Die Tageszeitung „Neues Deutschland“ schrieb am 13. Januar zum Tod Erich von Dänikens: „Für ihn war nicht der Kapitalismus daran schuld, wie wir leben, sondern Außerirdische (Kurzfassung).“ Reagiert hier eine Verschwörungserzählung auf eine andere? Hier wie da ist Monomanie im Spiel, mit einem nur scheinbar veralteten psychiatrischen Begriff, der nicht das gesamte Denkvermögen infrage stellt, sondern einen isolierten Zwangsgedanken ausweist, eine fixe Idee, eine Obsession, unheimlich im Freud’schen Sinne auf Vertrautes wie Unvertrautes zugleich Bezug nehmend. Das energetische Potential der Monomanie illustriert der Schweizer Autor, ein gelernter Hotelier, der neunzig Jahre alt wurde. Seine mehr als vierzig Bücher, in mehr als dreißig Sprachen übersetzt, bewegen sich in einer Gesamtauflage von 70 Millionen Exemplaren, traut man den Angaben ihres Verfassers. Die Welt musste Zug um Zug präastronautisch neu erfunden werden, bis hin zu Fragen gelebter intergalaktischer Sexualität, da kann die Stofffülle nicht verwundern. Tatsächlich war Däniken ein eminenter Autor des Unheimlichen. Dass Außerirdische als Entwicklungshelfer der Menschheit auftraten, welche die Zivilisation auf technische Gleise brachten, fassbar etwa in der hyperintelligenten Konstruktion von Pyramiden, in der Erscheinung Gottes (ein Raumschiff) auf dem Berge Sinai und in manchen anderen technisch aufhellbaren Mythen – das waren bei Däniken epistemisch durchkomponierte Erklärungen des Unerklärlichen. Für Erich von Däniken mussten Außerirdische denkmöglich bleiben Er verstand sich als Welterklärer auf der Höhe des Kritischen Rationalismus, der mit Karl Popper auf den schwarzen Schwan setzt, wonach die Beobachtung von vielen weißen Schwänen noch keine verallgemeinerbare Regel „Alles Schwäne sind weiß“ macht. Also hieß es bei Däniken: Bahn frei für die Außerirdischen! Bahn frei für Reisen in alle Welt bis ins hohe Alter hinein, um immer neue Funde als extraterrestrische Überbleibsel zu erfinden. Mit der Pointe, einer spekulativ verfahrenden Mythengeschichte technisch auf die Schliche kommen zu wollen. Mit anderen Worten: So viel Aufwand an Geist die Mythenerzähler auch trieben, es gibt stets eine heruntergebrochene technische Version. Däniken fand überall immer nur das eine, was er suchte. Der Außerirdische durfte demnach als der schwarze Schwan denkmöglich bleiben, die Frage nach seiner Verifikation stellte sich gar nicht, nach Poppers „Logik der Forschung“ nur die nach seiner Falsifikation. Solange es nicht um Beweisbarkeit ging, bewegten sich die Einwände gegen die Validität weltweit zusammengetragener kosmischer Spuren auf der Ebene von Ansichtssachen wie „zu weit hergeholt“ (wie weit ist zu weit?). Welche außerirdische Spurenlese sich in einer agnostisch verfassten Erkenntnisordnung bewährte oder nicht bewährte, blieb den Bedürfnissen des reiselustigen Autors und seiner millionenfachen Leserschaft überlassen. „Widerlegt mich doch“, so lautet der provokativ-vorwitzige Subtext eines jeden Däniken-Buchs, angefangen mit den legendären Titeln „Erinnerungen an die Zukunft. Ungelöste Rätsel der Vergangenheit“ und „Zurück zu den Sternen. Argumente für das Unmögliche“. Diese Argumente fanden nach ihren goldenen Econ-Zeiten und zwei Jahrzehnten bei Bertelsmann (dort nicht ganz skrupelfrei: „Habe ich mich geirrt? Neue Erinnerungen an die Zukunft“, 1985) schließlich im rechtsesoterischen Kopp-Verlag ihre irdische Heimat. Freilich stapfen die Kopp-Manager in der epistemisch austarierten Architektur ihres Autors derart sensationalistisch herum, dass aus noch so deutungsabhängigen Belegen handfeste „Beweise“ werden und Däniken gegen eine „lahme Wissenschaft“ in Stellung gebracht wird. Ultimative Belege gibt es auch in der seriösen Wissenschaft nicht Um Beweise und zwangsmuntere Gelehrsamkeit war es Däniken aber gerade nicht zu tun. Er begnügte sich, wie gesagt, mit der Fährte bewährter Narration dort, wo die Wissenschaft den Raum der Spekulation nicht abschließend geschlossen hat und absehbar nie wird schließen können. Seinen akademischen Kritikern hielt der Spitzenvertreter des kosmologischen Geschäftsmodells entgegen: Argumente werden ja wohl noch erlaubt sein! Forderungen nach Verifikation seiner Thesen wies er ironischerweise im Namen der Wissenschaft zurück. Er offenbarte damit mehr Wissenschaftsverständnis und epistemische List als sein verlegerisches Haus in Rottenburg am Neckar. Dort versieht man das noch 2023 erschienene Buch „Und sie waren doch da!“ mit dem Untertitel „Die ultimativen Belege für den Besuch von Außerirdischen“ und dem Werbetext: „In mittlerweile 46 Büchern hat Erich von Däniken schlagkräftige Beweise für die Besuche Außerirdischer präsentiert. Dieser Band enthält die besten Beweise aus diesen 46 Büchern – stets ergänzt durch aktuelle Neuigkeiten.“ Als „Beweis“ wird verlagsseitig vorgestellt, was erst so die Typik der Pseudowissenschaft erfüllt, nämlich die Feststellung, dass sich in den ägyptischen Pyramidentexten aus der fünften Dynastie „Himmelstüren“ öffneten: „Metallleitern werden ausgefahren, Pharaonen besteigen die fliegenden Vehikel und donnern damit über das Firmament.“ Aussagen, die vorgeben, selbsterklärend zu sein, von jedem hermeneutischen Ansinnen unberührt. Und auch zum Thema Bundeslade der Israeliten versucht sich der Verlag in pseudopositivistischer Manier als wissenschaftskritische Autorität zu bewähren: „Am 19. Juni 2009 bestätigte der Patriarch der koptischen Kirche, sie sei nicht von Menschenhand gemacht“, heißt es zur Bundeslade. Um an dieses Statement beweistechnisch die triumphale Frage anzuschließen: „Was will man noch mehr?“ So wird „Und sie waren doch da!“ in Koppscher Epistemologie zu einem „Feuerwerk an Argumenten für das Unmögliche“. Die galaktischen Horizonte, welche Däniken aufriss, sind auf seiner langen Reise durch die deutschsprachige Verlagswelt mit denen seiner Leserschaft verschmolzen.
