Als sich schon vor Jahren das Ausmaß der Gewalt abzeichnete, die Jeffrey Epstein an Kindern und jungen Frauen beging, war das Urteil der Manosphere deutlich. Auf die Ablehnung des Kinderschänders konnte man sich einigen, das Mitglied einer korrupten Elite, das selbstherrlich Recht und Moral missachtete und dabei auch den „einfachen“, also machtlosen Mann betrog. Die Verachtung für den Sexualstraftäter Epstein war der kleinste gemeinsame Nenner einer disparaten Gemeinschaft der Trolle, der bis heute, unter neuen, noch verstörenderen Voraussetzungen, fortbesteht. Dabei ist das Verhältnis der in den Jahren von Epsteins Verbrechen herangewachsenen digitalen Sphäre frustrierter Männer zu der Figur, an der sie sich in zahllosen Theorien abarbeitete, viel ambivalenter. Von Anfang an wurde Epstein in der Anonymität der digitalen Boards und Kanäle auch immer für seine unbegrenzte Willkür bewundert und beneidet, für die grundsätzliche Verfügbarkeit aller denkbaren Gewaltphantasien. Die Figur des strippenziehenden Inselbesitzers passte ja auch gut in ein Weltbild, in dem Geld alles entschied und der Platz von Frauen in der sozialen Ordnung irgendwo in Kellerfensterhöhe zementiert blieb. Ein Alpha, der über dem Gesetz stand Zeigte der Umgang mit dem Fall Epstein in den Nuller- und Zehnerjahren nicht, dass die antifeministische Ideologie der „roten Pille“, der viele in der Manosphere bis heute anhängen, recht behielt? Dass Frauen, hochrangige Politiker, Unternehmer von Reichtum und Status angezogen werden wie die Motten, in einer Welt, der Matrix, die nur von einer kleinen Elite durchschaut wird? Zeigten nicht die langjährige Straflosigkeit und die spektakulär milde Strafe für Epstein selbst, dass, wer den Status besaß, ein Alpha war, über dem Gesetz stand? Epstein, so viel ist jetzt bekannt, hatte mehr mit der Manosphere zu schaffen, als lange vermutet. 2011 traf er Christopher „moot“ Poole, den Gründer von 4chan, einem Forum, das später jede Menge Hetze hervorbrachte. In einer Mail an Boris Nikolić, den Vermittler des Treffens, schrieb er: „Ich mochte mmot (sic) sehr. Ich habe ihn nach Hause gefahren, er ist sehr klug.“ Zwar gibt es keine Hinweise auf den Inhalt des Gesprächs, aber auffällig ist, dass Poole wenige Tage nach dem Treffen mit Epstein den Kanal /pol/ wieder öffnete, eine Unterkategorie für Diskussionen auf 4chan, die für „politically incorrect“ stand und für besonders extreme Positionen bekannt war. Vier Tage nach Epsteins Treffen mit Poole schickte Nikolić Epstein wieder eine E-Mail mit einem Link zu einem Artikel in der „Washington Post“, der erklärte, wie 4chan dazu genutzt wird, Fanatismus zu schüren und Cyberangriffe zu starten. „Das Potential für Manipulation ist enorm“, schrieb Nikolić. Und so kam es dann auch. Der Kanal /pol/ wurde zum Initiationsort für „Gamergate“. Was 2014 mit Attacken gegen weibliche Spieleentwickler begann, entwickelte sich zu einer Kaskade von Ausbrüchen und Eklats, bei denen Armeen von Onlinetrollen Menschen bedrohten. Es ging um Revierkämpfe, darum, Frauen aus den männerdominierten digitalen Räumen herauszuhalten. Ironie der Schicksalsmächte Im Zuge von „Gamergate“ erkannte auch Steve Bannon, Trumps späterer Berater, das Potential der selbsterklärten Verlierer an ihren Computerbildschirmen. Aus den neuen Veröffentlichungen der Epstein-Akten geht hervor, dass die beiden in den Jahren vor Epsteins Tod engen Kontakt pflegten. Bannon sollte helfen, Epsteins Ruf nach der ersten Verurteilung wieder aufzupolieren. Und Bannon erhielt Zugriff auf Epsteins Netzwerk und Ressourcen für seine Arbeit mit den wütenden jungen Männern. Dass die Manosphere in dieser Zeit eine Verschwörungstheorie hervorbrachte, die näher an den tatsächlichen Ereignissen liegen könnte, als man es lange für denkbar hielt, kann als Ironie der Schicksalsmächte betrachtet werden: Pizzagate, die Erzählung von einem aus dem Keller einer Pizzeria heraus agierenden Kinderpornoring, schadete am Ende vor allem einer Frau: Hillary Clinton. Der Rest ist Geschichte. Was in den frühen Zehnerjahren noch unter der Kategorie Foren der Loserkultur wegignoriert werden konnte, erweist sich aus heutigem Blickwinkel als strategisch angelegter, durchaus erfolgreicher Versuch, vorrangig weiße junge Männer politisch zu instrumentalisieren. Männer, die sich allein in dem Gefühl verbunden glaubten, etwas verloren zu haben, was ihnen zustand; der Vorstellung, mit dem Ende der traditionellen Geschlechtsverteilung dem Kollaps der westlichen Zivilisation beizuwohnen. Es war der Moment, in dem sich die Nerds der digitalen Sphäre mit den von ihnen mit Argwohn beobachteten Patriarchen der hegemonialen Ordnung zusammentaten und begannen, den liberalen Konsens zu untergraben. Von Pick Up-Artists zu Männerinfluencern Einige Strategien des einschüchternden Vorgehens gegen Frauen während „Gamergate“ ließen sich später in den Machtkämpfen der Right-wing-Populisten mit Demokraten und anderen liberalen Kräften wiedererkennen. Steve Bannons Wahlkampf für Trump lief jedenfalls erfolgreich, und sein Kanal „Breitbart News“ war eine Weile lang so gut im Geschäft, dass ihm der Platz in den Geschichtsbüchern schon gesichert schien. Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie sich die Protagonisten der Manosphere in den Zehnerjahren veränderten. Die selbstgefälligen Pick-up-Artists, die glaubten, Frauen durch vorgestanzte Sprüche für sich gewinnen zu können, wurden zunehmend durch Männlichkeitsinfluencer ersetzt, die dunklere Töne anschlugen. Plötzlich drehte sich alles um Dominanz, Status und die Übung, den Willen von Frauen zu missachten. Andrew Tate gehört zu ihren bekanntesten Vertretern. Seit seiner Verurteilung als Sexualstraftäter stilisiert er sich als Opfer des Systems, auch er spricht gern von der Matrix. Wieso, fragen sich seine Anhänger, soll er büßen, wenn Epstein mit seinen Eskapaden jahrelang durchkam? Auswüchse dieser Denkweise finden sich heute in der Incel-Kultur und in den Alphamänner-Phantasien von Fitness-Influencern. Die natürliche Hierarchie, für die Epstein Bestätigung suchte, das Fundament seines Herrenmenschendenkens, das sich im Plan äußerte, seine DNA massenhaft zu verbreiten, ist in die Basis der Manosphere gesickert. In den neu veröffentlichten Mails der Epstein-Akten sind nun auch Namen von einigen Influencern der Manosphere aufgetaucht, darunter der Longevity-Podcaster und Buchautor Peter Attia. Die Szene hat sich in der Sache in zwei Lager gespalten. Die einen weigern sich, Verbindungen zwischen ihren Vorbildern und dem korrupten Machtapparat zu sehen. Andere haben begonnen zu rebellieren: „Amerikaner anzulügen – das hat nichts mit ‚America First‘ zu tun“, sagte der Podcaster Andrew Schulz im Sommer. „Ich denke, die Epstein-Sache erweist sich als wirkungsvoll“, schreibt jemand in dieser Woche auf Reddit. Es wäre seit Jahren die erste gute Nachricht im Kontext Epsteins.
