FAZ 03.01.2026
17:18 Uhr

Erzählungen von Gerda Blees: Die Warnung aus der Kaffeetasse


Für ihre intensiven Porträts wird die Literatur von Gerda Blees hochgeschätzt. Nun erscheinen auch die frühen Erzählungen der niederländischen Erfolgsautorin auf Deutsch, „Sommerwasserlinsen“ heißt der Band.

Erzählungen von Gerda Blees: Die Warnung aus der Kaffeetasse

Eine Frau lässt ein gestohlenes Baby etwas zu lange in einem Tiefkühlfach liegen. Ein Mann legt sich auf ein Gleis, aber der Zug will einfach nicht kommen, stattdessen kommt eine Amsel. Ein Junge will seinen Tischtennisball retten und springt in einen Kanal. Ein junger Mann stirbt auf einer Autofahrt mit zwei Freunden, weil er ihnen nicht sagen will, dass er Diabetiker ist. Ein magersüchtiges Mädchen, begabte Sängerin, stirbt während eines Konzerts auf der Schultoilette. Der Originaltitel der zehn Erzählungen von Gerda Blees lautet „An doodgan dachten we niet“, also „Ans Sterben dachten wir nicht“, und in der Tat tritt der Tod in der Mehrzahl dieser Geschichten sehr plötzlich auf. Oft ist es allein die erzählende In­stanz, in mehreren Fällen ein un­bestimmtes „wir“, die weiß, was passieren wird: „Gnade. Solenelle ist zwar gerade erst bewusstlos geworden, und es wird sich noch zeigen, ob sie rechtzeitig gefunden wird, aber daraus müssen wir jetzt noch kein Drama machen. Lasst uns erstmal ruhig ein- und ausatmen und schauen, was wir sehen.“ Diese mehr oder weniger ausgefeilte Erzählperspektive versetzt den Leser in allen Geschichten in eine überlegene und damit distanzierte Position gegenüber den handelnden (in der Mehrzahl eher erleidenden) Personen. Diese Überlegenheit lässt dann nach drei oder vier Geschichten allerdings auch eine gewisse Langeweile aufkommen. Zwar weiß der Leser im einzelnen nicht genau, was passieren wird, aber dass etwas passieren wird und es zumeist nicht gut ausgeht (einige der Erzählungen haben ein offenes Ende), weiß er sehr bald. Manche ­Enden sind brutal, manche haben fast noch etwas Versöhnliches, manche sind einfach grotesk. Eingeschränkte Wahrnehmung verhindert die Kommunikation Die Distanz, ja zuweilen gar die Kälte, die gegenüber dem Personal dieser Geschichten vorherrscht, ist ­allerdings kein Zufall, kein zum Markenzeichen ausgebauter Manierismus der Autorin. Denn der Kern dieser Erzählungen ist nicht der in verschiedenen Formen auftretende Tod als eine Art Deus ex machina. Blees’ Geschichten erzählen in ihrer Tiefenschicht allesamt von misslungener Kommunikation in den verschiedenartigsten Ausprägungen dieses Misslingens. Das beginnt damit, dass der Junge in der ­ersten Erzählung, während er darum kämpft, seinen Tischtennisball aus einem Schöpfwerkgitter zu befreien, als diesem sich zu Reinigungszwecken ein Greifarm nähert, warnende Stimmen nicht wahrnimmt, nämlich den Schrei einer Frau, die eine Kaffeetasse vom Balkon fallen lässt, und die Überlegungen eines Studenten, ob es nicht jetzt schon zu spät ist für den Jungen, der „nicht weiß, dass er von uns wahrgenommen wird und dass der Greifer fast bei ihm ist“. Eingeschränkte Wahrnehmung verhindert also die Kommunikation. In vielen der Geschichten spielt die Lüge eine Rolle, als konkrete kleine oder als Lebenslüge. Grotesk wird es, wenn Hanna, die vor Stunden ein Baby entführt hat, vom im gleichen Haus wohnenden Postboten belabert wird, der sich auf einen Plausch (und mit der Absicht der Anmache) bei ihr niederlässt. Sie hat den Säugling im letzten Moment im Gefrierfach ihres Kühlschranks abgelegt, mit einer Decke ausgepolstert, in der Hoffnung, ihn in wenigen Minuten wieder herausnehmen zu können. Als der Postbote endlich abgezogen ist und sie das Kind aus dem Kühlschrank nimmt, nimmt sie nicht wahr, „dass seine lilablauen Hände sich nicht zu Fäustchen ballen, dass es die Stirn nicht runzelt, dass sich der Brustkorb nicht mehr hebt und senkt“. Sie geht Windeln kaufen. 2021 hat Gerda Blees für ihren Roman „Wir sind das Licht“ den Literaturpreis der Europäischen Union erhalten. Darin geht es um eine Wohngemeinschaft, deren Bewohner glauben, man könnte sich ausschließlich von Licht ernähren, bis eine Bewohnerin den Hungertod stirbt. Die jetzt auf Deutsch vorliegenden Erzählungen, von Lisa Mensing gewandt übersetzt, sind in den Niederlanden bereits 2017 erschienen und waren Blees’ Debüt. Das Interesse der Autorin gilt ganz offenbar Menschen, die nicht nur bis an Grenzen gehen, sondern darüber hinaus. Man darf durchaus gespannt sein, wie es weitergeht. Gerda Blees: „Sommerwasserlinsen“. Erzählungen.Aus dem Nieder­ländischen von Lisa Mensing. Maro Verlag, Augsburg 2025. 124 S., br., 22,– €.