammen, um dort nicht nur die hygie­nischen Verhältnisse zu verbessern, ­sondern auch mit Schulgärten und prak­tischem Unterricht in Nähen und Landwirtschaft die Zukunftschancen für ­Mädchen und Jungen zu erhöhen. Die ­Projekte laufen mehrere Jahre lang und werden dann Brunnen für Brunnen, Garten für Garten in die Selbst­verwaltung von Schule und Gemeinde gegeben.