Wertstoffhof: Lass es einfach dort Das Auto ist vollgeladen bis unters Dach mit altem Krempel. Bücher, Kleidung, der kaputte Wasserkocher, die verrosteten Gartenstühle. Das Ziel der Abfallfahrt: ein magischer Ort, der örtliche Wertstoffhof, bei mir im ländlichen Bayern. Er ist ein Ort, an dem Ordnung herrscht statt Chaos. Wo alles seinen Platz hat. An dem man seine alten Lasten abladen kann oder im Abfall anderer Schätze entdecken. Bereits beim Einfahren merkt man: Hier herrscht Klarheit. Im Reißverschlussverfahren ordnet man sich ein, wartet, bis man von einem orange betuchten Mitarbeiter in das Allerheiligste hineingewunken wird: den Containerhof. Ein stummes Nicken signalisiert: „Ich weiß, was ich tue.“ Und wenn man sich doch mal nicht zurechtfindet in der Containerlandschaft, wird man nicht alleingelassen. Da hat noch jemand ein Auge auf die Menge, die Art, das Ziel des Materials. Links die Altkleider, der Sperrmüll, dann reihen sich entgegen dem Uhrzeigersinn ein: Altglas, Altholz, Plastik, Wachs, Lack, Restmüll, Papier und Pappe, Elektrogeräte – sortiert nach Größe. In diesen Kreislauf ordnet sich alles ein, was man nicht mehr braucht, das belastet, Platz kostet. Hier kann man unschöne Erinnerungen loslassen, Ballast abwerfen. Da verschwindet ungeliebtes Schulmaterial im blauen Container, um kurz darauf von einem hydraulischen Arm zur Unkenntlichkeit in einen Block gepresst zu werden. Kleine Sperrmüllteile haben ihr eigenes Zuhause. Es klirrt und knackt und knallt, wenn man mit Schwung das rostige Rad oder den alten Bürostuhl in das metallene Maul schleudert. Dieser Ort voll schweren Metallgeräts erleichtert. Die Halle – das Refugium, die Schatztruhe. Dort landet, was einige aussortieren, aber anderen noch Freude macht. Möbel, Deko, Kinderwagen, Sportgeräte. Das Geben und Nehmen auf dem Recyclinghof, es schafft nachhaltig Nähe. Für manche Materialien ist der Recyclinghof der nötige Ort, damit sie überhaupt entstehen können: Aus altem Glas entsteht neues, aus verbogener Pappe ein neuer Karton, aus Gartenabfall neue Erde. Eine Zeit der Entsorgung, eine Zeit der Erneuerung. Wenn man dann nach getaner Arbeit, spürbar erleichtert, den Hof verlässt, stellt sich ein Gefühl der Zufriedenheit ein. Man hat etwas geschafft, kann sich auf den Anblick leerer Regale und entrümpelter Ecken zu Hause freuen. Die Poesie des Recyclinghofs, sie berührt mich immer wieder aufs Neue. Anna Seifert Supermarkt: Butter gegen den Blues Ein gewöhnlicher Supermarkteinkauf macht nichts mit mir. Stoisch arbeite ich meine Einkaufsliste ab. Haferflocken, Milch, Joghurt, Frischkäse, Pasta – mir reicht ein kleiner Korb. Nach dem Einkauf verlasse ich den Laden mit nichts außer Haferflocken, Milch, Joghurt, Frischkäse, Pasta. Entspannung hole ich mir woanders – im schöneren Supermarkt etwas weiter weg. Alle großen Ketten haben schließlich solche und solche Filialen, und der besonders schöne ist in diesem Fall ein Edeka. In der Familie nennen wir ihn mittlerweile Edeka chic. Entspannt schiebe ich die Schätze in meinem großen Einkaufswagen vor mir her und gerate in den Kaufrausch. Mir ist schon klar, dass das sanfte Licht und die häppchenverteilenden Typen des Senf-Unternehmens kein Zufall sind, sondern darauf abzielen, dass ich als Konsumentin zugreife. Aber hier im Keller meines Edeka chic kaufe ich nicht nur ein. Spätestens in der Schlange für die Quiche Lorraine zum Abendessen kommt mir auch der Kummer, der mich die Woche über umgetrieben hat, nicht mehr dramatisch vor. Selbst die Kinder sind mal ruhig, sie haben ja neue Trinkflaschen. So einfach geht Bedürfnisbefriedigung. Ich shoppe noch immer Butter statt Winterboots. Und eine ganze Reihe anderer Dinge, die nicht auf der Liste standen. 132,90 Euro, ruft die Kassiererin gefühlte Stunden später beim Bezahlen. Der Preis einer echten Wellnessbehandlung – allerdings ohne frische Pasta. Jennifer Wiebking Friedhof: Sanfter Respekt Meine Oma war früher immer am Rödeln, hat tausend Dinge gleichzeitig gemacht. Nur wenn wir Opa besuchen waren, kam sie runter. Auf dem Friedhof gab es, außer Gießen, nichts für sie zu tun. Nur da schien sie eine innere Ruhe zu finden. Heute mache ich selbst eine sehr ähnliche Erfahrung. Mein Opa ist mittlerweile zu weit weg. Aber auch vor fremden Toten braucht man keine Angst zu haben. Sie verlangen lediglich, in Frieden zu ruhen. Ich genieße das laute Leben, aber von dieser Ruhe will ich manchmal was abhaben, und die suche ich bisweilen auf dem Friedhof. Die Toten fordern mit ihrer Präsenz strenge Benimmregeln ein. Die Stimmung ist wie in einer Open-Air-Kirche. Auf dem Friedhof wird gemurmelt, nicht telefoniert oder angetrunken Spikeball gezockt. Niemandes Lieblingsmusik schallt über die Gräber. Fast scheint es, als bewegten die Menschen sich hier langsamer, als träten sie in gegenseitigem Respekt sanfter auf. Diese Umsicht finde ich nirgends sonst. Dass der Friedhof ein öffentlicher Ort ist, gratis und mit einer Fülle von Parkbänken, ist noch ein Pluspunkt. Klar, manche Gräber machen mich traurig. Andererseits rührt es mich zu sehen, wie Angehörige die Erinnerung an ihre Liebsten pflegen. Um sie während meiner Suche nach Erholung nicht zu stören, weiche ich ihnen aus. Am liebsten flaniere ich ohnehin in den Bereichen, wo die ältesten Bäume stehen, wo die Namen kurios werden. Da liegen die Toten schon sehr lange. Angehörige kommen hier nicht mehr zu Besuch – die liegen seit 50 Jahren daneben. Die sind wirklich so tot, sage ich mir, es stört sie nicht, dass ich nicht zu Besuch komme, sondern nur für meine eigene Entspannung. Wie bei meiner Oma hört das Multitasking auf, und die sich ewig fortsetzende To-do-Liste im Kopf friert ein. Emma Schmidt Das eigene Auto: Kuschelige Sitzheizung Für mich ist Autofahren mit das Entspannteste, was ich im Alltag mal schnell tun kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, dass ich mir me-time nehme, obwohl die gerade nicht drin ist. Denn ich fahre natürlich nicht Auto, wenn es nicht sein muss. Aber zur Arbeit, das muss eben sein. Oder einkaufen. Oder zum Sport. Und schwupps, habe ich Zeit für mich. Der Stress zu Hause – liegt hinter mir. Der Stress bei der Arbeit – noch vor mir. Hier im Auto gibt es nur mich, meine Sitzheizung und meinen Latte Macchiato, den ich mir vor längeren Strecken noch schnell in eine Thermoskanne gieße. Ich kann im Auto meine Gedanken schweifen lassen, Podcasts hören, laut schreien (habe ich wirklich schon mal gemacht, auf der Landstraße) oder die Musik voll aufdrehen, ohne dass ich mich dafür rechtfertigen müsste. Das entspannt wahnsinnig, nach längeren Autofahrten fühle ich mich oft mental so erholt, als hätte ich Yoga gemacht. Sehr schön auch: Wenn es draußen so richtig ungemütlich ist – dann bin ich im Auto kuschelig geborgen. Und ja, auch ich rege mich manchmal über andere Autofahrer auf. Aber das erzähle ich Ihnen ein andermal. Katrin Hummel Beim Blutspendedienst: Alles fließt Zu meinen liebsten Haushaltstätigkeiten gehören das Wäschewaschen und das Geschirrspülen. Genauer gesagt, das Anschalten der Waschmaschine und des Geschirrspülers und die Gewissheit, dass jetzt etwas vorangeht, dass Schmutziges sauber wird und ich gar nichts weiter tun muss (außer hinterher die Wäsche aufzuhängen und das Geschirr herauszunehmen, was ich beides nicht mehr ganz so mag). Eine ähnliche, ja sogar noch größere Befriedigung verschafft mir der regelmäßige Besuch beim Blutspendedienst: Hier tue ich sogar Gutes und muss ebenfalls nicht viel tun. Arbeiten muss nur mein Herz, nämlich das Blut durch meinen Körper pumpen, doch das tut es ja eh immer. Der Rest von mir entspannt sich im großen Saal auf einer der Liegen, und die Nadel im Arm drückt wirklich nur ein bisschen. Zehn Minuten, eine Viertelstunde vielleicht ruht man in sich und lässt alles fließen, panta rhei; man fühlt sich eins mit den Leuten auf den Nachbarliegen, kleine Kapillaren im großen Blutkreislauf der Welt, eins mit den anderen Spendern und den unbekannten Empfängern, und natürlich lässt man seinen Blick durch den Raum und die Gedanken schweifen, statt aufs Handy zu starren. Es ist ein Geben und Nehmen, denn man bekommt nicht nur etwas Zeit geschenkt, sondern hinterher ein Heiß- oder Kaltgetränk serviert, ein belegtes Brot oder Kekse. Außerdem darf man eine Tüte mit bemerkenswert ungesundem Kram wie Chips, Schokolade und Orangensaft mitnehmen, worüber sich dann auch die Lieben daheim freuen: ein Geschenk, in dem echtes Herzblut steckt. Jörg Thomann Autohaus: Im abgekühlten Showroom Es war mitten im Hochsommer, als ich per Post eine Rückrufmeldung bekam, bei unserem Auto müsse der Airbag ausgetauscht werden. Am Tag des Termins in der Werkstatt eines großen deutschen Autoherstellers ging es schon morgens auf die 30 Grad zu. Ich schlich im Stop and Go durch den Verkehr, Baustellen, Stau, Hupkonzerte. Leicht genervt erreichte ich das Autohaus, das mir am Tag zuvor noch eine E-Mail geschickt hatte: „Wir möchten Sie an Ihren Servicetermin in unserem Hause erinnern.“ Nun muss man wissen, dass ich unser Auto für normale Reparaturen in eine Hinterhofwerkstatt am anderen Ende der Stadt bringe. Keine E-Mails, man kann froh sein, wenn einer ans Telefon geht. Im Büro riecht es nach Motorenöl und Gummireifen. An den Wänden hängen vergilbte Autokalender, der einzige Stuhl für die Kundschaft ist zerschlissen. Der Chef ist ein Mensch der sparsamen Worte: „Reifenwechsel? Geht klar!“ Vermutlich ahnt er, dass ich für einen ausführlichen Kfz-Talk ohnehin nicht die richtige Gesprächspartnerin wäre. Trotzdem, ich war immer zufrieden. Vielleicht auch, weil ich es nicht anders kannte. An jenem hitzigen Sommertag aber betrat ich den gut gekühlten Showroom des Edelherstellers, in dem auch Neuwagen verkauft werden, und kam mir vor wie im Foyer eines Fünfsternehotels. Es fühlte sich an wie ein Upgrade, als sei ich von der Holzklasse in die First Class gebeamt worden, teure Möbel, Ledersofas, adrettes Personal. Die Dame hinter dem Designertresen begrüßte mich, als würde ich in der Präsidentensuite einchecken. Mit sanfter Stimme fragte sie alles ab und bot mir einen Kaffee an, den ein Mann in Schürze an der Hotel-, äh, Autohausbar mit echtem Barista-Schaum zubereitete. Ich aber hatte einen Termin und konnte mich nicht lange aufhalten. Auf dem Weg nach draußen warf ich einen Blick in die Werkstatt. Alles blitzsauber, als würden hier gar keine echten Autos repariert werden. Aber klar, als Kfz-Mechaniker ist man heute vielleicht mehr ITler als Tüftler. Gegen Mittag meldete sich über SMS ein netter Servicemitarbeiter, das Auto sei abholbereit. Ich fühlte mich wertgeschätzt an diesem Tag. Ein Stück Wellness bei brütender Hitze. Es war dann mein Mann, der mich am Abend auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Ich sollte mal überlegen, was eine normale Reparatur in so einer Fachwerkstatt koste. Diesen High-Class-Service zahle man ja mit (außer eben bei Rückrufaktionen). Gerade habe ich die Winterreifen aufziehen lassen. „Geht klar, Frau Schipp!“ Alles wie immer. Anke Schipp
