FAZ 16.08.2026
16:39 Uhr

Europameisterin Kevric: Offene Fragen abseits des Stufenbarrens


Helen Kevric gewinnt bei der EM in der kroatischen Hauptstadt ihre erste internationale Goldmedaille. Wer die Trainingspläne schreibt, die zu Gold führen, will sie nicht sagen.

Europameisterin Kevric: Offene Fragen abseits des Stufenbarrens

„Ich bin einfach nur überglücklich gerade“, sagte Helen Kevric, nachdem sie ihre erste internationale Medaille als Einzelturnerin gewonnen hat: Gold am Stufenbarren. Als Qualifikationsbeste war Kevric als Favoritin in das Finale der besten acht Turnerinnen des Kontinents gegangen. Keine Konkurrentin turnte in Zagreb schwieriger als sie, ihre Ausführung ist exzellent: Zwischen Flugelementen höchster Schwierigkeit und perfekten Handstandpositionen hat sie das, was man im Turnen den perfekten Schwung nennt. So wirkt die Präsentation der groß gewachsenen 18-Jährigen nicht wie die Aneinanderreihung einzelner Elemente, sondern wie eine einzige fließende Bewegung, die auf den Abgang zuläuft – genau so sieht Barrenturnen im Idealfall aus. Am Samstag ließ Helen Kevric geistesgegenwärtig eine schwierige direkte Verbindung zweier Flugelemente – namens Hindorff und Paksalto – aus. Das kostete sie zwar zwei Zehntel im Schwierigkeitswert, dem Ideal kam sie aber auch deswegen sehr nah. „Ich bin zufrieden mit dem, was ich gemacht habe heute“, sagt die immer selbstkritische Kevric zu ihrer Übung, auf diese Medaille habe sie „jetzt schon lange draufhin gearbeitet“. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in 25 Fällen Bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 war Helen Kevric Sechste im Barrenfinale geworden, kurz zuvor bei der EM in Rimini 2024 Vierte. Schon bei der EM in Leipzig im vergangenen Jahr galt sie als Titelfavoritin, verletzte sich jedoch zuvor schwer am Knie und konnte nicht antreten. Sie habe das Laufen neu lernen müssen, beschrieb Helen Kevric zuletzt ihr schwieriges Jahr der Reha. Schwierig war das Jahr auch aus anderen Gründen: Im Februar 2025 wurden Kevrics Trainer am Bundesstützpunkt Stuttgart, Marie-Luise Mai und Giacomo Camiciotti wegen massiver Vorwürfe psychischen und physischen Missbrauchs entlassen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt in 25 Fällen wegen Nötigung und diverser Körperverletzungsdelikte. Bei der EM in Leipzig hatte Kevric erklärt, sie sei „kein Missbrauchsopfer“ und wolle ihre „Trainer zurückhaben“. Seitdem hält die Frage, mit wem und wo die Stuttgarterin, der schon als junge Nachwuchsturnerin eine glanzvolle Karriere vorhergesagt worden war, trainieren möchte oder lieber nicht, den Deutschen Turner-Bund (DTB) auf Trab. Gerüchte halten sich hartnäckig Dabei hatte dieser im März 2025 mit der Verpflichtung von Aimee Boorman einen Coup gelandet: Boorman hat Superstar Simone Biles ausgebildet und sie bei den Olympischen Spielen 2016 zu vier Goldmedaillen geführt. Mit ihr wolle sie nicht trainieren, hatte die siebzehnjährige Kevric schon in Leipzig gesagt. Auch mit LaPrise Williams, die ebenfalls in Stuttgart verpflichtet worden war, mochte Kevric nicht arbeiten. Sich hartnäckige haltende Gerüchte, dass Vater Adnan Kevric mit einem Wechsel nach Bosnien droht, hat der DTB mehrfach dementiert. Sicher ist hingegen, dass Kevric gemeinsam mit dem Cheftrainer Gerben Wiersma bereits im vergangenen Jahr Trainingsmöglichkeiten in den Niederlanden geprüft und letztlich in Italien gefunden hat. „Natürlich hat sie Trainer“ Zuletzt beklagte Helen Kevric bei den deutschen Meisterschaften, sie habe keine Trainer. Dazu bezog in Zagreb Wiersma Stellung: „Natürlich hat sie Trainer“, sagte er: „Sie trainiert in Stuttgart und in Italien und mit der Nationalmannschaft, und überall hat sie einen Trainer.“ Tatsächlich waren bei Kevrics Barrenfinale gleich zwei ihrer aktuellen Trainer auf dem Podium: Anatol Aschurkow und Enrico Pozzo. Ersterer ist Trainer am Bundesstützpunkt Chemnitz und betreut Kevric aktuell bei Kaderlehrgängen und Wettkämpfen. Enrico Pozzo ist einer von Kevrics italienischen Trainern, im Barrenfinale betreute er seine Turnerin Giulia Perrotti, die Bronze gewann. „Ich freue mich sehr für sie“, sagte Helen Kevric anschließend und verweigerte dann eine Antwort auf die Frage, ob man sich im piemontesischen Vercelli auch um ihre Trainingspläne kümmere. „Ja, wir kümmern uns um die Trainingsplanung von Helen“, sagt Enrico Pozzo: „In enger Abstimmung mit Gerben versuchen wir eine Linie zu finden.“ Er habe Helens Eltern bei der EM in Rimini kennengelernt, so Pozzo über die Entstehung dieser Situation, und man freue sich, einer solch großartigen Athletin einen Gefallen zu tun, unentgeltlich, wie er betont. „Für uns ist es eine Ehre“, sagt Pozzo, seine jüngeren Turnerinnen profitierten von der vorbildlichen Professionalität Helens und auch er als Trainer lerne durch sie dazu: „Es ist ein Austausch.“ „Sie kommt nur ab und zu“, sagt Pozzo, bestätigt aber dann auf Nachfrage Kevrics Aussage, sie trainiere rund anderthalb Wochen pro Monat in Vercelli. Cheftrainerin des regionalen Stützpunkts ist Federica Gatti, die zwischen 2013 und 2017 in Italien mit Giacomo Camiciotti zusammengearbeitet hat. Der DTB hatte im Frühjahr erklärt, er bezuschusse die Trainingsaufenthalte Kevrics „im Rahmen der Möglichkeiten“ und sie trainiere dort nicht mit Camiciotti. „Absolut nicht, nein“, sagt auch Enrico Pozzo auf die Frage, ob der frühere Trainer auch zum Training nach Vercelli komme. „Ich kenne Giacomo praktisch gar nicht, nur über Dritte, habe ihn vielleicht drei Mal gesehen“, betont der 45-Jährige, der selbst an drei Olympischen Spielen teilgenommen hat. Camiciotti hat zuletzt zeitweise wieder Beschäftigung in Italien gefunden. Bei zwei nationalen Sommer-Lehrgangsmaßnahmen italienischer Kader, mehrheitlich Juniorinnen, arbeitete Giacomo Camiciotti, als „freiwilliger Trainer“ wie es in der Lehrgangseinladung heißt. Gerben Wiersma erklärte in Zagreb, er sei „sehr stolz“ darauf, wie Helen Kevric sich präsentiert habe. Am Balken hatte sie das Gerätfinale nur knapp verpasst. Mit Blick auf die bereits in rund zwei Monaten in Rotterdam anstehende Weltmeisterschaft hoffe er mit Blick auf das Teamergebnis, dass sie dort auch am Boden wieder antreten wird. Mit ihrer Barrenübung könnte Helen Kevric dann in ihrem ersten WM-Finale stehen.