Herr Roth, in Ihrem Buch „Zonen der Angst“ schreiben Sie von einem politischen Fegefeuer, durch das Sie in 27 Jahren als Bundestagsabgeordneter und Minister gegangen sind; von Demütigungen und Isolation. Seit einem halben Jahr sind Sie kein Berufspolitiker mehr. Machen sich da Entzugserscheinungen bemerkbar? Ich bin auf Entzug, aber ich habe keine Entzugserscheinungen. Ich hatte Zeit genug, um mich auf meinen neuen Lebensabschnitt einzustellen. Vor allem bin ich selbstbestimmt und freiwillig gegangen. Mich hat weder meine Partei noch die Wählerschaft rausgekickt. Das ist ein großes Privileg. Aber ja, manchmal juckt es mich noch. Gut, dann wage ich einen Versuch: Was denkt der Ex-Politiker angesichts der Schwierigkeiten der CDU/CSU/SPD-Koalition in Berlin? Er denkt, dass das, was derzeit in Berlin geschieht, ein wenig überzeugender Versuch ist, gute und nachvollziehbare Politik in Krisenzeiten zu machen. Und er fragt sich: Haben wir denn nichts aus dem kläglichen Scheitern der Ampel gelernt? Ich war ein überzeugter Anhänger der Ampelkoalition, weil ich mir stabile Mehrheiten in der Mitte gewünscht habe, um die AfD abzuwehren. Der Versuch ist gescheitert. Jetzt ist die neue Regierung nicht mal ein halbes Jahr im Amt und hat auch schon wieder viel Vertrauen verspielt. Wir erleben eine gefühlt ständig streitende Regierung, deren Kritiker nur darauf warten müssen, dass wieder irgendjemand scheitert oder in ein Fettnäpfchen tritt. Das geht mir furchtbar auf die Nerven. Wie fällt Ihr Vergleich zwischen dem amtierenden CDU-Kanzler Friedrich Merz, und seinem Vorgänger, Ihrem Parteifreund Olaf Scholz, aus? Ich schließe Herrn Merz in mein Abendgebet ein, weil ich möchte, dass diese Regierung Erfolg hat. Vielleicht ist das die letzte Chance für die von einer stabilen Mitte getragene liberale Demokratie. Die Regierung darf nicht scheitern, sie sollte möglichst gut regieren. Was ich an Friedrich Merz anfangs sympathisch fand, war seine deutliche Sprache. Er hat sich vom Scholzomaten- und Merkel-Deutsch nicht anstecken lassen. Leider hat er dann auch manchen verbalen Bock geschossen und Missverständnisse produziert, die er am Ende selbst nicht mehr auflösen konnte. Sie denken an die Stadtbild-Debatte? Zum Beispiel. Es war kein Fehler, das Thema Sicherheit im öffentlichen Raum und Gewalt von migrantischen Männern anzusprechen. Das sollte ein Thema für alle sein, auch für Sozialdemokraten. Aber der Chef der Bundesregierung kann nicht einfach derart ins Unreine reden. Am Ende wusste keiner mehr, was er eigentlich sagen wollte. Der Kanzler lernt gerade, dass es viel einfacher ist, in der Opposition lautstark Fragen und Forderungen zu stellen, als in der Regierung Antworten zu geben und zu liefern. Insbesondere wenn man mit der SPD koalieren muss. Das ist tatsächlich auch nicht immer ganz einfach. Aber nicht für alles, was derzeit schiefläuft, kann man die SPD verantwortlich machen. Herr Merz hat als Kanzler noch nicht so richtig Tritt gefasst. Deshalb scheint es ja auch in seiner eigenen Partei wachsende Zweifel an seiner Kompetenz zu geben. Für das Land und die Demokratie ist das nicht gut. Sie sprechen von einer womöglich letzten Chance für die Demokratie – das ist ein sehr pessimistisches Bild. Was lässt Sie zu dieser deprimierenden Erkenntnis kommen? Ich bin jetzt fast 40 Jahre ehrenamtlich politisch engagiert und war fast 30 Jahre hauptberuflich politisch tätig. Eine Zeit mit vielen Krisen und Konflikten. Aber das, was wir derzeit erleben, ist systemisch. Die liberale Demokratie, die für uns alle – ob links, rechts, konservativ oder progressiv – gesetzt war, befindet sich in einer schweren Legitimationskrise. Die Sehnsucht nach der Kettensäge, nach der Disruption, nach radikalen Veränderungen ist – bis in die gesellschaftliche Mitte hinein – groß. Die liberale Demokratie und die Politiker die sie repräsentieren, genießen keinen Vertrauensvorschuss mehr. Und wir erleben weltweit, wohin das führen kann. Die Entwicklung der Demokratie zu einer Demokratur vollzieht sich nicht mit einem Schlag; das ist ein schleichender Prozess. Und wir befinden uns mittendrin in diesem Prozess. Laut einer aktuellen Umfrage der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sind nur noch 28 Prozent der Ostdeutschen und 56 Prozent der Westdeutschen zufrieden damit, wie unsere Demokratie funktioniert. Unsere Demokratie ist nicht mehr gefestigt, das müssen alle wissen, die für sie brennen. Wir haben jahrzehntelang eine Polarisierung zwischen links und rechts gehabt, mal mehr, mal weniger. Das war eingespielt. Inzwischen erleben wir auch eine Polarisierung zwischen denjenigen, die anständig und respektvoll miteinander umgehen, die faktenbasiert argumentieren und um den Wert von Kompromissen wissen, und denjenigen, die mit Fake News, mit Hass, Lüge und Verachtung arbeiten. Und leider verschwimmen die Grenzen immer mehr. Vor einigen Jahren konnte man noch sagen: Das ist halt der Ton der Trumpisten, das ist der Ton der AfD. Inzwischen erlebe ich auch im linken Milieu eine Wut, eine Verachtung, die mich sehr beunruhigt. Offensichtlich breitet sich dieses Gift immer weiter aus. Was also tun? Sollten sich die Parteien der Mitte der Diskussion mit der AfD weiter öffnen? Immerhin steht sie laut Umfragen für mittlerweile ein Viertel der Wählerschaft. Davon halte ich überhaupt nichts. In den Talkshows und in Diskussionsforen sind ja jetzt schon fast immer AfD-Politiker dabei. In den öffentlichen Sitzungen des Bundestages wird ein nicht geringer Teil der Redezeit von AfD-Parlamentariern in Anspruch genommen. In vielen öffentlichen Debatten in den sozialen Medien sind die völkischen Demagogen tonangebend. Die AfD wird in der öffentlichen Debatte nicht ausgegrenzt, ganz im Gegenteil. Zurück zur Eingangsfrage. Sie sagen, Sie seien mit Ihrer Entscheidung, der Berufspolitik den Rücken zu kehren, im Reinen. Gibt es nichts, was Sie vermissen? Selbstverständlich vermisse ich mein Team. Ich bin jetzt eine Ich-AG. Ich muss alles alleine machen, und ich will mich darüber auch nicht beschweren. Aber natürlich geht auch manches schief. Ich vergesse, Termine in meinen Kalender einzutragen. Ich sitze mal in der Bahn und habe vergessen, ein Ticket zu ziehen. Ich habe mal ein Hotelzimmer nicht gebucht, obwohl ich fernab der Heimat einen Vortrag halten musste. Aber das sind Kleinigkeiten. Andererseits habe ich jetzt viel mehr Zeit fürs Feuilleton in der Zeitung und für längere Artikel. Ich bin schlauer geworden im letzten halben Jahr. Deshalb: Nein, ich vermisse nichts. Aber Sie bleiben ein Homo politicus? Natürlich. Ich mische mich immer noch gerne ein. Wie zum Beispiel? Ich schreibe für Zeitungen, ich bin Gast in den Medien. Ich halte fast jede Woche mehrere Vorträge irgendwo in Deutschland, bin als Experte, als Autor gefragt. Ich kann ja nicht einerseits die Menschen ermutigen, sich gerade jetzt für die Demokratie stark zu machen, und mich dann selbst in die private Idylle zurückziehen. Wenn man Ihr Buch liest, gewinnt man den Eindruck, dass Sie unter der Politik und unter den Politikern zumindest am Ende sehr gelitten haben. Dabei sind Sie jemand, der als Politiker schnell reüssiert hat: mit 23 Jahren stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungsozialisten, mit 28 im Bundestag, insgesamt sieben mal direkt gewählter Abgeordneter, Europaminister, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. In meinem Buch erzähle ich meine ganz persönliche Geschichte, andere erleben das politische Geschäft sicher ganz anders. Am Ende will ich trotz des realistischen und manchmal schmerzhaften Blickes auf mein politisches Engagement und auf die vergangenen 30 Jahre Politik in Hessen, Deutschland und Europa doch auch Mut machen, für Demokratie und Freiheit einzutreten. Meine letzten Jahre in Berlin waren auch deshalb hart, weil ich in eine Rolle geraten bin, die ich nie angestrebt habe. Für die einen war ich der Outlaw, für die anderen der unbequeme Querdenker oder der Nörgelfritze – und manche haben mir eine gewisse Isolation unterstellt. Sie hatten von Anfang an die Chance, Einfluss zu nehmen, etwas zu bewegen. Als Außenstehender hatte man den Eindruck: Da ist einer, der will es wissen. Der will SPD-Bundesvorsitzender, der will Minister werden. Das war so. Es gab aber auch die Angst. Manchmal sogar davor, Erfolg zu haben. Am Ende des Rennens um den Parteivorsitz etwa war ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich wirklich gewinnen wollte, weil ich Zweifel hatte, ob ich die SPD an der Spitze glaubwürdig vertreten könnte. Ja, ich war sehr ambitioniert und ehrgeizig. Und ich war enttäuscht, als ich trotz vieler öffentlichen Bekundungen auch aus meinem eigenen Landesverband nicht aufgestiegen bin, sondern aus der Bundesregierung rausgekickt wurde. Aber am Ende muss ich sagen, Gott sei Dank. Ich wurde ja dann krank. Unser Land ist noch nicht reif für einen psychisch erkrankten Minister, der einfach mal ein paar Monate aussetzen muss. Ich hätte wahrscheinlich zurücktreten müssen, auch wegen meiner Kritik an der zögerlichen Unterstützung der Ukraine durch die Regierung von Olaf Scholz. So hat sich alles gut gefügt, und ich konnte meine parlamentarische Arbeit bis zum Ende sichtbar und nicht ohne Erfolg fortsetzen. Immerhin waren Sie als Europaminister acht Jahre lang Stellvertreter der Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel und Heiko Maas – mit Kabinettsrang. Das Leben ist halt sehr ambivalent, ein Auf und Ab. Man hofft, dass es immer irgendwie funktioniert. Ich bin ein Meister des Durchwurschteln gewesen. Dass es mir nicht so gut ging, hat keiner gemerkt. Sollte auch keiner merken. Und ich habe es auch selbst viel zu spät festgestellt. Sie ermutigen in Ihrem Buch dazu, Ängste zu überwinden. Aber haben Sie mit Ihrem Rückzug aus dem Bundestag den Kampf mit Ihren eigenen Ängsten nicht verloren gegeben? So könnte man das sehen. Aber so ist es nicht. Schon als ich mit 28 Jahren in den Bundestag gewählt wurde, stand für mich fest, nicht als Politiker in Rente gehen zu wollen. Den perfekten Moment, Schluss zu machen, findet man nie, aber ich wollte den Zeitpunkt selbst bestimmen und nicht aussortiert werden. Das ist mir gelungen. Wie menschlich ist die Politik? Ich habe da auch viel Menschlichkeit und Empathie erfahren. Aber am Ende gibt es in der Politik keine Freundschaft. Nicht, weil Politiker nicht zu Freundschaft fähig wären. In der Politik steht man sich aber immer wieder in Konkurrenz gegenüber, es gibt Konflikte. Und dann muss man sich fragen: Sehe ich in dem anderen in erster Linie den Politiker oder doch den Freund? Manche Politiker sehen sich zu Entscheidungen gezwungen, die eine Freundschaft zerstören können. Am Ende kämpft jeder für sich allein? Es gibt auch Bündnispartner. Aber das sind Bündnisse auf Zeit, Bündnisse, die von Interessen und Zielen getragen sind. Das muss man wissen. Es bedarf eines gehörigen Maßes an Härte und Selbstbewusstsein, um am Ende nicht enttäuscht und verletzt zurückzubleiben. Ihre persönlichen Ambitionen haben Sie nach dem Abschied aus Berlin einmal so formuliert: Ich werde weiter arbeiten für eine freie Ukraine, für ein sicheres Israel und für eine bessere Welt. Haben die Ukrainer noch eine Chance auf eine Zukunft in Freiheit? Wir hätten uns viel früher von der Hoffnung verabschieden müssen, dass Europa und die USA mit einem Präsidenten Donald Trump in wesentlichen Fragen weiter übereinstimmen würden. Dafür, dass wir Europäer uns in den vergangenen zwei Jahren nicht schneller von den USA sicherheitspolitisch emanzipiert haben, zahlen wir jetzt einen hohen Preis. Die Sicherheit Europa und das Überleben der Ukraine als demokratischer Staat spielen in den Erwägungen Trumps keine Rolle. Das heißt, die Ukraine wird den Krieg verlieren? Die Ukraine und Europa werden schmerzhafte Zugeständnisse machen müssen. Von der Hoffnung, dass wir dem russischen Imperialismus ein Stoppschild entgegenhalten und Europa so auf Dauer wieder friedlicher und sicherer machen, werden wir uns wohl verabschieden müssen, wenn nicht noch ein kleines Wunder passiert. Europa kann und will kurzfristig nicht das kompensieren, was die USA nicht mehr zu leisten bereit sind. Hat Europa dank des Widerstandswillens der Ukraine wenigstens die Zeit gewonnen, sich auf möglicherweise noch weiterreichende Expansionspläne Putins vorzubereiten? Wenn es auf einen mit einem Trump-Putin-Pakt durchgesetzten Diktat-Frieden in der Ukraine hinauslaufen sollte, bin ich mir ziemlich sicher, dass es zu weiteren bewaffneten Konflikten im Osten Europas kommen wird. Warum sollte Putin aufhören, wenn er die Chance hat, noch mehr vom Kuchen zu bekommen? Der Westen hat sich bislang als unfähig erwiesen, dem russischen Imperialismus frühzeitig Grenzen zu setzen. Wenn jemand wissen will, ob es sich lohne, sich politisch zu engagieren? Dem rate ich dringend, es zu tun. Wir können auf keinen engagierten Demokraten verzichten. Aber man muss auch bereit sein, sich im SPD-Ortsverein zu engagieren. Parteiarbeit ist sehr vielschichtig und erfordert vor allem Langmut, ein stabiles Nervenkostüm, Geduld und Nachsicht. Wenn man das nicht mitbringt, ist man am falschen Platz. Und das Wichtigste, was ich jungen Leuten immer sage, stammt von Shakespeare: „Sei dir selber treu! Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage, du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“ Ihr Buch „Zonen der Angst“ ist keine Warnung vor dem Polit-Geschäft? Überhaupt nicht. Es zeichnet ein sehr persönliches, wahrhaftiges Bild. Und es gibt hoffentlich noch viele, die aus den Fehlern, die ich gemacht habe, lernen können. Für sich schließen Sie eine Rückkehr als Berufspolitiker aber aus? Ja. Aber das heißt nicht, dass ich meinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen nicht hin und wieder mal auf die Nerven gehen werde.
