„Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen“, ließ König Charles III. verlauten, nachdem sein jüngerer Bruder Andrew Mountbatten-Windsor am Donnerstagmorgen festgenommen worden war. Niemand steht über dem Gesetz, auch kein Mitglied der königlichen Familie. Das sah Karl I. aus dem Haus Stuart vor mehr als 350 Jahren noch anders. Er wollte sich vom Parlament nicht in seiner göttlichen Allmacht beschränken lassen, was dazu führte, dass er 1649 verhaftet wurde. Sein Hochverrat kostete ihn am Ende den Kopf. Karl I. war bisher das letzte Mitglied der königlichen Familie, dass festgenommen und vor ein Gericht gestellt wurde. Andrews Verhaftung hat nichts mit dem mutmaßlichen Epstein-Opfer Virginia Giuffre zu tun, der Frau, die dem ehemaligen Prinzen und Herzog von York vorgeworfen hatte, sie als Minderjährige missbraucht zu haben. Die Anklagepunkte drehen sich vielmehr um Details, die erst im Januar bekanntgeworden sind, als weitere Tausende Seiten aus den sogenannten Epstein-Akten veröffentlicht wurden. Vertrauliche Dokumente an Epstein Demnach hat Andrew, der von 2001 bis 2011 im Handels- und Industrieministerium als Sonderbeauftragter des Vereinigten Königreichs für internationalen Handel und Investitionen tätig war, dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein vertrauliche Dokumente zugespielt. Aus diesem Grund leitete die Polizei von Thames Valley, zu deren Verantwortungsbereich auch das Gelände von Schloss Windsor gehört, wo der 66 Jahre alte Andrew bis vor kurzem noch wohnte, Ermittlungen gegen den Zweitgeborenen von Königin Elisabeth II. ein. Laut britischer Medien belastet eine E-Mail den damaligen Prinzen besonders: Nach einer offiziellen und von der Regierung finanzierten Reise nach Asien soll Andrew eine Reihe von vertraulichen Länderberichten zu Singapur, Hong Kong und Vietnam bekommen haben, in denen es offenbar auch um Möglichkeiten ging, in den Staaten gewinnbringend investieren zu können. Innerhalb von fünf Minuten habe Andrew die Berichte an den damals schon wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verurteilten und zeitweiligen Gefängnisinsassen Epstein weitergeleitet, berichtet etwa die BBC. Ist dies nur die „Spitze des Eisbergs“? Danach gab es mindestens zwei weitere ähnlich gelagerte Fälle: An Weihnachten 2010 schickte Andrew demnach Epstein eine vertrauliche Mail über Investment-Möglichkeiten beim Wiederaufbau der Provinz Helmand in Afghanistan, für die damals britische Truppen im Rahmen der NATO-Mission verantwortlich waren. Am 9. Februar 2011 folgte eine E-Mail mit vertraulichen Angaben über eine Private-Equity-Firma, die Andrew als Beauftragter seiner Majestät kurz vorher besucht hatte. Es steht zu befürchten, dass dies nur die „Spitze des Eisbergs“ ist, wie die BBC schreibt. Die E-Mails allein können nicht zu so einem drastischen Schritt geführt haben, zu Andrews Festnahme. Auch am Freitag fuhren wieder Polizeiwagen vor der Royal Lodge auf dem Gelände von Schloss Windsor vor, und Beamte durchsuchten das Gebäude, in dem Andrew über mehr als zwei Jahrzehnte gewohnt hatte. Bisher ist der Bruder des Königs noch nicht angeklagt worden, er kam am Donnerstagabend wieder frei. Und zwar auf Vorbehalt, „Release Under Investigation“, wie es dazu hieß. Da davon ausgegangen wird, dass die Ermittlungen lange dauern könnten, war dem ehemaligen Prinzen ein dauerhafter Freiheitsentzug offenbar nicht zuzumuten. Von einer Kaution oder Bedingungen ist nichts bekannt, aber sicher darf Andrew vorläufig das Land nicht verlassen. Der Palast, der in seiner tiefsten Krise seit Jahrzehnten steckt, hatte schon am Montag seine „Unterstützung“ bei der Aufklärung in diesem Fall signalisiert, was wohl erst zu dem Einsatz der Thames Valley Police am neuen Wohnsitz Andrews in Sandringham führte. Sollte es zu einer Anklage und einem Gerichtsprozess kommen, hieße es am Ende „R v Mountbatten-Windsor“, also wie auch sonst: „Der König gegen . . .“ – in diesem Fall seinen eigenen Bruder.
