Der große Solidarpakt fürs Weltklima ist also erst mal vom Tisch. Das fossile Drama geht nach der Cop30 in Belém ungeplant weiter. Was bleibt, ist ein Titel für den Pakt, der auch ohne den nötigen Klima-Drive klingt wie Musik, immerhin: Globaler „Mutirão“. Gemeinschaftlich und entschlossen gegen den Klimawandel. Da war sie mal wieder, die Ambitionsfalle, in die man sich immer wieder hineintragen lässt, vor der allerdings ebenso oft schon gewarnt wurde. Versprechen hochschrauben fürs Ansehen, nur eben ohne innenpolitische Substanz. Was draußen gesagt und was zu Hause getan wird, bewegt sich auseinander. Das sind die ungedeckten Schecks der Klimadiplomatie. Es ist aber nicht nur das Vertrauen in den Prozess oder in das Paris-Abkommen, das so erodiert. Im Konferenzzirkus geht zwischen Zocken, Agitieren und Argwohn auch der Fokus verloren. Der Fokus auf das, was nach den Worten von UN-Generalsekretär António Guterres ohnehin „unvermeidlich“ ist: die kritische Phase nach Überschreiten der Pariser 1,5-Grad-Marke. Wie mit den Konsequenzen umgehen? Die Wissenschaft ist bei dieser Frage immerhin schon angekommen, die Klimapolitik nicht wirklich. In der Zeitschrift „One Earth“ hat soeben ein internationales Team, an dem neben deutschen Klimaforschern rund um Johan Rockström vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung auch der Ex-Politikberater Hans Joachim Schellnhuber beteiligt ist, das „Leben jenseits der Limits“ thematisiert. Ihr Fazit: Der Aktionsradius müsse erweitert werden. Dem „Albtraum“ (Rockström) der politischen Unverbindlichkeiten und der vielen verpassten Chancen müsse man ins Gesicht sehen, die sich zuspitzende Lage wissenschaftlich aufarbeiten und neue „Partnerschaften zwischen Forschern und Entscheidern“ schmieden. Der „Overshoot“ ist noch nicht durchdacht Das verdeckt, wie vertrackt die Lage ist. Die 1,7 Grad Erwärmung, die wegen der Kohlendioxid-Emissionen nach heutigem Stand bereits geophysikalisch ins Erdsystem eingepreist sind, werden sich in den kommenden Jahrzehnten realisieren. Dieser geringe Erwärmungsüberschuss – „Overshoot“ – über die 1,5 Grad-Marke sei durch gezielte Kohlenstoffentnahme beherrschbar. Soll allerdings die Kurve danach abflachen und sollen damit gefährliche Rückkoppelungen verhindert werden, müssten die globalen Emissionen von jetzt an jährlich um fünf Prozent sinken. Die Landwirtschaft müsse schon in den kommenden zehn Jahren klimafreundlich so umgebaut werden, dass sie danach jedes Jahr mindestens drei Milliarden Tonnen Kohlendioxid aus der Luft entnimmt, und zusätzlich müssten weitere fünf Milliarden Tonnen des Treibhausgases irgendwie durch Moore, Wälder, Ozeane oder „welche Technologien auch immer“ entnommen werden, wie Rockström zusammen mit James Dyke von der University of Exeter in einem Kommentar in „The Conversation“ schreibt. Ein Vielfaches der Emissionen von Deutschland müssten der Atmosphäre also schon bald gezielt entzogen werden. Nach solchen „Negativemissionen“ sieht es derzeit allerdings wirklich nicht aus. Abgesehen von den nationalen – theoretischen – Klimazielen einiger Staaten, die Teil der Klimaverhandlungen sind, ist es allein Dänemark, das konkret bis 2050 bis zu 110 Prozent der eigenen Emissionen sicher zu entsorgen plant. Overshoot-Experte Oliver Geden von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik nimmt deshalb die Europäische Union als „Vorbild“ in die Pflicht. Er fordert zusammen mit Andy Reisinger in einem hauseigenen SWP-Kommentar ein „Negativemissionsziel bis 2060“. Faktisch aber gibt es für ihn bisher keine echte Overshoot-Politik. Mit dem Brauch jedenfalls, die Klimaneutralität zur Jahrhundertmitte als Endziel der Klimapolitik zu betrachten, müsse es ein Ende haben. Europa müsse rasch „ein Exempel für den Rest der Welt liefern“, so Geden. Womit schon wieder die Ambitionsfalle ins Spiel kommt – und die Kostenfrage obendrauf. Mit beidem aber wird sich die Klimapolitik sowieso schnell und intensiv beschäftigen müssen.
