Das erste Lächeln des Tages erlaubte sich Alexander Zverev erst nach dem Match. Im Interview auf dem Court war er gefragt worden, ob er nicht langsam ein wenig genervt sei von seiner Familie, von Trainervater Alexander senior und Managerbruder Mischa vor allem, mit denen er quasi das ganze Jahr um die Welt reist. „Ich bin genervt von ihnen, aber sie nicht von mir, denn ich zahle ja alles“, scherzte er – und beschwerte sich dann noch, dass es bei diesen Interviews ständig um seinen Bruder und weniger um ihn gehe. Dabei hätte es nach Zverevs Auftritt am Dienstag im Viertelfinale der Australian Open allen Grund gegeben, vorwiegend über ihn zu sprechen. Mit zeitweise grimmiger Entschlossenheit und der bislang besten Leistung im Turnierverlauf hatte er den jungen Amerikaner Learner Tien 6:3, 6:7 (5:7), 6:1, 7:6 (7:3) bezwungen. Nach dem Finaleinzug im vergangenen Jahr steht Zverev nun bereits wieder im Halbfinale. Seinen Gegner dort ermitteln der spanische Weltranglistenerste Carlos Alcaraz und der Australier Alex de Minaur. Boris Becker traut ihm auch dann Großes zu: „Ganz ehrlich: In dieser Form kann Sascha Zverev das Turnier gewinnen“, sagte die deutsche Tennis-Ikone als TV-Experte bei Eurosport. Tien fliege „etwas unter dem Radar“, hatte Zverev vor dem Match festgestellt. Dabei sei er unter all den Großtalenten, die künftig die Arrivierten herausfordern wollen, derjenige, „der aktuell die beste Leistung bringt“. Der 20-Jährige steht bereits unter den Top-30 der Weltrangliste, gewann Ende des vergangenen Jahres die sogenannten NextGen-Finals, das Jahresendturnier für die größten Tennis-Talente, und fegte in Melbourne unter anderem im Achtelfinale den etablierten Topspieler Daniil Medwedew in drei Sätzen vom Platz. Doch weil sich die Tennis-Öffentlichkeit bislang lieber auf die brachiale Vorhand des Brasilianers Joao Fonseca oder die knallenden Aufschläge des Tschechen Jakub Mensik stürzte, beide ähnlich alt wie Tien, haben noch nicht viele mitbekommen, wie gut dieser Kalifornier bereits ist. Gegen Zverev startete Tien etwas nervös. Ein paar leichte Fehler bei der Vorhand, ein vorübergehendes Zittern beim eigenen Aufschlag. Das nutzte Zverev, um den ersten Satz bereits nach etwa einer halben Stunde zu gewinnen. Auch in Satz zwei spielte der Deutsche gut. Doch auch Tien fand nun besser ins Match, erzwang den Tiebreak und schaffte dort nach einigen herausragenden Ballwechseln den Satzausgleich. „Ich habe schon lange gegen niemanden mehr gespielt, der so gut von der Grundlinie war“, schwärmte Zverev hinterher von seinem Gegner. Zverevs neuer Mut zum Risiko Tien ist einer, der sich seine Punkte erspielt. Das liegt unter anderem an seinem Trainer, dem Amerikaner Michael Chang, French-Open-Sieger von 1989 und einst einer der klügsten Taktiker auf der Profitour. Das liegt aber vor allem daran, dass dem knapp 1,80 Meter großen Tien im Repertoire das fehlt, was der fast zwei Meter große Zverev zur Genüge hat: Schläge, die ihm verhältnismäßig leichte, sogenannte freie Punktgewinne garantieren. Wobei Zverev bislang oft dazu neigte, sich zu sehr auf seinen Aufschlag und die kräftige Rückhand zu verlassen. Noch vor dem diesjährigen Grand-Slam-Turnier in Melbourne hatte beispielsweise John McEnroe, siebenmaliger Grand-Slam-Sieger und heute TV-Experte, wie schon so viele TV-Experten vor ihm Zverev für seine oft passive Spielweise scharf kritisiert. „Er hat es auf Platz zwei der Weltrangliste geschafft, in dem er nicht proaktiv, sondern reaktiv gespielt hat“, sagte McEnroe und forderte, dass Zverev „aggressiver“ sein, „mehr Risiken eingehen“ und insgesamt variabler spielen müsse. „Es ist nicht unmöglich, aber es ist auch nicht so einfach, sich mental umzustellen“, sagte McEnroe. „Das ist, als würde man einem alten Hund neue Tricks beibringen.“ Nun war es gegen Tien nicht so, als wäre Zverev nicht wiederzuerkennen gewesen. Der Schlüssel zum Sieg waren auch hier 24 Asse, eine hohe Quote beim ersten Aufschlag und eine Rückhand, mit der er kaum Fehler macht. Aber wer genauer hinsah, sah zum einen ein Niveau, das selbst Zverev selten erreicht. Im dritten Satz beispielsweise machte er keinen einzigen leichten Fehler, bei 13 Gewinnschlägen. Zum anderen war er nun schon zum wiederholten Male aktiver als früher. Beim Satzball im dritten Durchgang jagte Zverev den Ball etwa mit einer enormen Vorhand die Linie entlang. Insgesamt 30-mal und damit fast doppelt so oft wie Tien ging Zverev ans Netz. Die Winterpause ist so etwas wie der Hobbykeller einer Tennis-Saison. Die Profis ziehen sich mit ihren Trainern zurück und tüfteln einige Wochen im Verborgenen an neuen Elementen. Patent angemeldet wird dann in Australien. Jahr für Jahr präsentieren die Spielerinnen und Spieler vor und während der Australian Open ihre neusten Erfindungen in ihrem Spiel. Carlos Alcaraz etwa zeigte sich dieser Tage plötzlich mit einer Aufschlagbewegung, die sehr an die von Novak Djokovic erinnerte. Und Djokovic wiederum sagte nach einem Ball, den er sehenswert im Rückwärtslaufen neben dem Körper die Linie entlang gespielt hatte: „Das war genau der Schlag, an dem wir in der Saisonvorbereitung viel gearbeitet haben.“ Ein bisschen mehr wie Sinner und Alcaraz Zverev hingegen hatte sich in den ersten Runden noch ein wenig geziert. Verraten, was genau im Winter auf dem Trainingsplan gestanden hatte, wollte er da noch nicht so recht. Erst nach dem Achtelfinale gegen den Argentinier Francisco Cerundolo rückte er dann mit der Sprache heraus. „Ich spiele ein bisschen mehr Serve-and-Volley, ein paar mehr Stopps, schlage die Vorhand ein bisschen härter“, sagte er. Das hatte nach vier Matches in Melbourne allerdings ohnehin schon jeder sehen können. Interessanter war deshalb, was Zverev dazu sagte, warum er das alles in sein Spiel eingebaut hat: „Ich versuche all das zu machen, was die zwei besten Spieler der Welt machen.“ Es ist schon bemerkenswert, wie die Wellen, die Jannik Sinner und Carlos Alcaraz mit ihrer Dominanz in den vergangenen beiden Jahren losgetreten haben, die Tenniswelt derzeit bewegen. Schließlich hat Zverev in der Vergangenheit schon öfter ziemlich giftig reagiert, wenn ihm mal wieder jemand geraten hat, dass er sein Boot für die Aussicht auf den ganz großen Fang aus dem sicheren Hafen hinter der Grundlinie in offenere Gewässer steuern muss. Nun ändert der 28-Jährige plötzlich freiwillig seinen Kurs. „Was der große Unterschied zwischen Jannik, Carlos und dem ganzen Rest ist, ist der zweite Schlag nach dem Aufschlag“, analysierte er nach dem Match gegen Tien. „Da sind sie so viel aggressiver als wir alle. Und daran habe ich zuletzt extrem viel gearbeitet.“ Will Zverev sich nun endlich mit dem ersten Grand-Slam-Titel seiner Karriere belohnen, muss er allerdings noch zwei Matches gewinnen, die ihn in weitaus stürmischere See führen dürften als am Dienstag. Im Halbfinale trifft er entweder auf Alcaraz oder de Minaur, im Finale würde ihn vermutlich wie im Vorjahr ein Duell mit Sinner erwarten. Damals war Zverev derart chancenlos gewesen, dass ihn die deutliche Dreisatzniederlage in eine veritable Sinn- und Formkrise gestürzt hatte. Doch der alte Hund hat ein paar neue Tricks gelernt. Jetzt will er sehen, was er gegen die aktuellen Alphatiere damit ausrichten kann.
