FAZ 25.11.2025
19:30 Uhr

Erfolgreiche Bob-Brüder: „Am Ende ist es ein Ammour, der auf dem Podest steht“


Issam und Adam Ammour sind Sprinter und Turner, als sie erstmals in den Bob steigen. Heute zählen sie zu den Favoriten bei den Olympischen Spielen. Ihre Angst haben sie überwunden.

Erfolgreiche Bob-Brüder: „Am Ende ist es ein Ammour, der auf dem Podest steht“

„Road to Cortina“ steht auf einer Tafel im Kraftraum des Frankfurter Leichtathletikzentrums. Darüber hat jemand in schönen Druckbuchstaben „LFG“ ergänzt, „Let’s Fucking Go“. Den mit Kreide festgeschriebenen Traum im Blick, stemmt Adam Ammour Gewichte. Sein älterer Bruder Issam dehnt sich, auf einem kleinen Kasten sitzend, die am Tag zuvor hart geschundenen Muskeln. Gemeinsam wollen die beiden Gießener bei den Olympischen Winterspielen im Februar in Italien im Bob sitzen und durch den Eiskanal zu einer Medaille flitzen. Für den einen könnte diese Premiere eines Brüderpaars in der rasanten Wintersportdisziplin das Ende einer langen Karriere bedeuten, in der er die Leistung, die er erbrachte, oft nicht gewürdigt sah. Dem anderen stehen vermutlich noch viele weitere Höhepunkte offen; irgendwann will der 24 Jahre alte Adam Ammour den Sport, in dem Deutschland die internationale Konkurrenz dominiert, anführen. Saisonstart mit Hindernissen Bislang muss sich der Hesse, der seit diesem Jahr für die Frankfurter Eintracht startet, meist noch mit dem dritten Platz begnügen, so wie beim Weltcup-Auftakt am Wochenende auf der brandneuen italienischen Olympiabahn, als sich der Pilot mit seinem Zweier-Schlitten hinter den Routiniers Johannes Lochner und Francesco Friedrich einreihte und im Vierer auf den fünften Platz kam. Der 32 Jahre alte Issam war bei diesem wichtigen Saisoneinstieg nicht mit im Rennen. Seit Oktober laboriert der schon länger für die Eintracht aktive Athlet an Adduktorenproblemen, muss darum kämpfen, schnellstmöglich fit zu werden, um noch rechtzeitig in das Gefährt des Verwandten einzusteigen. „Ich verliere meinen Stolz aber auch nicht, wenn ich nur danebenstehe“, sagt Issam Ammour. „Am Ende ist es ein Ammour, der auf dem Podest steht.“ „Eigentlich hasse ich die Kälte“ Dass die Familie eine Affinität zum Wintersport entwickelte, ist Issams Schuld. 2015 war der Footballer bei hessischen Hallenmeisterschaften in der Leichtathletik über 60 Meter auf den zweiten Platz gesprintet. Daraufhin hatte ihn der heutige Bob-Landestrainer Tim Restle angesprochen. „Eigentlich hasse ich die Kälte“, sagt Ammour. Doch die Aussicht, an Weltcups oder Olympischen Spielen teilnehmen zu dürfen, reizte ihn. Noch immer akquiriert der Bobsport seine Talente überwiegend aus der Leichtathletikszene; Ammour saß zum ersten Mal bei der Wiesbadenerin Kim Kalicki mit im Schlitten. „Als Dummy“, wie er sagt. Doch obwohl er viel Ehrgeiz entwickelte, bei Anschubtests für Bestleistungen sorgte und 2019 Junioren-Weltmeister wurde, war er bei der Besetzung der Weltcup-Teams nur sehr selten gefragt. Mit seinen 1,72 Metern zähle er nicht zum „Goldstandard“. „2020 war ich kurz davor aufzuhören“ Den Größennachteil, der sich vor allem beim Zweier bemerkbar macht, wo es keine Seitenanschieber gibt, müsse er über mehr Kraft und Frequenz wettmachen, die Füße beim Anlauf „so schnell wie eine Nähmaschine in den Boden hämmern“. Dafür könne er selbst tiefer gehen, sein gesamtes Gewicht gegen den Bügel stemmen und komme beim Start schneller in die Gänge. „2020 war ich kurz davor aufzuhören“, gibt Issam Ammour zu. „Aber ich bin noch nicht fertig“, und damals hatte auch schon Adam mit dem Bobsport angefangen. Nach einem komplizierten Handbruch stand dessen Zukunft als Turner auf der Kippe, und so versuchte er sich in der Leidenschaft seines Bruders. Erste Probefahrt im Monobob Das gute Körpergefühl, das er an den Geräten entwickelt hatte, half ihm offenbar auch an den Lenkseilen, und obwohl „die Trainer dagegen waren, dass ich Pilot werde“, setzte er sich durch. „Es ist nicht schön, wenn man nichts sieht“, erklärt Adam Ammour seinen Antrieb; als Fahrer liegt er im Schlitten, während die Passagiere sich hinten sitzend klein machen und die Köpfe herunterbeugen müssen. „Learning by Doing“, hieß die Devise. Die ersten Probefahrten absolvierte der Anfänger im Monobob, am Stützpunkt in Oberhof folgte eine Pilotenausbildung. „Das hat sich alles so ergeben“, sagt er. Sein Bruder habe die Leute in der Szene bereits alle gekannt, sei sein Mentor und Ansprechpartner gewesen. Der Ältere versuchte, den Nachwuchs zu schützen: „Ich wollte nicht, dass er den gleichen Frust wie ich erlebt“, sagt Issam Ammour. Er hätte Adam anfangs lieber nicht im Bobsport gesehen. Doch obwohl der Jüngere das Training ein Jahr lang „nicht ernst nahm“, eröffnete sich bald eine Chance auf die Weltspitze. Mit seinen 1,77 Metern sei er zwar auch nicht groß und, obwohl er schon deutlich zulegte, auch noch ein paar Kilo zu leicht, sagt Adam Ammour. Doch Piloten müssten nicht so lange rennen, „und ich will das jetzt richtig durchziehen.“ Das Bobfahren habe sein Leben verändert. Nach einem ersten deutschen Meistertitel in der Saison 2021/22 wurde der Aufsteiger 2023 Junioren-Weltmeister im Zweier, sicherte sich im gleichen Jahr einen Weltcup-Startplatz und holte sich im Februar 2024 nach einem ersten Triumph in der Serie zusammen mit seinem Bruder Silber und Bronze bei der WM in Winterberg. Für Issam Ammour, der festes Mitglied im Team ist, zahlen sich die Mühen der vergangenen Jahre nun aus. Während er zu Hause weiterhin der „Chef“ unter den fünf Geschwistern sei, haben sich die Rollen im Sport verändert. Als Pilot muss sich Adam um seine Mannschaft und die Ausrüstung kümmern und „für Entscheidungen geradestehen“. Das sei wie eine kleine Firma, die man managen muss. Der Vordermann trage auch Verantwortung „für das Leben“ der anderen, die ihm in der Rinne vertrauen müssen. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich noch nie Angst hatte“, sagt Adam Ammour. „In jedem Lauf kann etwas passieren.“ Doch beide scheuen das Risiko nicht. Das Olympiaticket schon in der Tasche Das Olympiaticket hat der WM-Dritte mit seinem Team bereits in der Tasche. Das helfe ihm in der Vorbereitung, sagt er. Während der Pilot seine Einheiten auf dem Trockenen zusammen mit den beiden Olympiasiegerinnen Laura Nolte und Deborah Levi bei Leichtathletiktrainer und Sprintspezialist David Corell absolviert, ist Issam Ammour nach seiner eigenen Zeit in Oberhof wieder zu Restle zurückgekehrt. „Ich bin ein Eigenbrötler, während Adam eine Gruppe um sich herum braucht“, erklärt Issam Ammour. Beide wohnen noch immer „bei Mama“. So oft es geht, verbringt Issam Ammour Zeit in Japan. Nach einem ersten Besuch vor elf Jahren „habe ich mein Herz dort gelassen“, sagt er. Der studierte Betriebswirt kann sich vorstellen, dauerhaft in Asien zu leben. Mit einem weiteren Bruder, Karim, der ihm das bereits vormacht, hat er sich in Tokio eine Wohnung gekauft, und die beiden sanieren gerade ein Haus, das sie als Feriendomizil vermieten wollen. Das Angebot möchten sie mit der eigenen Firma für Touren mit exquisiten Sportwagen verbinden. Die Geschwindigkeit lässt Issam Ammour nicht los. Der vierte Bruder, Ilias, unterstützt als IT-Experte das Unternehmen, und auch Adam könnte irgendwann darin eine Funktion übernehmen. Doch noch ist das ein Nebenjob, richtet sich der Blick der beiden Bob-Brüder und Sportsoldaten auf ein deutlich näheres Ziel: die „Road to Cortina“ und das Treppchen, das es dort zu erklimmen gilt.