FAZ 24.12.2025
10:03 Uhr

F.A.Z.-Leser helfen: Der Mut der „Game Changer“


Frankfurt: Tomoni Mental Health produziert Podcasts

F.A.Z.-Leser helfen: Der Mut der „Game Changer“

Der Podcast heißt „Es braucht das ganze Dorf“ – und Kaya redet darin sehr offen und anschaulich über ihre Depressionen. Sie erzählt, wie sie sich zurückgezogen hat, nicht mehr aufgestanden ist, die Rollläden an ihrem Fenster nicht mehr öffnete und die Schule „nicht mehr hinbekommen hat“. Und sie spricht auch darüber, wie sie sich selbst verletzte. „Ein Hilferuf war das“, sagt sie. „Es gab keine Reize mehr, alles war abgeflacht, alles war grau, langweilig, still, leise. Mein Kopf war laut, aber außen herum war alles leise.“ Kaya ist 19 Jahre alt, im Sommer wird sie ihr Abitur machen. Sie gehört zu den „Game Changern“, einer Gruppe junger Menschen, die über psychische Erkrankungen von Jugendlichen aufklären will, die über mentale Krisen sprechen – und darüber, wo und wie man Hilfe finden kann, wenn psychische Probleme einen heftig belasten. Seit mehr als zwei Jahren ist sie im Kreis der „Game Changer“ aktiv. In dem Podcast schildert Kaya auch, wie sie vor einigen Jahren in eine „akute suizidale Krise“ geriet. Sie hatte Panikattacken und Heulkrämpfe, fand keinen Ausweg aus der Situation – und ist schließlich zur Polizei gegangen. Gegenüber den Beamten sagte sie: „Wenn ihr mir nicht helft, dann habt ihr hier ein Leben weniger in Frankfurt.“ Bald darauf wurde sie in eine psychiatrische Klinik gebracht. „Macht den Schritt und öffnet euch irgendwem, von da an kann es nur besser werden“, rät Kaya in dem Podcast. Kaya will „aus Problemen etwas Positives machen“ Woher nimmt sie den Mut, so offen über ihre Probleme zu sprechen? Hat es sie Überwindung gekostet, bei dem Podcast-Projekt mitzumachen? „Gar nicht“, antwortet Kaya in einem Café um die Ecke ihrer Schule im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Sie sei schon immer ein „sehr offener Mensch“ gewesen, sagt sie. Über sich, ihre Probleme und Sorgen zu sprechen, sei ihr „nicht unangenehm“ – wenn es die Menschen, denen sie sich öffne, denn interessiere. Kaya sagt auch: „Mir hilft der Podcast, aus den Sachen, die mir eigentlich nur Probleme bereiten, doch etwas Positives zu machen.“ Das gemeinnützige Unternehmen Tomoni Mental Health produziert den „Es braucht das ganze Dorf“-Podcast. Er ist eins von mehreren Angeboten, mit denen die Initiative den Blick auf die mentale Gesundheit junger Menschen lenken will. Wie können psychische Erkrankungen besser und früher erkannt werden? Wie spricht man Menschen an, bei denen man eine mentale Krise vermutet? Wo kann man Hilfe erhalten? Was stärkt einen? Darüber klärt Tomoni auf. Mit digitalen Fortbildungen werden Lehrer, Eltern und neuerdings auch Trainer von Sportvereinen geschult. Daneben organisiert das Unternehmen den jährlichen Schul-Suizidpräventionstag mit Vorträgen und Workshops in Frankfurt – und produziert den Podcast, der im Zweiwochenrhythmus veröffentlicht wird. Das Umfeld der Betroffenen soll sich zusammentun Dessen Titel „Es braucht das ganze Dorf“ steht für die Philosophie von Tomoni. Das Ehepaar Alix und Oliver Puhl, das das Unternehmen 2022 gegründet hat, ist überzeugt, dass mentale Gesundheit dann am besten zu erreichen ist, wenn das komplette Umfeld der von psychischen Problemen betroffenen Jugendlichen sich zusammentut, wenn Angehörige, Freunde, Lehrer und Mitschüler einbezogen werden, um zu helfen. Die Podcasts widmen sich Themen wie Depressionen, Autismus, Essstörungen, Suizidgedanken oder Leistungsdruck in der Schule. Bei jeder Folge gibt es zwei Sprecher: einen Jugendlichen, der selbst von psychischen Problemen betroffen ist oder jemand damit im Umfeld hat, und einen erwachsenen Experten, entweder den Psychotherapeuten Jörn-Gabriel Schmidt oder die Psychologin Colin Schwanengel. Die F.A.Z. sammelt in diesem Jahr Spenden für Tomoni Mental Health – im Rahmen der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“. Mit dem Geld will das gemeinnützige Unternehmen in seine Mitarbeiter investieren und das Projekt noch bekannter machen. Alix und Oliver Puhl haben Tomoni aus einem traurigen Anlass gegründet: Ihr Sohn Emil litt an einem Asperger-Syndrom, das lange Zeit nicht erkannt wurde, und hat sich mit 16 Jahren das Leben genommen. In zahlreichen Gesprächen, die sie in der Zeit danach mit Freunden und Bekannten führten, merkten die beiden, wie tabubehaftet das Thema Suizidalität ist – mit Tomoni wollen sie dem etwas entgegensetzen. Psychische Erkrankungen junger Menschen nehmen zu Psychische Erkrankungen von Jugendlichen haben zuletzt wieder zugenommen – das zeigen die Ergebnisse der jüngsten Ausgabe der COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Beinahe jeder vierte Heranwachsende ist demnach psychisch auffällig. 25 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen berichten von Angstsymptomen, 15 Prozent von depressiven Symptomen. Mit dem Abklingen der Corona-Pandemie waren die Zahlen gesunken, nun steigen sie wieder. Zusammenhängen dürfte das auch mit den multiplen Krisen der Gegenwart: Gewachsen sind nämlich auch die Sorgen, die sich junge Menschen wegen Kriegen, Terrorismus und der Klimakrise machen. Von einer „Generation Krise“ ist längst die Rede. Auch Flo, die die 13. Klasse eines beruflichen Gymnasiums in Frankfurt besucht, spricht offen darüber, was sie belastet. Auch sie hatte in den vergangenen Jahren heftig mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen. Und auch sie gehört zur Gruppe der „Game Changer“ und nimmt Folgen für den Tomoni-Podcast auf. Das Engagement dort tue ihr gut, sagt sie: „Man ist nicht allein, man kann offen reden.“ „Stigmatisiert wird noch immer“ Es helfe ihr, sich mit anderen über mentale Gesundheit auseinanderzusetzen, in den Runden mit den anderen „Game Changern“ werde sie nicht „gejudged“, also für ihre Erfahrungen verurteilt. In der Gesellschaft aber seien psychische Erkrankungen oft weiterhin ein Tabuthema: „Stigmatisiert wird noch immer.“ Und das hat Folgen. „Wenn jemand ins Krankenhaus muss, weil er sich ein Bein gebrochen hat, dann erzählt er das natürlich auch in der Schule“, sagt Flo. „Als ich in der elften Klasse drei Wochen in der psychiatrischen Klinik verbracht habe, habe ich das nicht gemacht. Davon habe ich damals nur Auserwählten erzählt.“ Kurz hatte Flo auch gezögert, bei dem Podcast mitzumachen. Was passiert, wenn ein möglicher Arbeitgeber davon erfährt? Diese Frage hat sie sich gestellt. Dass sie sich schließlich doch einbrachte, hat einen einfachen Grund: „Weil es wichtig ist“, sagt Flo. Authentische Informationen und wissenschaftliche Expertise Sie will mit dem Podcast authentische Informationen zu psychischen Erkrankungen weitergeben, aus dem „echten Leben“, die von den Experten aus der Wissenschaft eingeordnet werden. Vor allem aber will sie darüber reden, was ihr geholfen hat, sodass es ihr heute besser geht. Schon mehr als zwei Jahre lang hatte Flo keine depressive Phase mehr. „Man kann da herauskommen und sich anders entwickeln, das möchte ich auch anderen zeigen“, sagt sie. Das Format Podcast hält sie für ein besonders geeignetes Mittel, um gerade junge Menschen zu erreichen. „Ich liebe Podcasts: Was für andere Musikhören ist, sind für mich Podcasts. So geht es vielen in meiner Generation.“ Ganz ähnlich sieht es auch Alix Puhl, die Tomoni-Gründerin. „Der Podcast gibt den Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Erfahrungen zu teilen. Und gleichzeitig bietet er die Chance, Fragen zu stellen.“ Auf Flo und Kaya kommen bald Veränderungen zu, im nächsten Jahr werden die beiden ihre Abiturklausuren schreiben. Haben sie für die Zeit danach schon Pläne? Flo erzählt, dass sie nach dem Abi gerne für drei Monate als Au-pair nach Irland gehen will. Danach will sie studieren, vermutlich im Bereich Banken- oder Steuerwesen. Und Kaya will eine Ausbildung zur Krankenschwester absolvieren, will als Notfallsanitäterin arbeiten. Letztens hatte sie ihr Vorstellungsgespräch an einer Klinik – und erhielt auch direkt eine Zusage. „Das ist ein Job, in dem ich einen echten Sinn sehe“, sagt sie. Der Tomoni-Podcast „Es braucht das ganze Dorf“ kann auf den Streamingplattformen Spotify, Apple Podcasts, Amazon Music, Deezer und Podimo oder auf www.tomonimentalhealth.org/peers gehört werden.