Als Dach über dem Kopf kannte man die aufgeschlagene F.A.Z. in den vergangenen dreißig Jahren der Kampagne „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ noch nicht. Auch noch nicht als gerollte Stütze eines Menschen, der sich daran und noch auf weitere vier Zeitungssäulchen schräg gegen die Wand lehnt, oder mit dem Kopf tief in der Zeitung versunken: In allen vier Fällen handelt es sich um den österreichischen Bildhauer Erwin Wurm, der solchermaßen als 101. kluger Kopf der traditionsreichen Bilderserie der F.A.Z. erscheint. Der 1954 im österreichischen Bruck an der Mur geborene Wurm wird damit selbst zu einer seiner „One Minute Sculptures“, die stets Perspektivverschiebungen beim Publikum erzwingen und den Konzeptkünstler weltberühmt gemacht haben. Zwar sorgten auch seine wie in einer anderen Dimension stark gestauchten Hausskulpturen oder anamorphotisch verzogenen Automobile für Aufsehen. Die „One Minute Sculptures“ aber, bei denen Menschen für eine Warhol-Wurmhaft kurze Zeit „Fame“ erlangen, indem sie sich selbst in kinetische Statuen als Teil einer Ausstellung verwandeln, sind – etwa, wenn die Besucher einer Wurm-Schau Orangen mit ihrem Kopf an der Wand fixieren müssen oder ihre Arme durch Stühle stecken – Perspektiven des Absurden. Ein zutiefst moralischer Aufklärer Bereits im Jahr 2003 hatten die Red Hot Chili Peppers in ihrem Musikvideo „Can't Stop“ einen ganzen Teebeutelvorrat von „One Minute Sculptures“ des österreichischen Körperbildhauers am eigenen Leib durchgespielt. Mit unmittelbar eingängigen, wenngleich surreal verfremdeten Bildern wie dem Singen in Mülltonnen – seit Kindheitstagen bekannt durch Oscar aus der Sesamstraße – oder dem Tanzen mit einem Eimer auf dem Kopf zitiert der Clip-Regisseur Mark Romanek Wurms Arsenal der unbegrenzten Absurditäten. Wie bei jedem tiefgründigen Künstler-Karikaturisten seit Goya und Daumier steckt auch hinter Wurms Surrealismen ein zutiefst moralischer Aufklärer. Schaut man sich die synästhetischen Bilderreigen der „One Minute Sculptures“ genauer an, erkennt man, warum: Wie im Wiener Aktionismus eines Mühl oder Schwarzkogler werden nicht sämtliche, aber doch die Körperöffnungen im Gesicht mit Filzstiften gefüllt, so dass der Delinquent wie ein Käseigel der Fünfziger wirkt. An die ausgestreckten Gliedmaßen werden gelbe Plastikeimer geheftet, gut um den Körper zu einer Mischung aus leonardeskem Vitruvmann und konstruktivistischer Malewitsch-Figur werden zu lassen. Viele Zeitungsrouladen oder Plastikflaschen, mit Unwucht und Dellen aus der Balance geraten, müssen zwischen Beine, Knie und unter die Achseln gesteckt sein, sollen akrobatisch am Körper bleiben und nicht herunterfallen. Das alles wirkt humorig, weil viele der Versuchskaninchen der One-Minutes-Sculptures im Kampf mit der Materie scheitern, es wieder versuchen und besser scheitern, es ist aber genau so gemeint, wie Samuel Beckett mit seinem Satz des „besser Scheiterns“ den Sisyphos Albert Camus‘ logisch weiterdachte. So lädt Wurm in der 101. Ausgabe der F.A.Z.-Kampagne dazu ein, über die Oberfläche hinauszublicken und Gewohntes zu hinterfragen.
