FAZ 11.12.2025
07:37 Uhr

F.A.Z.-Debatte: „Niemand baut Panzer aus Freude am Fahren“


Was braucht Deutschland, um wehrhaft zu werden? Den Mut, aus den Erfahrungen des Ukrainekriegs zu lernen, sagten Unternehmer und Ökonomen bei einer Konferenz von F.A.Z. PRO Weltwirtschaft. Dabei war auch Selbstkritisches zu hören – sogar von der Bundeswehr.

F.A.Z.-Debatte: „Niemand baut Panzer aus Freude am Fahren“

Wenn Franziska Cusumano den Stand der deutschen Debatte über Wehrhaftigkeit illustrieren will, greift sie zu zwei Broschüren. Beide sollen die Bevölkerung informieren, wie sie sich für Krisen und Katastrophen rüsten kann. Die eine trägt auf dem Cover eine Frau mit Taschenlampe, die ihre Kellervorräte prüft. Das ist die deutsche Broschüre. Die andere zeigt eine Frau mit Stahlhelm und Waffe in der Hand. Die ist aus Schweden. Dass die Deutsche in die Defensive geht und die Schwedin in die Offensive, findet Cusumano, Chefin von Mercedes-Benz Special Trucks, bezeichnend: „Es gibt in Deutschland noch immer keine ausreichende gesellschaftliche Orientierung, wohin es in der Krise gehen soll“, sagt sie bei einem Konferenzabend zum Thema „Wehrhafte Gesellschaft“  am Mittwoch. F.A.Z. PRO Weltwirtschaft hatte Manager der Rüstungsindustrie, die Stellvertretende Generalinspekteurin der Bundeswehr, Ökonomen und Ethiker in den Frankfurter F.A.Z.-Tower eingeladen, um mit unseren Lesern zu diskutieren. Das Thema, wie sich die deutsche Gesellschaft, aber auch die Wirtschaft auf eine Kriegsbedrohung einstellen, spitzt sich seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine zu. Zwar wird derzeit intensiv über den amerikanischen „Friedensplan“ verhandelt, doch der ändere wenig an der Bedrohungslage. „Auch wenn es zu einem Frieden in der Ukraine kommt, haben wir keinen Grund, uns zu entspannen“, mahnt Nicole Schilling, die Stellvertretende Generalinspekteurin der Bundeswehr und damit zweithöchster Militär Deutschlands. „Die Bedrohungslage der Nato ist unabhängig davon, was in der Ukraine passiert.“ Nur ein Indiz dafür: Russlands Armee wachse schneller, als es Verluste an der Front gebe, bald werde sie doppelt so groß sein wie zu Beginn des Überfalls. „Russland wird überlegen, welchen Schritt es als nächstes gehen wird.“ „Nicht immer erst auf Brüssel warten“ Doch darauf sei man in Deutschland an vielen Stellen noch immer nicht eingestellt, warnt Managerin Cusumano, deren Unternehmensbereich unter anderem Militärversionen des Unimog herstellt. Die Prozesse seien drei Jahre nach Kriegsbeginn noch immer im Friedensmodus, auch bei der Industrie. Daimler beanspruche mit ihrer Sparte zwar, Weltmarktführer und Innovationsführer als Lkw-Hersteller zu sein, „aber das ist im Militärbereich nicht immer so, sage ich auch ganz selbstkritisch“. Um wehrhaft zu werden, müsse die Industrie in drei Bereichen besser werden: schneller Innovationen entwickeln, schneller liefern und schneller auf Großproduktion skalieren. „Und wir als Industrie sollten nicht immer erst auf Brüssel warten, sondern auch proaktiv eigene Entscheidungen treffen.“ Ähnlich sieht das Britta Jacob von ARX Robotics, einem Kampfroboter-Start-up aus dem Münchner Raum. Das kleine Unternehmen setzt seine Bodendrohnen, die wenig größer sind als ein Rasenmäher, auch an der ukrainischen Front ein. Dort werden sie in einem eigens errichteten Trainings- und Testzentrum weiterentwickelt. Da könne sie nicht mit der deutschen Einstellung ankommen, die Roboter bis zur Perfektion und für alle Einsatzzwecke perfektionieren zu wollen, berichtet Jacob am Abend. Vielen Soldaten dort reiche mitunter schon ein funktionstüchtiger Roboter, der ihnen einfach nur hinterherfahre und für sie Waffen oder Munition trage. Keine Bodendrohne mit Blinker und Nummernschild Zudem: Sie sollte auch keine Bodendrohne bauen müssen, die auch Feststellbremse, Blinker und Nummernschild erhalte, damit sie für zivile Straßen zugelassen werden könne. Das jedoch werde in Deutschland oft erwartet. Es müsse reichen, schlichte Kriegsversionen bauen zu können, die nicht auch alle Eigenschaften von Zivilfahrzeugen erfüllen müssten. „Aber auch ein Panzer wird doch nicht aus Freude am Fahren gebaut und er muss dann in München keinen Parkplatz finden.“ Drohnen und Informatiker statt Panzer und Infanteristen Vize-Generalinspekteurin Schilling gibt ihr Recht: „Wir bei der Bundeswehr haben oft die eierlegende Wollmilchsau bestellt“, das habe Entwicklungen verkompliziert, verlangsamt und verteuert. Das müsse und werde sich ändern. Auch die Beschaffungszeit werde sich verändern. Doch natürlich gebe es auch in der Bundeswehr, wie in allen Organisationen, Beharrungskräfte. Start-up-Vertreterin Jacob beklagt aber auch, dass in Industrie und Staat noch zu sehr die Kriegsführung der Vergangenheit im Kopf sei. Statt Panzern und Infanteristen würden eher Drohnen und Informatiker benötigt: „Hardware bringt auf dem Schlachtfeld nicht mehr den großen Vorteil, heute geht es um Software und Daten.“ Das Wissen und die Technologie dafür seien auch in Deutschland vorhanden. Doch wenn man sich anschaue, mit welchen Volumina welche Waffen von der Bundeswehr beschafft würden, sei das Verhältnis von alter zu neuer Technologie immer noch 99 zu 1. Daimler-Lobbyist Jörg Howe gesteht ihr zu, dass auch die Konzerne umdenken müssten. Große Marken könnten sich nicht länger die Arroganz leisten, nach dem Prinzip vorzugehen: „nicht von uns, nicht gut“. Sie müssten stattdessen mit Start-ups wie ARX Robotics stärker zusammenarbeiten, um von deren Agilität und Innovationsgeschwindigkeit zu profitieren. Der Sicherheitsberater Moritz Brake bestärkt ihn darin: „Etwas Neues und komplett Anderes zu probieren, das geht oft nur außerhalb bestehender Prozesse.“ Cusumano von Mercedes-Benz Special Trucks ruft in Frankfurt dazu auf, dass es einen gesellschaftlichen Umdenkprozess geben müsse. Jeder müsse nun bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, „eine wehrhafte Gesellschaft entsteht nicht durch Zufall“. Und Jacob sieht die aktuelle Lage sogar als Chance für Deutschland, sich zu modernisieren: „So schrecklich der Krieg ist, wenn man dort etwas lernen kann, sollte man das machen.“