Die erste Hybridschule Deutschlands nimmt Gestalt an. Im Frankfurter Neubaugebiet Schönhofviertel entsteht eine Grundschule für 500 Kinder, die mit 134 Wohnungen kombiniert wird. Klassenzimmer und Wohnungen werden in einem siebengeschossigen Block übereinandergestapelt: In die ersten beiden Etagen zieht die Grundschule, deren Sporthalle noch tiefer im zweiten Untergeschoss gründet. In den fünf oberen Geschossen befinden sich die Wohnungen, davon sind 90 Prozent gefördert. Die Nassauische Heimstätte ist der Bauherr und vermietet die Schule an die Stadt. Voraussichtlich Mitte 2027 soll sie fertig sein. Die ungewöhnliche Konstruktion verdankt sich einem Zufall. Wie Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD) erläutert, hatte sich die Stadt wegen der stetig wachsenden Einwohnerzahl dazu entschieden, das Neubaugebiet auf dem früheren Siemens-Areal in Bockenheim stärker zu verdichten als ursprünglich geplant. Mit den zusätzlichen Wohnungen entstand jedoch der Bedarf für eine Grundschule, die eigentlich nicht vorgesehen war. Allerdings fehlte der Platz dafür, weil die Bruttogeschossfläche in dem Neubaugebiet bereits verteilt war. Ein Baufeld am sogenannten Quartiersplatz wurde schließlich ausgewählt, allerdings mussten dort auch Wohnungen untergebracht werden. In einem Wettbewerb war es den Teilnehmern freigestellt, wie sie die Schule und die Wohnungen auf dem dafür vorgesehenen Baufeld anordnen. Das Architekturbüro a+r aus Stuttgart setzte sich mit dem Vorschlag durch, die Schule und die Wohnungen nicht in getrennten Baukörpern zu planen, sondern übereinanderzustapeln. Lange Laubengänge führen zu den Wohnungen „Will man in einem siebengeschossigen Gebäude im Erdgeschoss wohnen?“, fragt der leitende Architekt Steffen Poschik jetzt rhetorisch bei einem Rundgang über die Baustelle. Es erschien seinem Büro viel sinnvoller, in den unteren Etagen die Schule mit Mensa, Bücherei, Klassenräumen und Lehrerzimmer anzuordnen. Im Zentrum des Blocks befindet sich die Sporthalle, und auf dem Dach der Halle ruhen im ersten Obergeschoss Wohngärten und der Pausenhof, der vom Innenhof über eine breite Treppe zu erreichen ist. Von außen soll die Grundschule klar erkennbar sein und sich durch eine Klinkerfassade von den höher gelegenen Wohngeschossen abheben. Der Haupteingang liegt am Quartiersplatz. Die Wohnungen werden separat erschlossen. Weil aber nur Platz für vier Treppenhäuser ist, gelangen die Mieter über lange Laubengänge, die am Innenhof entlangführen, zu ihren Wohnungstüren. Auch die Sporthalle hat einen separaten Eingang und kann nachmittags und abends von Vereinen genutzt werden. Architekt Poschik spricht von einem „kombinierten Lebensraum“. Unter seinen Berufskollegen findet die Hybridschule großen Anklang. Das Projekt stand im Mittelpunkt eines Symposiums, das der Bund Deutscher Architekten in dieser Woche unter der Überschrift „Bildungsorte – demokratische Stadtbausteine“ veranstaltet hat. Antje Voigt hat das Symposium organisiert und tritt dafür ein, Bildungsorte stärker zu öffnen. Sie meint: „Gebäude rahmen unser tägliches Zusammenleben. Es geht darum, sie lebendig, vielfältig und geteilt zu nutzen.“ Doch einige Kommunen gingen inzwischen dazu über, Schulbauten als Komplettpaket „schnell und billig“ realisieren zu lassen. „Schulbauten dürfen nicht zur eindimensionalen Beschaffungsware verkommen“, meint Voigt. „Es ist mutig, solche Schritte zu gehen“ Astrid Wuttke vom Frankfurter Architekturbüro Schneider + Schumacher hält die Hybridschule für ein „Vorbildprojekt“. Gertrudis Peters, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Architektenkammer Hessen, ist ebenfalls angetan. „Es ist mutig, solche Schritte zu gehen und neue Erfahrungen zu sammeln. Wir müssen lernen, wieder dichter zu leben.“ Sie wünscht dem Projekt viel Glück und hofft, dass es „Schule macht“. Auf städtischer Seite hat Monika Ripperger, Abteilungsleiterin im Stadtschulamt, das Projekt begleitet. Sie hat sich Hybridschulen in Amsterdam angeschaut, denn in den Niederlanden hat man bereits Erfahrungen mit diesem Konzept. Ripperger erläutert, wie sich der Schulbau in Frankfurt verändert hat: „Früher hat man additiv geplant, heute planen wir integrativ.“ Es gehe darum, auf den wenigen noch verfügbaren Flächen im dicht besiedelten Stadtgebiet inklusive und ganztägige Bildungsorte zu planen, die nicht mehr nur halbtags genutzt würden. Erschwerend kommt in Frankfurt hinzu, dass auch die Pausen- und Bewegungsflächen für die Schüler kaum noch in der nötigen Größe zur Verfügung gestellt werden können. „Es ist heute nicht mehr möglich, so große Schulhöfe zu planen“, sagt Ripperger. Im Schönhofviertel sollen die Schüler deshalb auch Teile des Quartiersplatzes sowie angrenzende Parkflächen nutzen, die den kleinen Schulhof ausgleichen sollen. „Ein Sandwich zu bauen, ist komplizierter“ Der Projektleiter Frank Wiegmann hat die Freiräume im Schönhofviertel für das Landschaftsarchitekturbüro Bierbaum Aichele entworfen. Von den beiden 200 Meter langen und 50 Meter breiten Parkanlagen mit geschwungenen Wegen, Spielgeräten, Bäumen und Mulden wird vorerst allerdings nur eine realisiert. Für die Schule entsteht auch noch ein Sportfeld mit 50-Meter-Laufbahn und Sprunggrube. „Die Freiflächen dienen zur Kompensation und werden auf den Schulhof angerechnet“, sagt Wiegmann. Doch was die Planer vollmundig als „grünes Klassenzimmer“ beschreiben, nennt Ripperger einen „schmalen Grünstreifen“. Es sei nicht immer einfach, die Planungskultur in der Verwaltung an die neuen Herausforderungen anzupassen: „Auch die Ämter müssen hybrid denken.“ Roland Hatz, Abteilungsleiter im Amt für Bau und Immobilien, teilt diese Einschätzung: „Ein Sandwich zu bauen, ist komplizierter als ein Neubau auf der grünen Wiese.“ Die Verwaltung lerne bei solchen Projekten viel dazu. Ripperger gibt allgemein zu bedenken, dass Planungsprozesse im Schulbau nicht zu lange dauern dürften: „Man kann nicht vermitteln, wie viel Zeit es braucht, bis man den Schlüssel umdrehen kann.“
