Eine Kamera folgt einem Mann von der Straße in ein Treppenhaus. Eine Altbautür öffnet sich und der Zuschauer begleitet den Protagonisten des Videos bei seiner Begrüßungsrunde weiter durch ein Büro. Dann wirft Kevin Kühnert, der bis Oktober 2024 SPD-Generalsekretär war, seine Jacke über den Stuhl und verkündet seine neue Tätigkeit: „Es passiert wahnsinnig viel Mist in der Welt und vieles hat mit Ungleichheit zu tun, die entsteht, weil die Finanzlobby ungeniert ihre Interessen durchsetzt“, sagt der 36 Jahre alte Berliner in die Kamera. Dagegen brauche es ein Gegengewicht: die Bürgerbewegung Finanzwende. „Für die leite ich jetzt den Arbeitsbereich Verteilung und Lobbyismus“, sagt Kühnert. Dass die Nichtregierungsorganisation ihren Neuzugang via Social Media ankündigt, wie es heutzutage Fußballvereine mit heiß ersehnten Transfers oder Vertragsverlängerungen von Stars tun, kommt nicht von ungefähr: Kühnert ist Anhänger von Arminia Bielefeld und Tennis Borussia Berlin, man sieht ihn regelmäßig im Stadion. Mit solchen kurzen Trailern und den Usancen des Eigenmarketings ist der Mann also bestens vertraut. Für die Finanzwende, die sich 2018 als überparteilicher Verein gegründet hat und zuletzt mit Kampagnen für ein transparentes Scoring-Verfahren bei der Wirtschaftsauskunftei Schufa oder gegen Steuerprivilegien für Familienunternehmen aufgefallen ist, ist der Zugang von Kühnert ein „Königstransfer“. So freut sich Gerhard Schick, Mitgründer und Vorstand der Bürgerbewegung Finanzwende, außerordentlich darüber, dass er Kühnert für die Organisation begeistern konnte. „Als ich Finanzwende gegründet habe, hätte ich nicht unbedingt erwartet, dass hier mal ein ehemaliger SPD-Generalsekretär arbeitet – gemeinsam mit einer ehemaligen Oberstaatsanwältin wie Anne Brorhilker und mit sehr vielen anderen engagierten Menschen“, betont Schick, ehemals finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Im Jahr 2024 hatte sich Brorhilker, frühere Chefaufklärerin im Cum-Ex-Skandal, der Finanzwende angeschlossen. Aber eigentlich sei genau das immer der Plan gewesen, sagt Schick. „Menschen mit unterschiedlichen Vorgeschichten und Fähigkeiten zusammenzubringen, um eine Bürgerbewegung aufzubauen, die der Finanzlobby effektiv etwas entgegensetzen kann.“ Kühnert galt als das größte Talent der Sozialdemokraten seit Jahrzehnten. Im Dezember 2021 folgte der langjährige Juso-Chef dem heutigen Bundesfinanzminister Lars Klingbeil im Amt als Generalsekretär. Im Oktober 2024, kurz vor dem Bruch der Ampelkoalition, gab Kühnert den Posten aus gesundheitlichen Gründen auf. Bei der Bundestagswahl 2025 kandidierte er nicht mehr und zog sich aus der Politik zurück. Ob er neben der Finanzwende weiter als Autor tätig sein wird, ist nicht bekannt. Für den „Rolling Stone“ schreibt er seit einigen Wochen unter dem Titel „Teilnehmende Beobachtung“ über die Bundespolitik.
