Diesen Fragebogen hat Marcel Proust nie ausgefüllt. Denn er ist eine auf den Fußball zugespitzte Variante eines zu Zeiten des französischen Schriftstellers beliebten Gesellschaftsspiels. Wir spielen es weiter mit Menschen aus dem Fußball, die bereit sind, die Herausforderung an Geist und Charme anzunehmen: diesmal mit dem Fußballprofi und früheren Nationalspieler Ilkay Gündogan. Was ist für Sie das größte Glück als Fußballer? Das riesige Privileg, sein Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Und das auf einem sehr hohen Niveau. Und was ist für Sie das größte Unglück als Fußballer? Die immer stärker werdende Brutalität des ganzen Geschäfts. Von Zero to Hero und umgekehrt wird gefühlt von Jahr zu Jahr extremer. Damit steigen die mentalen Herausforderungen, vor allem für junge Spieler und deren Umfelder. Woran erkennen Sie einen guten Spieler? An seinem ersten Kontakt und seiner Orientierung im Raum, noch bevor der Ball ihn erreicht. Ein guter Spieler spielt nicht nur den Ball, er spielt mit der Zeit und dem Raum. Wer ist der beste Spieler, gegen den Sie gespielt haben? Lionel Messi. Er entzieht sich jeder taktischen Logik. Man kann ihn achtzig Minuten lang kontrollieren, und in den restlichen zehn zerstört er das gesamte taktische Konstrukt. Ich gehe auch davon aus, dass es so einen Fußballer möglicherweise auch auf Jahrzehnte hinaus nicht mehr geben wird. Welcher Spieler ist besser, als die Allgemeinheit glaubt? Pau Cubarsi vom FC Barcelona. So einen Verteidiger habe ich bei Barça damals mit 16,17 Jahren noch nie gesehen. Jetzt muss er sich gerade auf dem hohen Niveau in Spanien durchsetzen. Ich traue ihm aber voll zu, dass er sich noch zu einen der besten Verteidiger der Welt entwickeln wird. Wer ist der wichtigste Trainer in Ihrer Karriere? Michael Oenning! Er hat mich von Bochum nach Nürnberg geholt und den Weg zum Profi geebnet. Andere haben mich dann von nationalen aufs internationale Topniveau begleitet, aber der wichtigste Schritt war der zum Profi. Daher: Michael Oenning! Über was möchten Sie in der Kabine nicht sprechen? Über Oberflächlichkeiten oder den reinen Starkult. Die Kabine sollte ein Ort der Arbeit und der authentischen Verbindung sein. Wen bewundern Sie? Menschen, die trotz enormen Erfolgs ihre Demut und ihre moralische Integrität bewahren. Was bewundern Sie? Konstanz. Es ist leicht, einmal brillant zu sein. Es ist eine psychische und physische Herausforderung, über ein Jahrzehnt hinweg Weltklasse zu verkörpern. Was fürchten Sie in einem Spiel? Den Kontrollverlust. Nicht das Ergebnis an sich, sondern den Moment, in dem die kollektive Ordnung zerbricht und das Spiel in pures Chaos abgleitet. Ein Gedanke, der Sie während eines Spiels überrascht hat? Inmitten eines Champions-League-Finales kurz die Stille wahrzunehmen, die entsteht, wenn man sich vollkommen auf die nächste Aktion fokussiert. Eine seltsame Ruhe, wenn einem doch eigentlich hundert Millionen Fans weltweit zuschauen. Welche Fußballregeln würden Sie ändern? Ich würde die Netto-Spielzeit einführen. Das würde dem Zeitspiel die Grundlage entziehen und die Integrität des sportlichen Wettbewerbs fördern. Aber auch nur, wenn es wieder insgesamt weniger Spiele werden, denn sonst würde die Belastung noch weiter steigen. Wer führt Ihre Gehaltsverhandlungen? Mein Onkel und Berater Ilhan. Wir arbeiten auf einer Basis des absoluten Vertrauens, was in diesem Geschäft selten und wertvoll ist. Was ist der Sinn des Spiels? Ordnung im Chaos zu schaffen und durch Ästhetik und Erfolg Menschen zu verbinden. Ihr Lieblingsspieler? Xavi und Iniesta. Ich habe die Spiele des FC Barcelona in deren Prime einfach nur geliebt und immer versucht, so viel wie möglich von den beiden abzuschauen. Ihr Lieblingstrainer? Ich blicke mit größtem Respekt auf jeden Trainer, der eine klare Vision hat und diese vermitteln kann. Pep Guardiola ist in dieser Hinsicht für mich das Maß aller Dinge. Meine Trainerkarriere einmal an seiner Seite zu starten, wäre ein Traum. Aber wer weiß, ob Pep bis dorthin noch als Trainer aktiv ist. Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? Ich bin ehrlich gesagt nicht so der Büchertyp. Es gibt viele Themen, die mich sehr interessieren, aber da lese ich mich dann ehrlich gesagt viel lieber in Online-Fachartikeln als klassisch in Büchern. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mitspieler am meisten? Spielintelligenz, Uneigennützigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, wenn es schwierig wird. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Freund am meisten? Ehrlichkeit, Loyalität und die Fähigkeit, mir auch kritische Dinge ins Gesicht zu sagen, unabhängig von meinem Status als Fußballprofi. Ihr größter Fehler? Ich war in den ersten Jahren meiner Profikarriere sehr viel verletzt und galt als extremer Pechvogel. Heute muss ich eingestehen: Es war nicht alles nur 100 Prozent Pech. Man kann einiges beeinflussen durch eine optimierte Spielvorbereitung, Ernährung und Schlafrhythmus. Dafür war ich aber vielleicht Anfang 20 auch noch zu jugendlich unterwegs. Ihre Helden der Gegenwart? Die Menschen in sozialen Berufen, die das System unter hohem Druck und geringer Anerkennung am Laufen halten. Ihre Heldinnen der Geschichte? Mevlüde Genç. Dass sie nach dem schrecklichen Anschlag in Solingen mit Liebe und Versöhnung geantwortet hat statt mit Hass, ist für mich das größte Vorbild an Menschlichkeit. Was ist der größte Irrtum über das Leben als Fußballprofi? Viele glauben, dass Erfolg und Geld wie ein Schutzschild wirken, dass man keine Sorgen mehr hat, sobald man ‚es geschafft‘ hat. Aber der größte Irrtum ist, dass man als Profi aufhört, ein Mensch mit Zweifeln zu sein. In Wahrheit wird man oft nur noch als ‚Maschine‘ wahrgenommen, die am Spieltag funktionieren muss. Man ist zwar ständig von Menschen umgeben, aber oft fühlt man sich trotzdem isoliert, weil die Erwartungen von außen sehr groß sind. Man hat eigentlich nie wirklich Feierabend von diesem Druck; er schwingt immer im Hintergrund mit, egal wo man ist. Man muss erst lernen, sich den Kern seiner eigenen Persönlichkeit zu bewahren, damit man nicht nur über seine Leistung definiert wird. Messi oder Ronaldo? Messi. Guardiola oder Klopp? Diese Frage wurde mir in meiner Karriere in Interviews vermutlich häufiger gestellt als „Wie geht’s dir?“. Beide definitiv Weltklasse, aber da ich durch die lange ManCity-Zeit so intensiv mit Pep zusammengearbeitet und mich auch identifiziert habe, gehe ich hier nun mal mit Pep. Was Kloppo allerdings in Deutschland und England geleistet hat, war trotzdem eine 11/10. Besser geht’s nicht! Was lieben Sie am meisten am modernen Fußball? Das extrem hohe taktische Niveau und die Geschwindigkeit. Was verabscheuen Sie am meisten am modernen Fußball? Die zunehmende Übersättigung durch immer mehr Spiele und Wettbewerbe, die die Qualität des Spiels und die Gesundheit der Akteure auf Dauer gefährdet. Aus der Perspektive bin ich recht froh, dass ich nicht erst 18 Jahre alt bin. Ich könnte mir unmöglich vorstellen, in meiner Karriere über 15 bis 20 Jahre hinweg durchgängig 60 bis 70 Spiele pro Saison zu absolvieren. Ihre Lieblingsbeschäftigung an einem freien Tag? Ein langer, ruhiger Morgen mit meiner Familie, ein guter Kaffee und ein Gespräch, das absolut nichts mit Fußball zu tun hat.
