Gerade hat Hannes Schrader die eine Bühne verlassen, da soll er schon auf die nächste. Vom „Saal Europa“ in den „Saal Deutschland“, von den Jungunternehmern zu den Schülern. Doch Schrader hat keine Ahnung, wo dieser Saal sein soll. Irgendjemand nimmt ihn mit, durch irgendeine Glastür, rein in einen Fahrstuhl. Die Tür schließt, Schrader schnauft durch: „Ich bin vergnügungssüchtig. Ich habe Angst vor der Langeweile“, sagt er. Dann mal rein ins Vergnügen. Die Fahrstuhltür öffnet sich, Schrader eilt durch ein Parkhaus, kalt und zugig ist es hier, seine Schärpe fliegt im Wind. Rein ins nächste Gebäude, Drehkreuz, nächste Tür, die Zeit drängt. Hannes Schrader beginnt zu joggen. Da, endlich: ein Saal namens „Deutschland“. Schon erhebt der Moderator die Stimme: „Heute haben wir hohen Besuch: Die Blumenfee ist da!“ Hannes Schrader betritt die Bühne und lächelt. Der 34-Jährige – fast zwei Meter groß, gräulich-beige meliertes Jackett mit Einsteckstrauß, helle Sneaker, blonder Bart, Man Bun – ist der amtierende Botschafter für Blumen und Pflanzen: die Deutsche Blumenfee. Als erster Mann überhaupt übt er dieses Ehrenamt aus, das es seit 1983 gibt und das für Floristen und Gartenbauer so etwas ist wie die Deutsche Weinkönigin für Winzerinnen und Winzer. Diese hatten ja 2025 ebenfalls erwogen, erstmals einen Mann zu ihrer Majestät zu machen, mit ordentlich Tamtam in den Medien landauf, landab. Es gab sogar einen männlichen Finalisten. Am Ende wurde es doch wieder eine Frau. Wie immer. In der grünen Branche, wie sich Floristinnen, Zierpflanzengärtnerinnen, Gartenbauer, Blumenhändler und Co. nennen, sind sie einen Schritt weiter: Seit vergangenem September werden sie ein Jahr lang von einem Mann repräsentiert. Und der will Impulse setzen, etwa Ende Januar auf der Internationalen Pflanzenmesse (IPM) in Essen, ihrem wichtigsten Treffen überhaupt. Ein Junge mit Vorliebe für Blumen Hannes Schraders Liebe zu Blumen beginnt als Kind. Da verbringt er viel Zeit im Garten seiner Großeltern in Heemsen, einem Dorf zwischen Bremen und Hannover. Er lebt dort bis heute. Als kleiner Junge will er, so oft es geht, massenweise Osterglocken pflücken und sie alle seiner Mutter schenken. „Pflanzen und Blumen habe ich immer schon geliebt“, sagt er. Als Schüler macht er ein Praktikum in einem Blumenladen, nach der Schule eine Ausbildung als Florist. In seiner Berufsschulklasse sitzen 29 Frauen und zwei Männer. Danach macht er eine weitere Ausbildung zum Schneider und übernimmt ein Brautmodengeschäft im Nachbarort. Später eröffnet er zusätzlich einen Blumenladen. Und so ist er nunmehr dreierlei: Schneider, Florist und Fee. Als er hört, dass sich erstmals männliche und diverse Kandidaten auf das Amt der Blumenfee bewerben können, zögert er nicht. Ihn habe das schon lange gereizt, sagt Schrader. Der Gartenbau züchte Pflanzen, die weder männlich noch weiblich seien, sich selbst bestäuben können, bunteste Arten hervorbringen. „Ich wollte zeigen, dass wir genauso divers sein können.“ Der Zentralverband Gartenbau (ZVG), der die Blumenfee kürt, wählt ihn im Spätsommer einstimmig. Seither trägt Hannes Schrader Schärpe. Von Bühne zu Bühne, von Tiktok-Video zu Insta-Reel Wenn er sie im kommenden Herbst an eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger weitergibt, wird er um die 30 Veranstaltungen beackert, das Land recht gründlich vermessen haben. Bei Gartencentereröffnungen, Taufen neuer Pflanzensorten, Stadtfesten oder Messen vertritt er seine Zunft. Besonders voll ist sein Kalender aber vor allem jetzt, zwischen Januar und Valentinstag. Zur Essener Messe kam er direkt von der Grünen Woche in Berlin. Das hohe Pensum macht sich körperlich bemerkbar, am Vortag hat er sich eine Blase erlaufen. Das bewährte Schuhmodell wäre wohl klüger gewesen, überlegt er, aber die neuen Sneaker waren zu verlockend. Deshalb läuft er fortan mit schmerzenden Füßen von Bühne zu Bühne und von Tiktok-Video zu Insta-Reel. Im Ameisenhaufen Messe muss er als Blumenfee funktionieren, auf Knopfdruck, jederzeit. 40.000 Menschen sind da, gefühlt haben alle irgendetwas zu besprechen mit Herrn Blumenfee. Er ist pausenlos im Gespräch. Ständig bleibt er stehen. Hier ein Foto, da ein kurzer Schnack. „Ich kenn’ Sie doch“, ruft ihm eine Frau entgegen, „woher kenn’ ich Sie denn?“ Aus dem Fernsehen vielleicht, schlägt Schrader vor. Aus dem Fernsehen, jawoll. Denn Schrader ist nicht nur Schneider, Florist und Fee – er ist außerdem fernsehprominent. Im Reality-Format „Zwischen Tüll und Tränen“ verkauft er Bräuten in spe das passende Kleid. Nicht selten vermittelt er ihnen anschließend den Blumenschmuck dazu. Sein Blumenladen ist ja gleich ums Eck. An Blumen mag er ihre Vielfalt und die Emotionen, die man mit ihnen ausdrücken kann Schrader ist ein Tausendsassa, der den Rummel genießt. Schon immer habe er mehr Adrenalin gebraucht als die meisten anderen, sagt er. Aber er ist auch ein Profi, Vollblutflorist. Während es auf der Messe für den Laien einfach nach Blume duftet, und das nicht zu knapp, riecht Schrader hier Nelken, da Chrysanthemen, im nächsten Gang Tulpen. Als er bei einer Helikonie stehen bleibt und die rostrote, flauschig behaarte Blume berührt, sagt er: „Es ist doch faszinierend, was die Natur alles zu bieten hat.“ Dann stockt er kurz: „Also, na ja“, er lacht, „hier und da unterstützt von ein paar Blumenzüchtern.“ An Blumen möge er ihre Vielfalt und die Emotionen, die man mit ihnen ausdrücken könne: Freude, Liebe, Beileid. Vor allem aber, dass sie glücklich machen. Das tun sie tatsächlich, bestätigt Aletta Bonn. Die Biodiversitätsforscherin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig beschäftigt sich mit der Verbindung von Pflanzen und Menschen. Ihre Forschung zeigt, dass es uns besser geht, wenn wir uns regelmäßig mit Natur umgeben. In einer Untersuchung setzten Bonn und ihr Team Probanden für 20 Minuten in den Stadtwald. Diese waren danach aufmerksamer, besser gelaunt und weniger gestresst als zuvor. „Eine kurze Pause im Grünen erhöht nachweislich das Wohlbefinden“, sagt die Biologin. Ein geschenkter Blumenstrauß macht glücklich Nun ist das Setting im Wald freilich ein besonderes: frische Luft, überall Grün, Vogelzwitschern, der Geruch von Bäumen und Böden, kombiniert meist noch mit Bewegung. Positive Effekte zeigen sich jedoch schon bei kleineren Naturimpulsen: Schon Zimmerpflanzen im eigenen Zuhause können das Befinden verbessern. Pflanzen im Büro können Produktivität, Kreativität und Konzentration steigern. Wer aus dem Krankenhausfenster ins Grüne blickt, benötigt weniger Schmerzmittel als jemand, der auf die nächste Hauswand starrt. Städter, in deren Straßen Bäume stehen, haben ein verringertes Risiko, Antidepressiva zu brauchen, als jene, deren Viertel zubetoniert sind. Und ein geschenkter Blumenstrauß, etwa zum Valentinstag, macht glücklich. Um das Wohlbefinden zu verbessern, genüge es manchmal sogar, Fotos von Blumen und Pflanzen anzuschauen, sagt Aletta Bonn. Der Blutdruck sinkt, der Kopf wird freier. Stress Reduction Theory und Attention Restoration Theory nennt das die Wissenschaft. „Bei Menschen, die sich nicht gut bewegen und in die freie Natur gehen können, könnte auch schon die Blume zu Hause oder eine Tapete mit Baummotiv helfen“, sagt Bonn. Wer sich zusätzlich bewusst mit seinen Pflanzen beschäftige – sie gieße, sie berühre oder an ihnen rieche –, bei dem verstärke sich die Wirkung noch. Ob Hannes Schrader den Trubel so gut wegsteckt, weil sich die Pflanzen hier förmlich stapeln, vom Kaktus im Topf bis zum prämierten Meisterstrauß? Weil er die Blumen berührt, sie bewusst betrachtet, an ihnen riecht? Wie er auftritt, kommt jedenfalls gut an in seiner Welt. Offen, sympathisch, interessiert, enthusiastisch, so beschreiben ihn die Menschen in Essen. „Er ist klasse“, sagt ZVG-Präsidentin Eva Kähler-Theuerkauf, „nimmt alle mit, jung, alt, alle Geschlechter.“ Einige ehemalige Blumenfeen sind ebenfalls auf der IPM unterwegs, auch sie sagen unisono: Der Hannes, der kann es. Gartenbau und Floristik stecken in der Krise, die Fee soll helfen Vor allem eines soll er können: eine Verbindung zur Jugend schaffen. Denn Gartenbau und Floristik stecken in der Krise. Der Nachwuchs fehlt, die Gehälter sind nicht gerade attraktiv. Seit Jahren schließen immer mehr Blumenläden. Zudem geht die Nachfrage zurück: Kürzlich veröffentlichte Daten des ZVG zeigen, dass die Deutschen immer weniger Geld für Blumen und Zierpflanzen ausgeben: 2025 waren es nur noch 102 Euro pro Kopf, Tendenz fallend. Der Jahresumsatz fiel auf 8,5 Milliarden Euro, vor fünf Jahren waren es noch mehr als 10 Milliarden. Und wenn gekauft wird, dann immer öfter günstig im Supermarkt statt beim Blumenladen um die Ecke. Innovationen allein reichen da nicht mehr – nicht der smarte Blumenkübel, die hitzeresistente Pflanze oder das solarbetriebene Bewässerungssystem, die auf der IPM gezeigt werden. Vor allem braucht es junge Leute. Die will die Branche ansprechen: Während sich am einen Ende der Messe Jungunternehmer vernetzen, rätseln sich andernorts Mittelstufenschüler bei einer Blumen-Rallye durch die Hallen. Der ZVG kooperiert mit Garten-Bloggern, um grünen Berufen mehr Sichtbarkeit in den Sozialen Medien zu verleihen. Alles mit einem Ziel: „das Strohhut-Image loswerden“, wie ZVG-Pressesprecherin Patricia Steinborn sagt. Darin sieht auch Hannes Schrader seine Aufgabe. „Den jungen Leuten kann ich noch vermitteln, wie toll Blumen sind“, sagt er. Dafür nimmt er den Terminstress in Kauf. Er werde danach wohl ein paar Tage Pause brauchen, gesteht er. Heim ins kleine Dorf, Smartphone aus, spazieren gehen mit Steven, seinem Mann, und Hilde, seiner Hündin. Im Garten im Unkraut wühlen. Oder in aller Ruhe einen Wiesenkräuterstrauß binden, denn die mag er am liebsten. Auch Merz erhält einen Blumenstrauß Bis es so weit ist, muss er sich aber noch etwas gedulden. In einer Woche ist Valentinstag, einer der wichtigsten Tage überhaupt für Floristinnen und Floristen. Und dann ist da ja noch der Besuch beim Bundeskanzler: Alljährlich schenkt die Deutsche Blumenfee dem Regierungschef kurz vor Valentinstag einen Strauß. Für Friedrich Merz wird es der erste sein, für Hannes Schrader auch. Welche Blumen bringt man einem Kanzler, den die meisten wohl als eher unblumig erachten? Er habe sich viel mit dieser Frage beschäftigt, sagt Schrader, der den Strauß selbst binden wird. Verraten will er nicht zu viel. Kein Rosa jedenfalls, auch kein Pink, eher nicht so bunt und vor allem heimische Pflanzen. Blumen können uns glücklich machen, ein Zeichen der Liebe und der Zuneigung sein. Manchmal sind sie aber eben auch Politik.
