Alleskleber sind keine moderne Erfindung. Bereits in der Steinzeit diente Birkenpech als vielseitig verwendbarer Klebstoff. Archäologen haben selbst mit entsprechenden Experimenten herausgefunden, dass diese schwarze, teerartige Substanz auch in ganz einfachen Feuerstellen entstehen kann. Vorausgesetzt, Birkenrinde schwelt dort bei Temperaturen zwischen 200 und 500 Grad Celsius in der Nähe von Steinen oder Knochen. Dann kondensiert Birkenpech an diesen Oberflächen und lässt sich anschließend abkratzen. Dass Birkenpech als Klebstoff taugt, wurde wohl rein zufällig entdeckt. Gezielt hergestellt wurde die Substanz schon während der Altsteinzeit mit Feuerstellen, deren Luftzufuhr sich drosseln ließ. Wo Menschen in der Jungsteinzeit sesshaft wurden, bauten sie raffiniertere Öfen, mit denen sie das Destillat aus Birkenrinde in einem keramischen Gefäß auffangen konnten. Als Klebstoff war Birkenpech nicht nur nützlich, um Werkzeuge aus Stein an einem hölzernen Schaft, Stiel oder Griff zu fixieren. Es wurde auch dazu verwendet, Gefäße aus Ton oder pflanzlichem Material wasserdicht zu machen. Oder um sie zu reparieren. Zusätzliche Details zur Verwendung von Birkenpech liefert anhaftende Erbsubstanz. Wie Archäologen um Anna E. White von der Universität Kopenhagen und Tabea J. Koch von der University of York in den „Proceedings of the Royal Society B“ berichten, nahmen sie dreißig Birkenpech-Proben aus der Jungsteinzeit unter die Lupe. Dank eines internationalen Forscherteams – darunter auch Renate Ebersbach und Joachim Wahl vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg –- konnten neun archäologische Fundstellen einbezogen werden. Dabei handelt es sich überwiegend um Siedlungen am Ufer von Seen am Alpenrand. Organisches Material hat sich dort in einem nassen Ambiente ohne Sauerstoff besonders gut gehalten. Landwirte und Sammler der Jungsteinzeit An einer Pfeilspitze, die aus der Umgebung von Egolzwil im Kanton Luzern stammt, ließ sich neben Wildschwein auch Erbsubstanz von Hechten und Karpfenfischen aufspüren. Das könnte darauf hindeuten, dass steinzeitliche Siedler mit Pfeil und Bogen nicht nur Wild gejagt, sondern einst auch Fische erbeutet hatten. DNA aus Birkenpech, mit dem Keramikgefäße repariert worden waren, lieferte den Forschern weitere Einblicke in Ernährungsgewohnheiten der Menschen in der Jungsteinzeit: Ein Topf aus den Alpes-de-Haute-Provence diente vor rund 5700 Jahren anscheinend als Vorratsbehälter für Haselnüsse. Bucheckern und Haselnüsse wurden aber auch in denselben Gefäßen wie Weizen und Emmer nachgewiesen. Was die These bestätigt, dass die Landwirte der Jungsteinzeit zwar Ackerbau betrieben, aber auch eifrig als Sammler unterwegs waren. Erbsen und Saat-Wicken, deren Erbsubstanz in Keramik der Fundstelle Egolzwil entdeckt wurde, kamen gewiss aus eigenem Anbau. Leinsamen und Schlafmohn zählen ebenfalls zum Sortiment der Pflanzen, die seit der Jungsteinzeit in Europa angebaut werden. Jungsteinzeitliche Bewohner der heutigen Schweiz könnten Brei oder Brot mit Mohnsamen verfeinert haben, aber auch den Milchsaft der Mohnkapseln als psychoaktive Substanz geschätzt haben. Die DNA beider Nutzpflanzen wurde jedoch nicht aus Birkenpech isoliert, das an Keramik haftete, sondern aus kleinen Klumpen dieses Materials. Dass solche Brocken einst gründlich durchgekaut wurden, haben den Forschern DNA-Spuren der Mundflora verraten. Künftig lässt sich solch mikrobielle aDNA womöglich dafür nutzen, die Evolution des menschlichen Mikrobioms auch in Hinsicht auf den Speiseplan zu studieren. Kaugummi wanderte von Mund zu Mund Doch warum hatten die Steinzeitmenschen das doch wenig appetitlich wirkende Birkenpech überhaupt gekaut? Sollte es weicher werden und dadurch leichter zu verarbeiten gewesen sein? Speichel dürfte die Haftfähigkeit der Substanz vermindert haben. Außerdem lässt sich Birkenpech auch durch vorsichtiges Erwärmen am Feuer weich und klebrig machen. Vielleicht wurde es, weil antimikrobiell wirksam, einst auch als eine Art medizinischer Kaugummi verwendet. Menschliche DNA war in den durchgekauten Klumpen jedenfalls reichlich vorhanden. Wie einschlägige Analysen belegen, haben weibliche und männliche Personen gleichermaßen auf Birkenpech herumgekaut. Bei zwei Proben ließen sich sogar beide genetischen Geschlechter nachweisen. Birkenpech ist also offenbar auch von Mund zu Mund gewandert. Die Schäftung von Werkzeug seinerseits war kaum geschlechtsneutral, denn alle vier einschlägigen aDNA-Proben stammen von männlichen Handwerkern. Wenn Birkenpech zur Reparatur beschädigter Gefäße genutzt wurde, zeigte die Geschlechtsbestimmung dagegen, dass das weibliche Geschlecht Hand angelegt hatte. Hier haben allerdings nur drei von fünf DNA-Proben überhaupt ein Ergebnis geliefert. Vermutlich war die aDNA der beiden anderen Proben durch Hitze zu stark beschädigt, weil die reparierte Keramik weiterhin als Kochtopf benutzt wurde. Die Zahl der gefundenen DNA-Proben ist auf jeden Fall noch viel zu gering, um beurteilen zu können, ob die scheinbare Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern tatsächlich bestanden hat. Und wenn ja, wie strikt sie eingehalten wurde.
