FAZ 07.03.2026
18:24 Uhr

Erst Venezula, dann Iran: Trumps Angriff auf Chinas Öllieferanten


Der Krieg in Iran stürzt die Welt in eine Energiekrise. In China reichen die Gasreserven nur wenige Wochen. Wollte Trump mit dem Schlag den großen Konkurrenten treffen?

Erst Venezula, dann Iran: Trumps Angriff auf Chinas Öllieferanten

Mao Tse-tung schaut über den verschneiten Platz des himmlischen Friedens in Peking. Für Chinas Mächtige, die sich gerade durch die Kälte in die Große Halle des Volkes gekämpft und zum Nationalen Volkskongress versammelt haben, ist das eine schlechte Nachricht. Nicht Maos Konterfei – das schaut seit Jahrzehnten über den Platz. Sondern der Schnee. China erlebt einen besonders langen und kalten Winter. Schnee soll es zum Nationalen Volkskongress, der immer Anfang März stattfindet, schon lang nicht mehr gegeben haben. In der Eisstadt Harbin fallen die Temperaturen nachts weiter auf minus 15 Grad. Die Mächtigen versicherten in der Großen Halle zwar, alles im Griff zu haben. Doch Beobachter warnen: China droht eine Gasmangellage. Der Verursacher der angespannten Lage wird schon Ende des Monats in Peking erwartet: Donald Trump. Der US-Präsident hat mit seinem Angriff auf Iran die Welt in die größten Energieturbulenzen seit Russlands Überfall auf die Ukraine gestürzt. Öl als Druckmittel gegen China? Nach dem Angriff richteten sich die Augen zunächst auf das Öl. Denn Trump griff mit Iran nach Venezuela gleich den nächsten Großlieferanten Chinas an. Offensichtlich ist, dass Trump dieser Wettstreit der Weltmächte umtreibt. Im Weißen Haus hat er eine neue Galerie der Weltherrscher eingerichtet. Dort hängt er neben Xi und Putin. An Putin beißt er sich in der Ukraine bisher die Zähne aus, und Xi hat sich mit den Seltenen Erden effektiv gegen Trumps Zollangriffe gewehrt. Versucht Trump vor dem Gipfel mit Xi etwa, die Chinesen an der Energiefront unter Druck zu setzen? Venezuela und Iran standen zuletzt für rund ein Fünftel der chinesischen Öleinfuhren. Und die USA sind selbst längst zu einem der größten Energieexporteure der Welt aufgestiegen. Höhere Ölpreise haben für die USA deshalb längst nicht mehr nur negative Effekte. Der hohe Ölpreis werde China treffen, aber das Land sei vorbereitet, sagen Beobachter. Die Ölreserven sind im internationalen Vergleich hoch und reichen Schätzungen zufolge für weit mehr als 100 Tage. China nahm zwar mehr als 80 Prozent des Öls ab, was Iran überhaupt verschiffte, doch Irans Lieferungen selbst machten für China nur zwölf bis 13 Prozent der Rohölimporte aus. „China hat ein strukturelles Flüssiggasdefizit“ Die iranische Sorte ist überwiegend Rohöl mittlerer Dichte mit relativ hohem Schwefelgehalt, das sich zumindest teilweise durch russische Lieferungen gleicher Güte ersetzen ließe, sagt Kevin Book, Forschungsleiter des Energie-Informationsdienstes Clearview Energy Partners. Die Herausforderungen seien eher logistischer und wirtschaftlicher Natur. China habe seit einigen Jahren davon profitiert, sanktioniertes Öl mit erheblichen Preisabschlägen von bis zu 30 Prozent zu kaufen, sagt Book. „China wird weiter Rohöl beschaffen können – aber es wird dafür etwas zahlen müssen, das deutlich näher am Marktpreis liegt.“ Und wegen der Sperrung der Straße von Hormus, durch die knapp die Hälfte der chinesischen Einfuhren geht, steigt dieser Marktpreis, aber nicht nur für China, sondern für alle. Kritischer getroffen könnte China beim Flüssiggas sein: „Das Problem mit der Gassicherheit ist real“, sagt Wang Dan, China-Direktorin in der Denkfabrik Eurasia. China bezieht rund ein Drittel seiner Flüssiggaseinfuhren über die Straße von Hormus. Wang war früher Chefökonomin der Hongkonger Hang-Seng-Bank und hat aus diesen Tagen gute Kontakte in Chinas Industrie. Sie hat in dieser Woche mit chinesischen Gasmanagern gesprochen. Ihr Fazit: „China hat ein strukturelles Flüssiggasdefizit. Die Lagerungen sind sehr dünn.“ Der Grund dafür sei, dass im Norden viele Privathaushalte dazu gezwungen wurden, ihre Kohle- durch Gasheizungen zu ersetzen, um die Luftverschmutzung zu bekämpfen. Offiziell sollten die Reserven nun bei 13 Prozent des Jahresverbrauchs liegen. „Aber die Leute aus der Industrie glauben nicht, dass das stimmt. Es sind eher fünf Prozent.“ Energieverbrauch steigt jährlich um fünf Prozent Chinas Gasreserven reichten für maximal 13 Tage, sagt Michal Meidan, Leiterin der China-Energie-Abteilung im Oxford Energy Institute, der F.A.Z. Alternativen seien enorm schwierig zu bekommen oder sehr teuer. Die Gaspipeline „Power of Siberia 1“ zwischen Russland und China laufe schon auf Maximalkapazität. „Amerikanisches Flüssiggas könnte eine Option sein.“ Ansonsten müsse man die Nachfrage möglicherweise drosseln, etwa indem Industrieunternehmen auf Kohle umstellten. Doch so viele Kopfschmerzen diese Gaskrise verursacht, die Energiesicherheit an sich halten weder Meidan noch Wang für gefährdet. Wirtschaftlich werde der Ölpreis China härter treffen. Klar ist: Die Lage im Nahen Osten ist ein Stresstest für Chinas Energiestrategie. Im Westen wird diese vor allem als rasanter Ausbau der erneuerbaren Energien und Elektrifizierung der Volkswirtschaft verstanden. Das stimmt in der Tendenz, aber in den zwei Dritteln des Energiesystems, das nicht elektrifiziert ist, spielen Erneuerbare keine Rolle. Vorerst hat das Land einfach einen ungeheuren Energiehunger, Jahr für Jahr steigt der Energieverbrauch um etwa fünf Prozent. Rund ein Viertel der Energie wird importiert. China ist jeweils mit großem Abstand der größte Kohleproduzent, der größte Gas- und Ölimporteur und der größte Nutzer erneuerbarer Energien der Welt. Straße von Hormus: USA und China ziehen am gleichen Strang Kernziel der Strategie war es bisher, all diese Energie einzuführen, ohne von einem Lieferanten allzu abhängig zu werden und sich Flexibilität zu wahren, falls ein Strom versiegt. Nichts fürchtet China mehr als Abhängigkeiten. Den Bau einer zweiten Gaspipeline, die Russland forciert, verzögert China seit Jahren. Kein Land liefert mehr als ein Fünftel der chinesischen Öleinfuhren. Im Kern wird sich China in dieser Strategie bestätigt fühlen. Wind und Sonne senken die Abhängigkeit von Energieimporten. Gute Beziehungen zu vielen Lieferländern sind die beste Absicherung. Fällt eines aus, wie jetzt Iran, springt ein anderes ein. Zum Beispiel Russland. Doch Länder sind das eine, Nadelöhre das andere. Mit jedem Tag, den die Straße von Hormus blockiert ist, spitzt sich die Lage auch für China zu. Keine verfügbare Reservekapazität reiche aus, einen solchen Ausfall zu kompensieren, sagt Fachmann Book. Paradoxerweise ziehen China und die USA nun am gleichen Strang. Beide wollen die Meerenge wieder öffnen. Peking übt hinter den Kulissen Druck auf Teheran aus, die Blockade aufzugeben. Die Gespräche liefen, hieß es am Freitag. Trump will festsitzende Tanker nötigenfalls mit US-Marine eskortieren Trump fürchtet die Auswirkungen steigender Benzinpreise auf den Wahlkampf. Er stellte nun Finanzgarantien und in absehbarer Zeit Geleitschutz durch die Marine in Aussicht und verkündete schon am Dienstag: „Falls nötig, wird die US-Marine so bald wie möglich damit beginnen, Tanker durch die Straße von Hormus zu eskortieren. So oder so werden die Vereinigten Staaten den freien Fluss von Energie in die Welt sicherstellen.“ Die US-Marine hat nach eigenen Angaben bereits die meisten iranischen Kriegsschiffe versenkt und kontrolliert die Region. Iran kann jedoch weiterhin von seiner Küste aus Kurzstreckenraketen abfeuern und zudem billige Drohnen einsetzen, um Tanker anzugreifen. Ein weiteres Problem ist die elektronische Kriegsführung. Iran stört die GPS-Signale in der Meerenge. Die Tanker laufen deshalb Gefahr, die Fahrrinne zu verlassen und auf Grund zu laufen. Chinas Verlust geht aber über Energiefragen hinaus. „Mit direkten Angriffen auf Iran reißt die Trump-Regierung – ob aus Absicht oder als unbeabsichtigte Folge – einen Pfeiler von Chinas regionaler Architektur ein“, schreibt Zineb Riboua, Nahostfachfrau der Denkfabrik Hudson Institute, in einem Blogbeitrag. China habe mit seinen Ölkäufen dafür gesorgt, dass die Islamische Republik den Staatsbankrott abwenden konnte. Im Jahr 2021 vereinbarten beide Länder eine strategische Partnerschaft. China versprach, rund 400 Milliarden Dollar in Irans Energiesektor, Banken, Telekommunikation und Infrastruktur zu investieren. Inzwischen verbindet ein Güterbahnkorridor die iranische Stadt Qom mit der chinesischen Handelshochburg Yiwu. „Je tiefer diese Integration reicht, desto weniger Einfluss hat irgendjemand sonst auf Teheran – und desto mehr Einfluss sammelt Peking an.“ Andere Länder im Nahen Osten sind „viel wichtiger für China“ In China zweifelt man indes an dieser Darstellung. Washington überschätzt demnach die Bedeutung Teherans für Peking, von den versprochenen Milliarden ist kaum etwas geflossen. Der Handel fällt kaum ins Gewicht. „Wir haben keine spezielle Beziehung zu Iran. Warum sollten wir handeln?“, sagt Shen Dingli, emeritierter Professor für Internationale Beziehungen in Shanghai, der auf das Verhältnis zwischen den USA und China spezialisiert ist. China fühle sich nicht angegriffen, weil sich der Angriff nicht gegen China richte. „All die anderen Länder im Nahen Osten sind viel wichtiger für China als Iran“, sagt Majid Ghorbani, iranisch-stämmiger Managementprofessor in Shanghai. Dort verkauften chinesische Unternehmen Autos und verdienten Geld. Rohstoffe gäbe es da schließlich auch. Iran sei viel zu arm, um als Markt interessant zu sein. „Man weiß genau, woran man ist, wenn man mit China Handel treibt“, sagt Ghorbani, der an der China Europe International Business School lehrt. Es gehe um Handel und Austausch statt um Sicherheitsgarantien. Diese Beziehung gebe es mit fast allen Ländern auf der Welt. China habe sich schon um gute Bemühungen zu Iran bemüht, als dort noch der Schah regierte, und werde das auch unter einer neuen Regierung tun. In Washington, wo die Sorge vor dem eigenen Abstieg umgeht, teilt man dieses Bild nicht. „China ist wie ein Puppenspieler, der die Strippen in fünf Ländern zieht – Russland, Nordkorea, Kuba, Venezuela und Iran“, sagt Miles Yu, wichtigster Berater des Ex-Außenministers Mike Pompeo für die Formulierung der Chinapolitik. China nutze Iran, ähnlich wie Venezuela, als Quelle der Instabilität in der Region. Mit dem versprochenen Paket von 400 Milliarden Dollar habe Iran die Terrororganisationen Hamas und Hizbullah finanziert. Die Absicht dahinter, so Yu: Terror und Instabilität sollten die Kräfte der USA binden, damit China seine eigenen Expansionspläne im westlichen Pazifik in Ruhe verfolgen könne. „China hat die kostspielige Wette verloren.“ Zum nächsten Pokerspiel treffen sich Xi und Trump dann in der Verbotenen Stadt.