Zu den vornehmsten, aber auch kniffligsten Aufgaben in Kreis- und Rathäusern zählt die Aufstellung der Haushalte – allemal dann, wenn das Geld nicht ausreicht. Also eigentlich immer. Eine naheliegende Idee also, auf die man in Rüsselsheim gekommen ist: einen Expertenrat einzuberufen, der Vorschläge erarbeiten soll. Es geht nicht um allgemeine Ratschläge, sondern um fundierte und nachhaltige Empfehlungen, wie es heißt. Die Erwartungen in Rüsselsheim sind hoch; es soll um nicht weniger als eine Analyse der Finanzlage und langfristige Perspektiven für die Konsolidierung der städtischen Finanzen gehen. Der erste Reflex lautet: Warum denn das? Die Haushaltsaufstellung ist Sache der Verwaltung, zu beschließen ist der Etat durch die Gemeindevertretung, in diesem Fall also der Stadtverordnetenversammlung. Es reden mithin genügend mit. Wofür weitere Experten? Sollte nicht der Sachverstand der Beamten wie auch der Politiker hinreichen? Expertenrat mit dem Oberbürgermeister vorneweg Das Gegenargument: Die Finanzlage der Kommunen ist ernst, neue Ideen sind jede Mühe wert. Und es ist ja auch sonst im Leben so: Der Blick von außen ist bisweilen klarer. Wäre es anders, boomten nicht Unternehmensberatungen und Psychotherapeuten mit je eigenen Aufgaben, denen aber gemeinsam ist, aus unbekannten Perspektiven auf altbekannte Probleme zu schauen. Im Falle Rüsselsheims legt man ein bisschen die Stirn in Falten, weil dem Expertenrat zunächst der Oberbürgermeister, der Bürgermeister und der hauptamtliche Stadtrat angehören, sodann das Innenministerium und der hessische Rechnungshof je einen Vertreter entsenden, außerdem die sechs in der Stadtverordnetenversammlung vertretenen Parteien, die ihrerseits örtliche Funktionäre berufen haben wie den Vorsitzenden des Gewerbevereins. Das ist eine bunte Mischung über alle Zuständigkeitsgrenzen hinweg. Der hauptamtliche Magistrat ist sowieso mit dem Haushalt befasst; das Innenministerium wiederum stellt die oberste Instanz der Kommunalaufsicht dar, die gleichsam auf der anderen Seite steht. Auch der Rechnungshof dient gemeinhin der Kontrolle. Unter Experten hätte man sich eher Kommunalwissenschaftler vorgestellt, Kenner von Verwaltungsabläufen ganz anderswo, erfahrene Unternehmer. Trotzdem sollte niemand über das Rüsselsheimer Vorgehen vorschnell den Stab brechen. Die Nöte der Kommunen sind beachtlich. Die Kunst, sich selbst am Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, beherrschte allein der Baron von Münchhausen. Neue Wege tun not, und man wird sehen, was die Experten in Rüsselsheim zustande bringen. Am Schluss wird auch dort die Stadtverordnetenversammlung entscheiden. Niemand muss mithin fürchten, Fachleute ersetzten die Demokratie. Einen Versuch ist der Rüsselsheimer Weg allemal wert.
