Ausschweifend jubeln mochte jenseits der Augsburger Gemeinde niemand über die erste Niederlage des FC Bayern in der laufenden Bundesligasaison, die weite Teile der Liga zweifellos erfreut. Zwischen den Zeilen war immerhin beim Tabellenzweiten Borussia Dortmund zu vernehmen, dass vielleicht doch noch ein Hoffnungsschimmer auf den Meistertitel vorhanden ist. Und in Leverkusen wurde gefeiert, dass Bayer 04 ein weiteres Jahr der einzige Klub bleiben wird, der ungeschlagen deutscher Meister wurde. Aber vielleicht wird in den kommenden Wochen doch so etwas wie ein kollektives Aufatmen spürbar werden, weil ja nicht nur der Wettbewerb unter der unerbittlichen Dominanz der Bayern gelitten hat. Überall fühlt sich die eigene Leistung ein Stück schlechter an, weil es diesen Streber von der Säbener Straße gibt, der alles am besten kann. Sogar jene Dinge, die die Konkurrenz in anderen Jahren gelegentlich genauso gut oder sogar besser beherrscht: Disziplin beim Verteidigen, Einsatzbereitschaft, Hingabe. Dass sich der Vergleich zu den Bayern im bisherigen Saisonverlauf auch hier für alle anderen demütigend anfühlte, ist zu einem atmosphärischen Grundproblem der Bundesliga geworden, auf das Lukas Kwasniok am Freitag hingewiesen hat. „In welchem Klub ist es denn positiv?“, fragte der Kölner Trainer vor dem Spiel in Freiburg und erklärte: „Ich habe das Gefühl, ab Platz zwei ist alles bodenlos, alle sind unfassbar schlecht, und es macht gar keinen Spaß, da zuzuschauen. Die Stimmungslage, die Erwartungshaltung bei den Menschen ist so extrem geworden, dass der zweite Platz nichts mehr wert ist. Das ist ein Fehler im System.“ Das ist eine interessante Feststellung, die als Kritik an den Experten und der medialen Berichterstattung und einer gesellschaftlichen Grundstimmung angelegt war. Wer in dieser Saison regelmäßig Bundesligaspiele anschaut, kann jedoch kaum übersehen, welche fußballerischen Schwächen das Spiel von Bayer Leverkusen hat. Gut erkennbar ist auch, wie unfähig Eintracht Frankfurt ist, als Kollektiv das eigene Tor zu verteidigen, und wie fehlerhaft die Champions-League-Stars von Borussia Dortmund oft einfache Aktionen mit dem Ball ausführen. Nicht einmal die Trainer und die Spieler widersprechen den Beobachtern, die solche Probleme als störendes Defizit beschreiben. Relativ konstant guten Fußball auf hohem Niveau spielen immerhin Stuttgart sowie die unbeschwerte TSG Hoffenheim, deren Auftritte leider kaum jemand sehen möchte. Kwasniok nennt sich selbst übrigens „Entertrainer“ und sagt: „Wir arbeiten in einer Unterhaltungsbranche.“ Doch die Unterhaltungsqualität leidet, weil es in vielen Spielen an Mut, Risikobereitschaft, Kreativität und technischer Finesse mangelt. Entweder weil die Spieler nicht gut genug sind, um sich in dem immer besser organisierten Zerstörungsdruck der meisten Teams zu entfalten, weil Trainer allzu destruktive Ansätze wählen oder weil ihre Kader leergekauft wurden. Im bisherigen Saisonverlauf hat die bloße Existenz der Superbayern all das verstärkt, weil sie nicht nur Punkte, sondern gerade den anderen Spitzenmannschaften auch das Selbstwertgefühl raubten. Der plötzlich sichtbare menschliche Makel der Münchner ist daher auf allen Ebenen ein Gewinn für die Liga. Gerne mehr davon.
