FAZ 08.09.2026
13:49 Uhr

Europlatz Frankfurt: Zinseinkommen sind gekommen, um zu bleiben


Aktienanleger gehen aktuell eine der größten makroökonomischen Wetten der Geschichte ein.

Europlatz Frankfurt: Zinseinkommen sind gekommen, um zu bleiben

2026 war bislang alles andere als ein langweiliges Jahr an den Finanzmärkten. Geopolitik und Künstliche Intelligenz prägten die Schlagzeilen – und hinterließen eine deutliche Spreizung: Globale Aktien schnitten besser ab als Staatsanleihen. Neu ist das nicht, seit der weltweiten Zinswende 2021 tritt es jedoch häufiger auf. Fielen die Renditen in der Pandemie noch auf historische Tiefstände, rentieren dreißigjährige US-Staatsanleihen inzwischen über fünf Prozent so hoch wie zuletzt vor 19 Jahren. Zehnjährige Bundesanleihen liegen bei über drei Prozent, dem höchsten Stand seit etwa 15 Jahren. In Japan nähern sich die Renditen Niveaus wie zuletzt in den Neunzigerjahren. Muss einer der Märkte falschliegen? Warum notieren die Börsen dann nahe ihrer Rekordstände? Historisch belasteten höhere Renditen oftmals die Aktienmärkte: Sie erhöhen die Kapitalkosten, künftige Gewinne werden stärker abdiskontiert. Zudem bauten Anleger darauf, dass Staatsanleihen in Phasen der Aktienschwäche steigen. Beide Zusammenhänge greifen heute weniger verlässlich. Zusätzlich wirkt die Gewinnrendite von Aktien gegenüber Anleiherenditen historisch wenig attraktiv. Manche folgern: Einer der beiden Märkte muss falschliegen. Wir sehen es anders: Das makroökonomische Umfeld hat sich grundlegend verändert. Die „Great Moderation“ bis etwa 2020 war nachfragegetrieben – Globalisierung, China und effiziente Lieferketten hielten das Angebot im Takt der Nachfrage. Zentralbanken federten Abschwünge mit Zinssenkungen ab, Anleihen wirkten in Stressphasen als Stabilisator. Heute prägen Angebotsengpässe die Wirtschaft. Arbeitskräfte sind knapper, Energiesicherheit hat an Gewicht gewonnen, Lieferketten werden widerstandsfähiger statt allein effizienter gebaut. Staaten investieren in Infrastruktur, Verteidigung und Industriepolitik. Wachstum hängt damit von Produktionskapazitäten ab – und Zentralbanken können zwar die Nachfrage bremsen, aber keine Arbeitskräfte, keine Energie und keine Halbleiter schaffen. Der scheinbare Bruch historischer Korrelationen könnte deshalb weniger Marktversagen als Ausdruck eines neuen Makroregimes sein. Höhere Renditen müssen für Aktien nicht negativ sein. Sie spiegeln neben hartnäckigem Inflationsdruck einen strukturell höheren Kapitalbedarf: Steigende Staatsverschuldung und der Wettbewerb um Kapital im KI-Boom treiben die Finanzierungskosten. Treffen höhere Kapitalkosten auf steigende Produktivität und höhere Gewinne, können Aktien zugleich profitieren. Genau das scheint eingepreist – Aktienanleger gehen damit wohl eine der größten makroökonomischen Wetten der Geschichte ein. Für Anleger bedeutet das Umfeld auch: Zinseinkommen ist als Ertragsquelle in die Portfoliokonstruktion zurückgekehrt. Mehr als 80 Prozent des globalen Anleiheuniversums rentieren inzwischen mit über vier Prozent – 2021 waren es auf dem Tief rund zwei Prozent. Dabei hat das veränderte Zinsumfeld das Verhältnis von Risiko und Ertrag verändert. Kurze und mittlere Laufzeiten bieten heute häufig attraktivere Ertragschancen bei geringerem Durationsrisiko. Die Autorin ist Leiterin Kapitalmarktstrategie für die DACH-Region und Osteuropa bei Blackrock.