Sollen die sterblichen Überreste von Samuel Paty in das Pariser Panthéon überführt werden? Schon vor einiger Zeit erschien in „Libération“ ein Aufruf in diesem Sinne; zu seinen Unterzeichnern zählten Gaëlle Paty, eine Schwester des 2020 durch einen Dschihadisten enthaupteten Schullehrers, und Joëlle Alazard, die Präsidentin der französischen Vereinigung der Geschichts- und Erdkundelehrer sowie Gründerin des Prix Samuel Paty. Ende März führte eine Onlinepetition, die inzwischen mehr als 50.000 Unterzeichner gefunden hat, vier Gründe für die Ehrung an: die Anerkennung des „stillen Muts“ all jener Lehrer, „die Tag für Tag ohne Schutz dafür sorgen, dass das Versprechen der Republik eingehalten wird“, die Bekräftigung der Unantastbarkeit der pädagogischen Freiheit, das Bekenntnis zur Laizität, endlich das Errichten einer Identifikationsfigur, die der Jugend etwas zu sagen habe. Mohammed-Karikaturen zeigen heißt nicht, islamophob zu sein Von verschiedener Seite wurden Zweifel an dem Vorhaben formuliert. Von vornherein disqualifiziert sind jene marginalen Stimmen, die dem ermordeten Schullehrer Hass gegen Muslime unterschieben wollen, weil dieser seinen Schülern eine Auswahl der Mohammed-Karikaturen aus „Charlie Hebdo“ gezeigt hatte (was via eine Kabale in den sozialen Medien die Aufmerksamkeit seines künftigen Mörders auf ihn gezogen hatte). Es mag in Frankreich islamophobe Regungen von staatlicher Seite geben, auch vonseiten des Erziehungsministeriums. Aber das Vorführen der genannten Zeichnungen im Rahmen einer Unterrichtseinheit zur Laizität (und unter Vorsichtsmaßnahmen, um keinen Schüler zu schockieren) fällt klar nicht in diese Sparte. Kein Text hält Kriterien für Panthéonisierung fest Triftiger ist der Einwand des Erziehungsministers Édouard Geffray, er für seinen Teil sei der Ansicht, das Panthéon sei eher jenen gewidmet, die willentlich durch ihr Engagement und ihr Schaffen die Geschichte der Nation geprägt hätten. Wohingegen Samuel Paty „leider unwillentlich einem abscheulichen Verbrechen zum Opfer gefallen“ sei. In dieselbe Kerbe schlugen Stimmen aus dem rechten Lager, die wie der Publizist Pascal Bruckner von einer Verwechslung von unglücklich und verdienstvoll sprachen („confondre malheureux et valeureux“), oder wie die Journalistin und Herausgeberin des Magazins „Causeur“, Élisabeth Lévy, betonten, das Panthéon sei „nicht das Haus der Opfer“. Diese Diskussion ist deshalb möglich, weil kein Text die Kriterien für eine Panthéonisierung festhält. Die ehemalige Kirche diente temporär ab 1791, definitiv dann seit 1885 als laizistischer Tempel zu Ehren der „großen Männer, die den Dank der Nation verdient haben“. An welcher Latte Größe zu messen sei und womit genau die Erkenntlichkeit der Volksgemeinschaft errungen werden könne, wird nirgends präzisiert. Erst kam die Generäle, dann die Schriftsteller hinein So fanden erst verstorbene Revolutionäre Eingang in den Prachtbau des Architekten Germain Soufflot, dann Generäle und Würdenträger des napoleonischen Regimes, unter der Dritten Republik namentlich Schriftsteller wie Hugo und Zola, endlich auch Wissenschaftler und Widerständler. In der Praxis definiert jede Epoche, was sie als einen großen Mann (und, seit drei Jahrzehnten, auch als eine große Frau) ansieht – und entwirft so ihr Selbstbildnis. Der bedeutende Historiker Henry Rousso nannte unlängst Samuel Paty – im Gegensatz zum Historiker Marc Bloch, der 1944 als Widerstandskämpfer durch die Gestapo gefoltert und ermordet worden war und dessen sterbliche Überreste im Juni in das Panthéon überführt werden – einen „gewöhnlichen Helden in einer gewöhnlichen Zeit“. Hierin liege die symbolische Tragweite seiner allfälligen Panthéonisierung. Joëlle Alazard, die Präsidentin der französischen Vereinigung der Geschichts- und Erdkundelehrer, strich die Kontinuität zwischen Bloch und Paty heraus: Beide suchten zu vermitteln, was eine freie Gesellschaft ausmacht. Ersterer war ein Genie, Letzterer ein Diener der Republik. Das Panthéon gehöre auch jenen Stützen des demokratischen Gemeinwesens, die in der Stille des täglichen Dienstes ihr Leben riskierten.
