FAZ 16.01.2026
15:46 Uhr

Exil-Iraner über Gewalt: Jetzt ist die Stunde, nicht nachzugeben


Noch immer kommen kaum Nachrichten aus Iran, auch kaum autorisierte Bilder. Wie hoch ist die Zahl der Toten? Und gibt es wirklich Hoffnung auf einen Regimewechsel? Vier Appelle aus dem Exil.

Exil-Iraner über Gewalt: Jetzt ist die Stunde, nicht nachzugeben

Eine Schande für die Welt 12.000 Menschen in zwei Tagen. Ein Massaker. Leichen auf Leichen. Leichen in Leichensäcken. Leichen, die von Pick-ups auf das Gelände des Leichenschauhauses von Kahrizak geworfen werden. Familien, die zwischen den Toten nach ihren Lieben suchen. Familien, die gezwungen werden, „Kugelgebühren“ zu bezahlen und ihre Lieben dem Regime abkaufen müssen. Nach diesen Nachrichten rutschte ich ab in eine Art von Taubheit. In einen Zustand, in dem jeder Sinneseindruck schal wird, Trauer und Wut zu apathischem Starren wird. Und wenn es dir dann irgendwann gelingt zu weinen, zieht dich das Gewicht jeder einzelnen Träne zu Boden. Mich überrascht, dass führende Menschenrechtsorganisationen „schockiert“ sind, dass das Regime entschieden hat, das Internet abzuschalten. Warum schockiert? Die Technik hat die Islamische Republik doch mindestens dreimal in den vergangenen sechs Jahren angewendet: totaler Blackout, dann die Straßen in Blut tränken. Diesmal aber ist das Regime in noch nie dagewesener Brutalität vorgegangen und hat das größte Massaker in der jüngeren Geschichte Irans angerichtet. Es ist ganz einfach: Ein Regime, das nie zur Verantwortung gezogen wird, wird immer nur mutiger und gewalttätiger. Die Stimmen sind erstickt worden. Menschen werden in ihrem eigenen Land in Geiselhaft genommen. Die wenigen Videos, die wir zu sehen bekommen, erreichen uns nur schwer und über Starlink. Und wir Iranerinnen und Iraner im Exil, die wir auf die Bilder der Leichen starren, suchen nach Zeichen unserer Lieben. Sobald das Internet wieder da ist, fragen sich viele von uns: Wie viele werden wir erfahren, verloren zu haben? Zum ersten Mal ist es der Islamischen Republik sogar gelungen, auch Starlink-Signale zu blocken. Eine Schande für die Welt, dass es noch immer kein universell frei verfügbares Internet gibt. Dass Khamenei immer noch aktiv Drohungen auf X posten kann, während den Menschen der Zugriff aufs Internet verwehrt ist. Welche „Meinungsfreiheit“ gibt einem Diktator eine Plattform, setzt sich aber nicht dafür ein, die unterdrückten Stimmen hörbar zu machen? Vor drei Tagen gelang es einigen Familien, kurz zu telefonieren – nur für Sekunden. Fast alle, die durchkamen, erzählen das gleiche: Jemand, den oder die sie kannten, ist umgebracht worden. Verwandte, Freundinnen und Freunde, Nachbarinnen und Nachbarn. Die meisten sind für eine humanitäre militärische Intervention. Wie lange können unbewaffnete Menschen weiter auf die Straße gehen?! Wenn die Islamische Republik bestehen bleibt, werden noch mehr Menschen umgebracht werden. Und wir wissen, dass danach immer die Massenhinrichtungen folgen. Das Regime erzählt jetzt seine Lügen, dass da Spione, Drogenabhängige, Aufrührer protestieren, dass sie bewaffnet sind, dass sie zuerst angegriffen haben. Wir dürfen nicht erlauben, dass die Welt das gelten lässt. Wir müssen die Wahrheit sagen und dafür sorgen, dass sie zu hören ist. Wie lange wird die Welt noch diesen endlos wiederholten Lügen vertrauen? Es reicht. Der Internet-Blackout – und das mögliche Überleben des Regimes – dürfen nicht bedeuten, dass die Menschen in Iran vergessen werden. Mehr denn je müssen wir jetzt ihre Stimmen verstärken. Wir müssen ihre Namen schreien. Wir müssen ihre Bilder zeigen. Wir müssen die Verbrechen des Regimes sichtbarer machen. Wir müssen auf Rechenschaft pochen. Und an alle Regierungen, die immer noch mit der Islamischen Republik verhandeln, sie stützen oder normalisieren: Man setzt sich nicht mit Mördern an einen Tisch. Man vertraut Mördern nicht. Man bringt Mörder vor Gericht und man bestraft sie. Wir brauchen eure Betroffenheitsbekundungen nicht. Wir brauchen eure poetischen Statements nicht. Spielt nicht mit Worten. Wenn ihr euch weigert, konkret zu handeln, wenn ihr euch weigert, eure Botschaften zu schließen, wenn die Zahl von 12.000 Toten nicht groß genug ist, um euch zu erschüttern, wenn ihr euch immer noch weigert zu erklären, dass ihr Khamenei und sein blutgetränktes Regimes nicht anerkennt, dann macht euch klar: Ihr seid Komplizen. Das Blut Irans klebt auch an euren Händen. Denn wenn 12.000 Menschen umgebracht werden, geht es nicht mehr um Politik. Es geht um Menschenrechte. Also zweifelt an eurer Menschlichkeit. Aus dem Englischen von Tobias Rüther Atefe Asadi ist iranische Dichterin, Übersetzerin und Songwriterin. Ihre drei Kurzgeschichtensammlungen wurden vom iranischen Kulturministerium verboten, und ihre literarischen Aktivitäten und ihre Teilnahme an Protesten führten zu Verfolgung und Verhaftung. 2021 zog sie von Teheran nach Deutschland. Sie lebt in Hannover. * * * Regime-Change? Die islamische Revolution 1979 war der Ausgangspunkt der Islamisierung von Konflikten in der Region in den letzten Jahrzehnten. In der jetzigen (vor-)revolutionären Situation im Land geht es nicht nur um das Land selbst, das ökonomisch, kulturell und politisch ausgetrocknet ist und nur durch eine grenzenlose Gewaltherrschaft zusammengehalten wird. Es geht auch um eine ganze Region, in der das Land fast alles finanziert und unterstützt hat, was in den letzten Jahrzehnten zu Instabilität, Hass und Krieg beigetragen hat. Die Wirkung geht weit darüber hinaus: die Fluchtbewegungen Richtung Europa und die politischen Folgen dort, die Bekämpfung von gemäßigten säkularen Kräften in der Region, das Hintertreiben jeglichen Ausgleichs mit Israel bis hin zum 7. Oktober, sogar die innenpolitische Dynamik Israels – für all das ist das iranische Gewaltregime mittelbar und unmittelbar verantwortlich. Es hat Gewalt über ein gut ausgebildetes Land mit einer inzwischen extrem säkularen, demokratieaffinen Bevölkerung mit brutalsten Mitteln ausgeübt – und ist damit im Fadenkreuz chinesischer und russischer Interessen zu weltpolitischer Bedeutung gelangt. Wie ein Regime-Change vonstatten gehen kann, ist von außen derzeit kaum kalkulierbar. Aber dass in Iran gerade die Frage ausgefochten wird, ob und wie sich nach einer solchen religiös-faschistischen Ära demokratische Verhältnisse etablieren lassen und wie es gelingen kann, dass sich nach dem Ende eines Gewaltregimes ohne Gnade gesellschaftliche Verhältnisse etablieren können, in denen ein zivilisierter Wettstreit um kollektiv bindende Lösungen möglich sein wird, gibt den Ereignissen tatsächlich eine weltpolitische Bedeutung. Wie voraussetzungsreich ein solcher Weg ist und wie sehr er von entgegenkommenden Bedingungen von außen abhängig ist, sollten gerade wir Deutsche aus historischen Gründen wissen. Dass es für eine solche Unterstützung auch geostrategische Gründe gibt, könnte womöglich hilfreich sein. Am Ende kann man nur für die mutigen und verzweifelten Menschen hoffen. Armin Nassehi ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. * * * Finden wir neue Worte Als Autorin, die über Iran schreibt und Interviews gibt, fragt man mich oft, ob ich Hoffnung habe. Hoffnung auf eine Revolution, auf einen Systemwechsel, auf die Freiheit der Menschen. Ich habe bisher immer mit Ja geantwortet, auch wenn es – zum Beispiel in den Jahren vor der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung – kaum Gründe dafür gab. Ich dachte immer: „Warum sollte ich sonst tun, was ich tue, wenn es keine Hoffnung gibt?“, und sagte: „Unrecht hält sich niemals auf ewig.“ Wenn man mich heute nach Hoffnung fragt, würde ich lieber weinen, statt zu antworten. Ich vermisse die Zeiten, in denen dieses Wort für das stand, wofür es gedacht ist: Zuversicht, Licht, einen Ausweg. Die Zeiten scheinen vorbei. Die Islamische Republik mag sowohl außenpolitisch als auch nach innen bröckeln wie noch nie. Dennoch ertrage ich dieses Wort nicht. Auf den Straßen Irans wird mit Kriegsmunition auf Menschen geschossen, Menschen verschwinden, und niemand weiß, wohin. Im Süden Teherans sichten Eltern zahllose Leichensäcke und wissen, dass man ihnen die Körper ihrer Kinder nur gegen eine hohe Summe aushändigt – manchmal verbunden mit der Aufforderung, als weitere Demütigung Süßigkeiten mitzubringen. Wer es trotz Internetsperre schafft, diese Informationen ins Ausland weiterzugeben, muss um sein Leben fürchten. Und ich soll mich im sicheren Deutschland hinsetzen und sagen, ich habe Hoffnung? Das System mag bröckeln, aber dieses Wort ist das falsche; eine Diaspora, die es benutzt, scheint respektlos, ihr Wunsch danach beinahe makaber. Wenn man mich heute nach Hoffnung fragt, antworte ich: Ich bin mir sicher, dass die unerschütterlichen Iranerinnen und Iraner das System stürzen werden. Es wird nicht mehr lange dauern. Aber wir wissen nicht, wie viele von ihnen dafür getötet werden. Das ist die traurige Gewissheit, die mich davon abhält, von Hoffnung zu sprechen. Kämpfen wir also weiter für ein Ende dieses mörderischen Regimes, das uns so viel genommen hat. Und finden wir neue Worte für die unerträglichen Gefühlslagen, in die es uns bringt. Die Schriftstellerin Shida Bazyar veröffentlichte 2016 ihren Roman „Nachts ist es leise in Teheran“, mit ihrem Buch „Drei Kameradinnen“ stand sie 2021 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. * * * Wie wird Freiheit möglich? Wenn es zu einem Krieg kommt – und vieles deutet leider darauf hin –, ist meine größte Sorge, dass genau das verschwindet, was die Menschen in Iran gerade mit so viel Mut auf die Straße tragen: Hoffnung, Handlungsspielraum und die Kraft, für ein selbstbestimmtes Leben einzustehen. Krieg überdeckt zivile Proteste, militarisiert Konflikte und macht aus Menschen, die Freiheit fordern, bloße Figuren in einem geopolitischen Machtspiel. Ich halte es für essenziell, die wirtschaftlichen Sanktionen aufzuheben. Nicht, weil das Regime dadurch gestärkt würde, sondern weil Sanktionen vor allem die Zivilbevölkerung treffen. Sie entziehen den Menschen die materiellen und psychischen Ressourcen, die sie brauchen, um Widerstand überhaupt leisten zu können. Wer täglich ums Überleben kämpft, hat kaum Kraft, für politische Veränderung einzustehen. Menschen brauchen Sicherheit, wirtschaftliche Stabilität und Perspektiven, um mutig zu sein. Repression plus wirtschaftlicher Druck plus die Drohung eines Krieges erzeugen keine Befreiung, sondern Erschöpfung und Angst. Ein erschöpftes Land kann sich nicht selbst verändern. Pazifismus bedeutet für mich nicht Passivität. Er bedeutet, Gewalt nicht weiter zu normalisieren und zivile Kämpfe nicht durch militärische Logiken zu ersticken. Internationale Solidarität muss darauf abzielen, Räume zu öffnen – für Protest, für Vernetzung, für unabhängige Medien, für Schutz und Unterstützung –, statt sie durch Krieg und Sanktionen zu schließen. Wenn wir wirklich an der Seite der Menschen in Iran stehen wollen, dann dürfen wir nicht zulassen, dass ihr Kampf im Lärm von Bomben, Waffen und geopolitischen Interessen verschwindet. Freiheit lässt sich nicht herbeibomben. Sie braucht Zeit, Kraft – und das Recht, von innen heraus zu wachsen. Die deutsch-iranische Schauspielerin und Moderatorin Pegah Ferydoni wurde in Teheran geboren und wuchs in Berlin auf.