FAZ 30.12.2025
20:22 Uhr

Erfurter Andreasgärten: Offenes Wohnen an der Festungsmauer


Hier gelingt die schwierige Balance zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, Nähe und Distanz: Ein Mehrgenerationen-Wohnensemble in Erfurt gibt überzeugende Antworten auf Fragen der Zeit.

Erfurter Andreasgärten: Offenes Wohnen an der Festungsmauer

Seit Jahrzehnten schon wird so viel über Mehrgenerationenwohnen gesprochen, dass man meinen könnte, dass alle genau das wollen. Es ist ja eine so schöne, vernünftige, menschenfreundliche Idee. Die Alten leben nicht mehr isoliert in ihren zu groß gewordenen Häusern am Stadtrand, in die kaum noch Besuch kommt, oder abgeschoben ins Altenheim, wo sie unter ihresgleichen versauern. Stattdessen wohnen alle Altersgruppen an einem Ort, Jung und Alt unterstützen sich gegenseitig, es gibt weniger Einsamkeit und mehr soziale Nähe. Dennoch sind Mehrgenerationen-Wohnprojekte gemessen an den Massen aus dem Boden gestampfter Standardwohnungen nach wie vor eine kleine Nische. Denn sie sind ein Wagnis mit offenem Ausgang, ein Experiment, das auch schiefgehen kann. Die Johanniter-Unfall-Hilfe zeigt in Erfurt, wie es gehen kann. Auf einer Brache in bester Lage auf dem wenige Gehminuten von der Altstadt entfernten Petersberg hat sie ein Wohnensemble für alle Altersgruppen und verschiedene Lebensformen errichtet. Ein ambulanter Pflegedienst sorgt dafür, dass die älteren Bewohner möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden leben können. Für diejenigen, die es nicht mehr schaffen, steht eine Pflegewohngemeinschaft bereit. Die Blickbeziehungen sollen nicht gestört werden Doch die meisten der auf drei Häuser verteilten knapp hundert barrierefreien Wohnungen sind an Menschen in verschiedenen Lebensphasen vermietet, für die das Ensemble auch einiges zu bieten hat. Familien mit Kindern profitieren von dem benachbarten Kindergarten, der in einer umgenutzten Wagenremise eingerichtet wurde. Wer etwas zu feiern oder in einer größeren Gruppe zu besprechen hat, kann für ein geringes Entgelt den geräumigen Veranstaltungsraum buchen, der auch für öffentliche Nutzungen vermietet wird. Und da der Bauherr eine christliche Einrichtung ist, lädt auch eine Kapelle zu Andacht und Begegnung ein. Für diese Funktionsmischung hat die in einem Wettbewerb prämierte Arbeitsgemeinschaft aus den beiden Architekturbüros Heine Mildner und Dorschner Kahl mit dem Landschaftsarchitekturbüro Simonsen eine passende Raumform entwickelt, die auch städtebaulich von großem Einfühlungsvermögen zeugt. Die drei Wohnhäuser bilden am Fuß der über der Stadt thronenden Zitadelle auf dem Petersberg einen offenen begrünten Innenhof. Mit ihrer Form und lockeren Anordnung greifen sie die auf dem Areal dominierende Typologie langgestreckter, frei stehender Bauten auf. Um der aus dem 17. Jahrhundert stammenden Zitadelle, einem der wichtigsten Baudenkmäler Erfurts, keine Konkurrenz zu machen, bleiben die Dreigeschosser leicht unter der Höhe der benachbarten Festungsmauer. Auch die Begrünung der Anlage ist so gewählt, dass die Blickbeziehungen nicht gestört werden. Über den Innenhof führt ein öffentlicher Weg. Das ist eine programmatische Entscheidung, die bei manch einem Neubauprojekt zulasten der Lebensqualität der Bewohner geht. Hier aber ist sie funktional begründet, weil das über den Hof erschlossene Ensemble auch öffentliche Nutzungen, darunter etwa den Veranstaltungsraum und eine Ergotherapie-Praxis, integriert. Vor allem aber folgt sie der Idee, der Isolation der älteren, zum Teil in ihrer Mobilität eingeschränkten Bewohner vorzubeugen. Wer den größten Teil seiner Zeit in der Wohnung verbringen muss, dürfte sich über die Möglichkeit freuen, vom eigenen Balkon aus das Leben im Hof zu beobachten. Wer aber der sozialen Kontrolle entgehen möchte, kann auch auf der gegenüberliegenden Seite hinaustreten und dort hinunter auf die Stadt oder hinauf auf die Zitadelle schauen, denn die Wohnungen haben von zwei Seiten Belichtung und Balkonzugang. Ressourcenschonend und klimafreundlich Die auf allen Geschossen umlaufenden Balkone mit schlanken Stützenreihen, die Assoziationen an verschiedene Verandatypen aus der Architekturgeschichte oder auch an alte Mississipi-Dampfschiffe wecken, sind das prägende Element des Ensembles. Sie werden in den Baubeschreibungen als Laubengänge bezeichnet. Tatsächlich sind sie weniger zum Gehen als zum Verweilen da, da alle Wohnungen durch inwendige Treppenhäuser erschlossen sind. Die Architekten haben allerdings keine Trennungen zwischen den zu den einzelnen Wohnungen gehörenden Balkonflächen eingebaut, um eine gemeinschaftliche Nutzung zu ermöglichen. Einige Bewohner boykottieren allerdings diese Idee und halten ihre Nachbarn mit trennenden Blumenkübeln oder Pflanzenspalieren auf Abstand. Auch die feingliedrigen Brüstungen sind inzwischen zum Teil verkleidet, um Sichtschutz zu gewährleisten. Ein Mieter hat seinem Balkon sogar einen militärisch anmutenden Tarnlook verpasst. So ist das Leben, das nur allzu oft die Weltverbesserungsideen von Architekten ins Leere laufen lässt. Adrian Dorschner, einer der Entwurfsautoren, sieht die Interventionen der Bewohner bei einem Besuch aber ganz gelassen und mit viel Verständnis. Damit steht er in einem sympathischen Gegensatz zu manch einem Zuchtmeister der Moderne, der am liebsten sogar Gardinen hinter den Fenstern herunterreißen würde, wenn sie in seinen Augen das klinisch reine Bild seines Baus stören. Die Andreasgärten wirken trotz der repetitiven Einheitlichkeit ihrer Fassaden sogar an einem kalten Wintertag lebendig, und dafür sorgt nicht zuletzt die individuelle Aneignung der Balkone. Indem Gemeinschaft erlaubt und erleichtert, aber nicht erzwungen wird, gelingt in dem Ensemble die schwierige Balance zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, Nähe und Distanz, die eine Voraussetzung für den Erfolg eines Mehrgenerationen-Wohnprojekts ist. Wegweisend sind auch Baumaterial und Konstruktion der Neubauten. Nur der Kern der Erdgeschosse und die darunterliegende Tiefgarage sind aus Beton. Die Obergeschosse und die umlaufenden Balkone bestehen überwiegend aus Holz. Die Verwendung des nachwachsenden Rohstoffs ist nicht nur ressourcenschonend und klimafreundlich, sondern auch gestalterisch vorteilhaft, weil die Holzkonstruktion zur filigranen Wirkung der Bauten beiträgt. Der hohe Vorfertigungsgrad der Holzelemente ermöglichte zudem eine relativ kurze Bauzeit. Auch beim Umbau der denkmalgeschützten Wagenremise zum Kindergarten haben die Architekten viel Fingerspitzengefühl gezeigt. Dank der begrenzten Eingriffe hat der rote Ziegelbau sein historisches Erscheinungsbild weitgehend gewahrt. Ein sich ihm unterordnender Annex und das Hellgrau der neuen Fenster und der Dachbalken schaffen eine dezente visuelle Verbindung zu den in Weiß- und Grautönen gehaltenen Wohnbauten. Nur die Holzsichtigkeit der kleinen sechseckigen Kapelle, die an eine Sauna denken lässt, beeinträchtigt etwas die Wirkung des Ensembles. Ein kleiner Makel, der sich korrigieren lässt. Mit Recht wurden die Andreasgärten unlängst mit der begehrten, nur alle drei Jahre verliehenen Nike des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten ausgezeichnet.