FAZ 05.02.2026
10:39 Uhr

Erste Spiele in Cortina: „Es wurde Geld gezahlt, dass die Spiele ins Fernsehen kamen“


Vor 70 Jahren waren die Winterspiele schon in Cortina. Sie boten Neues, sagt ein Sporthistoriker: Die „geteilten“ Deutschen beugen sich einer Friedensinitiative – und eine Frau darf den Eid sprechen.

Erste Spiele in Cortina: „Es wurde Geld gezahlt, dass die Spiele ins Fernsehen kamen“

Am Freitag beginnen die Olympischen Winterspiele. Mitausrichter ist Cortina d’Ampezzo in den italienischen Alpen, zum zweiten Mal nach 1956. Auf welchem Stand waren die Spiele damals? Im Vergleich zu Chamonix (Premiere 1924/ d. Red.) hatten sich die Winterspiele bis Cortina stark weiterentwickelt und als großer Höhepunkt der Wintersportbewegung etabliert. Das illustrieren auch die Teilnehmerzahlen: In Chamonix waren 281 Athleten aus 16 Nationen vertreten, in Cortina waren es 32 Länder mit 818 Startern. Cortina knüpfte 1956 erfolgreich an Oslo 1952 an, die Spiele am Holmenkollen waren bereits ein großer Fortschritt. Die Tage von Cortina haben schließlich die Weiterentwicklung der Olympischen Winterspiele noch einmal forciert. Woran machen Sie das fest? Zunächst einmal haben die Winterspiele in Cortina 1956 eine ganz neue Visibilität geschaffen. Es waren die ersten Winterspiele, bei denen das Fernsehen dabei war. Einige Wettkämpfe wurden auch live übertragen. Das gab der olympischen Wintersport-Bewegung einen enormen Schub. Interessanterweise musste das Organisationskomitee selbst rund eine Million Euro – nach heutigem Stand – für die Infrastruktur der Übertragungen in die Hand nehmen. Einen Rechteverkauf gab es noch nicht, im Gegenteil, es wurde Geld dafür gezahlt, dass die Spiele ins Fernsehen kamen. Außerdem startete die Sowjetunion erstmals bei Winterspielen. Warum kam es erst 1956 dazu? Die Sowjets hatten ihr NOK, das Nationale Olympische Komitee, erst 1949 gegründet. Bis dahin galten die Spiele der sowjetischen Regierung als zu bourgeois und zu elitär, für sie war die olympische Bewegung eine Chiffre für Kapitalismus. Aber in dem Maße, in dem die Olympischen Spiele an Strahlkraft und Popularität gewannen, erweckten sie das Interesse der Sowjetunion als Messe für ihre nationale Stärke und ihre internationale Souveränität. Die erste sowjetische Olympia-Mannschaft startete schließlich im Sommer 1952 in Helsinki. Für die Winterdisziplinen fühlte man sich noch nicht stark genug. Man wollte nicht als Verlierernation dastehen und begann im Nachgang der Winterspiele von Oslo mit dem Aufbau von Wintersportstrukturen. Die Sowjetunion gewann schließlich in Cortina die Medaillenwertung mit sieben Goldmedaillen, dahinter folgten Österreich, Finnland und die Schweiz mit drei Olympiasiegen. Sportpolitisch bedeutend war in Cortina auch die erstmalige Teilnahme einer gesamtdeutschen Mannschaft. Wie kam es dazu? Zuvor, bei den Sommerspielen 1952 in Helsinki, ist die BRD noch allein gestartet. Das westdeutsche NOK wurde 1949 gegründet und 1951 anerkannt, der Weg war also frei für eine Teilnahme an Olympischen Spielen. Die DDR gründete 1951 ein NOK, das wurde aber vom IOC, dem Internationalen Olympischen Komitee, nicht anerkannt. Erst 1955 erhielt das NOK der DDR eine provisorische Anerkennung seitens des IOC – allerdings mit der Auflage, bei einer Olympia-Teilnahme Teil einer gesamtdeutschen Mannschaft zu sein. Dazu kam es dann erstmals 1956 in Cortina. Das war als Friedensinitiative des IOC im Kalten Krieg gedacht. Als Auflehnen gegen geopolitische Tatsachen von zwei deutschen Staaten und als Gedanke, dass es für die olympische Familie nur ein Deutschland gibt. Die Organisation dieser Mannschaft war gar nicht so leicht in Bezug auf Nominierungskriterien und die Repräsentation vor Ort. Gestartet sind letztlich 63 Athleten, elf von ihnen kamen aus der DDR. Die gewonnenen Medaillen wurden passenderweise auch paritätisch aufgeteilt. Es gab eine Goldmedaille für die bayerische Skirennfahrerin Ossi Reichert im Riesenslalom und eine Bronzemedaille für den DDR-Skispringer Harry Glaß. Mehr nicht. Wie bewerten Sie diese sportpolitische Initiative, 1956 nur von einem Deutschland auszugehen? Für mich ist das eine großartige Idee. Diese Initiative entfaltete durchaus eine Wirkung. Die war aber mit dem Bau der Mauer 1961 verpufft. Trotzdem gab es 1964 im Winter und im Sommer noch einmal eine gesamtdeutsche Mannschaft bei Olympischen Spielen. Cortina hatte bereits die Winterspiele 1944 zugesprochen bekommen, die aber wegen des Zweiten Weltkriegs nicht stattfanden. Danach bewarb sich die kleine Stadt mit damals nur 6500 Einwohnern wieder und erhielt für 1956 den Zuschlag. Was erhoffte sich die Gemeinde davon? Dem offiziellen Report der Spiele ist zu entnehmen, dass die Förderung des Wintersports in Italien das wichtigste Ziel war, das mit dem Zuschlag für Cortina verbunden war. In Österreich und in der Schweiz gab es damals schon sehr weit entwickelte, zum Teil mondäne Skiorte, das waren für den Norden Italiens Konkurrenzregionen. Die touristische Erschließung eines Gebietes war immer schon eine Motivation für die Ausrichtung von Olympischen Winterspielen. Sie ermöglicht grundsätzlich eine weitere Optimierung der Tourismuslandschaft, vor allem infrastrukturell. Für die Spiele musste einiges neu gebaut werden in Cortina. Entstanden ist unter anderem ein Olympiastadion. Es war damals sehr innovativ, was ist daraus geworden? Es wurde direkt nach dem Zuschlag für die Spiele 1949 in Auftrag gegeben. Es handelte sich um einen kompletten Neubau und ein Freiluftstadion. Es war Schauplatz der Eröffnungs- und Schlussfeier, der Eiskunstlaufwettbewerbe und ausgewählter Eishockeyspiele. Es fasste bis zu 10.000 Zuschauer, für damalige Verhältnisse war es eine riesige Arena mit Platz für zwei Eishockeyfelder. Tatsächlich ist es erhalten geblieben und wird bei den Spielen 2026 als Curling-Arena genutzt. Es ist inzwischen überdacht. Allerdings wurden für 2026 die alte Bobbahn von 1956 für die aktuellen Spiele abgerissen und neu aufgebaut, verbunden mit Protesten und sehr hohen Kosten im dreistelligen Millionenbereich. Die Skisprunganlage von Cortina 1956 ist mittlerweile stillgelegt, die Skisprungwettbewerbe finden 2026 auf den ebenfalls für viel Geld renovierten Schanzen in Predazzo statt. Welche Kosten mussten der italienische Staat und das italienische Olympische Komitee für die Spiele 1956 stemmen? Nach heutiger Lesart lägen die Kosten bei rund 60 Millionen Euro. 18 Prozent steuerte die Regierung bei, der Rest kam vom Olympischen Komitee Italiens und von Sponsoren. Am Ende hat das Geld gereicht. Es gab keinen Verlust. Aber auch keinen Gewinn. Auffällig ist, dass von den 25 Entscheidungen nur drei bei den Alpinen, zwei im Langlauf und zwei im Eiskunstlaufen mit Frauen stattfanden ... ...  das klingt aus heutiger Sicht absurd, auch das Verhältnis von Männern zu Frauen bei den Teilnehmenden. Von den 818 gemeldeten Athleten waren 132 Frauen, das entspricht einer Teilnehmerquote von 16 Prozent. Das ist eklatant wenig, galt in der damaligen Zeit aber als völlig normal. Die Diskussion über das Missverhältnis von Frauen und Männern im Teilnehmerfeld kam auch schon in den ZwanzigerjJahren bei den Sommerspielen auf. Viel geändert hatte sich bis 1956 am Status quo aber nicht. Immerhin durfte 1956 mit der italienischen alpinen Skifahrerin Giuliana Chenal Minuzzo eine Frau den olympischen Eid sprechen. Das war ein Novum. Bei den Spielen von 2026 werden für die 116 Entscheidungen rund 3000 Sportler erwartet, es wird ein ausgewogenes Verhältnis und ein Frauenanteil von 47 Prozent angestrebt. Die Spiele hatten mit dem Österreicher Toni Sailer, der alle drei alpinen Wettbewerbe mit zum Teil surrealem Vorsprung gewann, einen Star. Im Riesenslalom etwa war er 6,2 Sekunden schneller als der Zweitplatzierte. Wie wurde Sailer damals wahrgenommen? Toni Sailer war in der Tat völlig konkurrenzlos. Ein Ausnahmeathlet, 1956 war er erst 20 Jahre alt. Er wurde mächtig gefeiert und gehypt. Er beendete allerdings schon 1959 seine aktive Karriere. Inzwischen wird die Person Sailer allerdings ganz anders betrachtet. 1999 wurde er noch zu Österreichs Sportler des Jahrhunderts gewählt. Schon in den Siebzigerjahren kamen Vergewaltigungsvorwürfe auf, die Sailer vehement bestritt. Nach seinem Tod im Jahr 2009 kamen diese Vorwürfe allerdings erneut auf. Das alles hat Sailers Ansehen in der Öffentlichkeit massiv geschadet. Was können Sie zum Zuschauerinteresse der Spiele von Cortina 1956 sagen? In Cortina war das Stadion bei der Eröffnungsfeier ausverkauft, mit rund 9000 Zuschauern. Sie war sehr atmosphärisch, es begann sogar leicht zu schneien. Übrigens wurde das olympische Feuer für Cortina 1956 nicht im heiligen Hain von Olympia entzündet, sondern in Rom, in den Überresten des Jupiter-Tempels. Insgesamt wurden 150.000 Eintrittskarten verkauft, es hätten mehr sein können. Aber wegen der TV-Übertragungen scheuten offenbar einige Wintersportfans die mühsame Anreise über komplizierte Transportwege.