Lange haben wir gezögert, ob wir diese Radtour machen sollen, haben uns über abwaschbare Landkarten gebeugt, Kaffee verplempert und im Internet immer wieder den genauen Verlauf dieser Tour zu ergründen versucht. Je mehr wir uns der Sache annahmen, desto größer und unwirklicher wurde sie, bis sie am Ende ein einziger Aufschub war. Solch ein Prokrastinieren hatten wir zuletzt zu Unizeiten erlebt. Eine Entscheidung musste her. Bloß welche? Synkopisches Fingerklopfen. Wir sahen durchs Fenster. Die Sonne schien. Synkopisches Fingerklopfen. Wir sahen durchs Fenster. Es regnete. Nach über einem Jahr hatten wir genug. Wir machen diese Fahrradtour jetzt, wir fahren auf der EHWS, der Europäischen Hauptwasserscheide durch Mittelfranken! Nirgendwo sonst auf ihrem wilden Weg von Gibraltar bis in die russischen Sümpfe lässt sie sich so gut mit dem Rad abfahren wie dort. Kein schroffes Zickzack wie in den Pyrenäen oder Alpen, sondern sanfte Hügel und moderate Anstiege. Ein Traum. Zumindest theoretisch, denn als Radweg ausgewiesen sind die gut hundert Kilometer von Feucht nach Treuchtlingen, die wir uns auserkoren hatten, nicht. Irgendwo in Mittelfranken Und dennoch: Was der Regen kann, können wir schon lange. Jeder Tropfen, der diesseits der EHWS fällt, landet irgendwann im Main, dann im Rhein und schließlich in Nordsee und Atlantik. Jeder Tropfen, der jenseits von ihr niedergeht, sickert, rinnt und fließt zur Donau und dann ins Schwarze Meer und Mittelmeer. Ein Dazwischen gibt es nicht, kein Zögern und Zaudern, kein Abwägen, kein Sowohl-als-auch, sondern ein messerscharfes Entweder-oder. Bereits der Bahnhof Feucht überforderte uns erneut. Sollten wir hier wirklich schon raus? Die Türen der S1 aus Nürnberg schlossen sich rabiat, und es ging weiter. Aber nicht bis Neumarkt! Das liegt zwar näher an der EHWS als Feucht, doch schon in der Oberpfalz. In Mittelfranken ist das keine Kleinigkeit. In Burgthann stiegen wir aus, und kaum, dass wir die 200 Meter zur Schleuse 35 geradelt waren, sahen wir uns auch schon mit dem Gegenteil der Europäischen Hauptwasserscheide konfrontiert: dem Ludwig-Main-Donau-Kanal. Im 19. Jahrhundert sollte er eben diese überwinden, indem er eine schiffbare Verbindung zwischen Main und Nordsee auf der einen und Donau und Schwarzem Meer auf der anderen Seite schuf. Hierfür bauten die Ingenieure Ludwigs I. von 1836 bis 1846 hundert Schleusen zwischen Bamberg und Kelheim. Profitabel war die 172 Kilometer lange Verbindung allerdings kaum: zu viele Schleusungen, zu langsam die Fahrt, zu hoch die Gebühren. Die Eisenbahn konnte das viel besser erledigen – zum Pläsier der Radfahrer von heute, die fröhlich auf den ehemaligen Treidelwegen unterwegs sind. Alle paar Minuten steht ein Biergarten wie die Schleuse 35. In der hatten wir soeben unsere erste Bratwurst verspeist. Mm, sollten wir angesichts der geänderten Bratwurstlage nicht besser den Kanal langfahren statt auf der nebulösen EHWS? Wir kratzten uns an Hals und Schläfe, denn auf einmal juckten diese ganz fürchterlich. Nein, wir werden nicht schwach! Wir bleiben bei unserer Linie und gehen all-in. Wo aber war sie? Das Einzige, was wir wussten, war, dass in Pyrbaum ein Wasserscheidebrunnen steht. Eine Riesenskulptur als größtmögliche Würdigung Nach zehn Kilometern hatten wir ihn erreicht. Er steht vor dem dann doch oberpfälzischem Rathaus und besteht aus rotierenden Metallkellen, die unermüdlich Wasser von der einen auf die andere Seite eines Steintrogs schöpfen. Wir radelten zügig weiter. Hinter Seligenporten ein Windrad. Bei Uttenhofen eine wieder mittelfränkische Bushaltestelle und ein Hinweisschild mit Pfeil: „Europäische Wasserscheide 461,4 m über NN“. Mm, aus der Richtung kamen wir gerade. Wohin jetzt? Gekonntes Umdrehen der abwaschbaren Radwanderkarte. Nach Ebenried und Mörsdorf! Dann sind wir schon fast am Main-Donau-Kanal und an Hannsjörg Vohts Riesenskulptur „Scheitelhaltung“. Sie ist die wohl größtmögliche Würdigung der EHWS überhaupt: Zwei lange Granitmauern an beiden Ufern laufen direkt aufeinander zu und scheinen den Kanal zu schneiden. Wir stiegen die Anhöhe hoch und setzten uns ins Gras. Von hier oben verbinden sich beide Mauern zu einer einzigen. Gänse flogen auf. Sonst tat sich nichts. Kein Binnenschiff, kein Angler, nur der Beton der alten Bundesrepublik. 32 Jahre hatte es gedauert, den modernen Bruder des Ludwigkanals zu bauen. Besonders erfolgreich scheint aber auch er nicht zu sein. Träge wechselten wir ans andere Ufer. Über 40 Kilometer waren wir jetzt insgesamt gefahren, eigentlich genug für die erste Etappe. Doch in Jahrdorf gab es kein Hotel, dort stand nur ein Wasserturm auf der Wasserscheide. Bei Mindorf gab es auch keines. Dort standen nur zwei alte Steinpfeiler auf einem Feld. Auch die Nazis hatten sich mit der sogenannten Mindorf-Linie in der Überwindung der EHWS in Mittelfranken versucht. Die Pfeiler sollten eine nie gebaute Brücke über den noch weniger gebauten Kanal stützen. An einer Landstraße war ein Kruzifix, daneben eine Bank. Wir steigen ab und leerten den Rest der famosen Pyraser-Limonade, die es hier bis 18 Uhr überall zu kaufen gibt. Ein Motorroller knatterte vorbei und wehte dem Kruzifix-Jesus die Haare ins Gesicht, wenn sie denn nicht aus Holz gewesen wären. Auffi, trieben wir uns söderhaft zurück in den Sattel, Eysölden und Stauf schaffen wir auch noch, und dann sind wir schon fast beim Gasthof Winkler in Alfershausen. Gleichmäßiges Pedaltreten. Die Sonne ging unter. Gleichmäßiges Pedaltreten. Die Sonne war untergegangen. Selten haben Schnitzel, Pommes und Bier so gut geschmeckt. So anstrengend Tag 1 gewesen war, so leicht verlief, als wenn die Nacht die Arbeit vom Vergnügen geschieden hätte, Tag 2. Sonntagsfroh fuhren wir den Gredl-Radweg hoch, denn dort stand, ebenfalls 461 Meter über dem Meeresspiegel, unser Wasserscheidedenkmal Nummer 3: ein gespaltener Baumstamm aus Beton. Weiter nach Laibstadt und Reuth unter Neuhaus. Stille Felder im Sonntagsstaat, in den Höfen Trecker und Spielzeugtrecker. Auf der eigentlichen Wasserscheide waren wir bislang nicht gefahren, und wenn, dann hatten wir es nicht bemerkt. Mal schlängelten wir uns an der atlantischen, mal an der mittelmeerischen Seite entlang. Hinter Bergen änderte sich das. Die Nachbardörfer Geyern, Kaltenbuch und Oberhochstatt liegen direkt auf der EHWS – und zwangsläufig auch die Straße, welche die drei Ortschaften verbindet. Hurra, endlich einmal mussten wir uns nicht entscheiden! Gleich in Geyern der erste Stopp: ein Wasserscheidebrunnen, leider versiegt. Hinter Kaltenbuch dann der nächste: die Steinerne Rinne von Rohrbach, hübsch in einem Wäldchen unterhalb der EHWS gelegen. Eine Steinerne Rinne ist ein Bach, der sein Bett durch Kalkablagerungen ständig selbst erhöht. Bei Rohrbach ist auf diese Weise ein schmaler, moosbewachsener Naturdamm von über 50 Meter Länge entstanden. Und wohin rinnt es, das sickernde Nass? In den Rohrbach rinnt es, und der fließt in den Felchbach und der in die Schwäbische Rezat und die in die Rednitz und die in die Regnitz und die endlich in den Main. Wir indes stürzten nun förmlich Richtung Altmühltal. Um 16.52 Uhr ging der Zug von Treuchtlingen nach Nürnberg, den wollten wir entschieden nicht verpassen. Zehn Kilometer bis Weißenburg, das uns nach all den beschaulichen Dörfern wie eine pulsierende Großstadt vorkam. Und dann weitere zehn Kilometer der Bahntrasse entlang nach Treuchtlingen. Schrebergärten, Regionalbahnwind, Intercityheulen. Wir waren fast schon da, als wir im Dorf Graben abermals einen steinernen Trog entdeckten: ein Wasserscheidebrunnen von 1935, 1983 umgesetzt und trotzdem versiegt. Nur ein paar Hundert Meter weiter dann ein rechteckiger See, auf dem Enten schwammen. Busse kamen, Bratwürste wurden serviert. Wir waren an den Überresten des Karlsgrabens, der „Fossa Carolina“. Auch Karl der Große hatte 793 versucht, einen Kanal zwischen den Einzugsgebieten von Main und Donau zu bauen. Hier zwischen Rezat und Altmühl war die kürzeste Stelle. Mehr als 3000 Meter aber schafften die fränkischen Wasserbauer damals wohl nicht. Anhaltender Regen und der sumpfige Untergrund verhinderten ein weiteres Überwinden der Europäischen Hauptwasserscheide, und die Fossa Carolina wurde zum Teich. Egal, manche Dinge muss man einfach machen, sagten wir uns und legten, da wir noch fast zwei Stunden Zeit hatten, mit einiger Entschlossenheit die Hände in den Schoß.
