FAZ 04.12.2025
15:00 Uhr

Erste 360-Grad-Drohne: Die neue Freiheit am Himmel


Eine neue Drohne erstellt 360-Grad-Videos und zeigt dem Pilot am Boden, was sie gerade sieht. Die A1 von Antigravity im ersten Test.

Erste 360-Grad-Drohne: Die neue Freiheit am Himmel

Frei wie ein Vogel fliegen, nichts einfacher als das. Wir fliegen über einen Acker, in großer Entfernung ist ein kleines Dorf zu sehen, der Flug geht in nördliche Richtung und wir schauen aus einer Höhe von etwa 80 Meter nicht nur nach links und rechts, sondern auch zurück in den Süden, also entgegengesetzt zur Flugrichtung. Diese Übung gelingt mit einer besonderen Drohne, die ihr Videobild nahezu ohne Latenz auf der Brille des am Boden stehenden Piloten zeigt. Gemeint sind FPV-Drohnen, die Abkürzung steht für First Person View. Der Drohnenkommandeur schaut nicht mehr, wie bislang, auf einen Handybildschirm oder eine Fernbedienung mit Monitor, sondern erlebt seinen Flug aus der Perspektive der Drohne, quasi wie ein Vogelflug, ein ungewöhnliches Erlebnis. FPV-Drohnen gibt es schon lange, aber nun ist die erste 360-Grad-Drohne im Handel, die 8K-Videos aufnimmt und sich selbst aus dem Bildmaterial herausrechnet. Aber nicht nur das. Die A1 von Antigravity bietet ein vom Hersteller so genanntes Free-Motion-Erlebnis für bisher nicht erlebbaren Perspektivenwechsel. Wie eingangs beschrieben ist das, was der Pilot sieht, vollkommen unabhängig von der Flugrichtung. Bei bisherigen FPV-Drohnen sieht man, worauf man zufliegt. Hier steuert man mit dem Controller in eine beliebige Richtung und kann in eine andere schauen. Vor dem Staunen kommt jedoch das Lernen. Die A1 kostet in verschiedenen Varianten zwischen 1400 und 1700 Euro. An dem jungen Unternehmen Antigravity ist der chinesische Hersteller Insta360 maßgeblich beteiligt. Die eigentliche Drohne wiegt mit Standardakku 249 Gramm, darf also ohne Drohnenführerschein bewegt werden. Ein Kameraauge mit 4K schaut nach oben, das zweite mit ebenfalls 4K nach unten. Beide Fisheye-Linsen überlappen sich mit großem Blickwinkel, was es der Software erlaubt, die Drohne herauszurechnen und die Illusion einer unsichtbaren Kamera zu erzeugen. Verarbeitungsqualität leider nur mau Die mechanische Verarbeitungsqualität der A1 wirkt nur befriedigend, ihr Speicherkartenschacht und der USB-C-Anschluss rückseitig sind ungeschützt. Die Propeller lassen sich nur mit Werkzeug wechseln, und die Statoren des bürstenlosen Gleichstrommotors sind ebenfalls ungeschützt. Die Pilotenbrille mit zwei ausklappbaren Antennen hat an der Unterseite Drehrädchen zur Dioptrienkorrektur und zur Einstellung des Augenabstandes. Leider kommt noch ein externes Batteriepack dazu, das man sich um den Hals hängt. Die beiden Displays für das linke und rechte Auge lösen mit jeweils 2560 × 2560 Pixel auf und sind dank Oled-Technik sehr überzeugend. Auch gibt es einen eingebauten Lüfter, um möglichen Beschlag bei Temperaturwechsel zu beseitigen. Eine großartige Idee ist das Außendisplay im linken Brillenauge, mit dessen Hilfe die Umstehenden sehen, was der Pilot gerade sieht. Die Brille misst kontinuierlich die Kopfrotation und steuert damit den virtuellen Blick, was beeindruckend gut gelingt. Zur Bedienung und für den Flug benötigt man ein drittes Gerät, nämlich den Joystick, der mit Tasten und Bedienelementen übersät ist. Am wichtigsten ist indes der Pistolengriff und die Erfassung der Bewegungsrichtung, mit der man die Drohne im Flug steuert. Da man durch die Brille nur das sieht, was die Drohne sieht, muss man sich zumindest einige Tasten und ihre Bedeutung merken. Optional kann man auch den Blick so umschalten, dass die Umgebung sichtbar ist. Mit einem weiteren Tastendruck lässt sich ein virtuelles Cockpit am unteren Rand des ebenfalls virtuellen Displays einblenden. Der Joystick dient als Bedienelement. Wie ein Laserschwert erzeugt er einen weißen Lichtstrahl. Berührt man mit dessen Ende einen Menüeintrag der virtuellen Schaltflächen und betätigt den Auslöser, ändert man Einstellungen. Was das virtuelle Cockpit zeigt Auf dem virtuellen Cockpit zeigten sich während unserer Erprobung einige Menüs, die noch nicht funktionieren, etwa eine Flugwegplanung. In weiteren Menüs lassen sich hier alle Parameter wie bei jeder anderen Drohne angeben. Das beginnt mit der maximalen Flughöhe und der maximalen Entfernung, die Formate für Bild und Video sind einstellbar, gespeichert wird sowohl auf einer Micro-SD-Karte in der Brille wie auch in der Drohne. Blendet man das virtuelle Cockpit aus, bleiben in kleiner Schrift bestimmte Basisdaten sichtbar, darunter die berechnete Restflugzeit. Die Drohne fliegt mit bis zu 57 km/h und maximal 22 Minuten mit einer Akkuladung. Optional ist ein Akku mit mehr Leistung erhältlich, die Flugzeit beträgt damit bis zu 35 Minuten, aber das Gesamtpaket wiegt dann etwas mehr als 290 Gramm, so dass ein Drohnenführerschein Pflicht ist. Während des Fluges kann man vordefinierte Manöver ausführen lassen, was andere Drohnen auch vermögen. Ebenso gibt es die Option, dass die Maschine automatisch zum Startpunkt zurückfliegt und landet. Die 360-Grad-Aufnahmen der A1 bringen einen großen Vorteil mit: Man fliegt und hat alle erdenklichen Perspektiven in der Aufnahme. Es gibt keine verpassten Chancen. Am Rechner kann man aus ein- und demselben Ausgangsmaterial das heraussuchen, was für den späteren Film am besten geeignet ist. Zum Beispiel einen Rückwärtsflug an einer Bergkette, der tatsächlich ein Vorwärtsflug war. Das gilt sodann nicht nur für den Blickwinkel, die dynamische Kamerabewegung, sondern auch für das Seitenverhältnis. Es lassen sich weiche Schwenks, virtuelle Kranfahrten oder gar unmögliche Flugmanöver nachträglich am Rechner zusammenschneiden. Dem Filmer liefert die Drohne mehr Rohmaterial als am Ende tatsächlich benötigt wird. Zur Bearbeitung liefert der Hersteller umfangreiche Software zur Nachbearbeitung gleich mit, und zwar sowohl für Mobilgeräte wie auch für den PC das üppige Paket Antigravity Studio. Man muss sich gründlich in Hard- und Software einarbeiten, daran geht kein Weg vorbei. Aber Content-Creator und Freunde von spannenden Clips für Social Media erhalten mit der A1 ein mächtiges Werkzeug zur Produktion außergewöhnlicher Werke.