FAZ 08.02.2026
16:57 Uhr

Epstein-Akten: Sie schützen die Täter, nicht die Opfer


Viele der mutmaßlichen Epstein-Opfer werfen dem US-Justizministerium vor, ihre Identität nicht geschützt zu haben. Manche vermuten, dass so die Aussagen weiterer Betroffener verhindert werden sollen.

Epstein-Akten: Sie schützen die Täter, nicht die Opfer

Als amerikanische Ermittler nach Jeffrey Epsteins Festnahme im Sommer 2019 das Townhouse des Sexualstraftäters in ­Manhattan durchsuchten, fanden sie mehr Beweisstücke, als ihnen lieb war. In einem Tresor, den Epstein in einen Schrank hatte einbauen lassen, lagen Hunderte CDs mit handschriftlichen Titeln wie „Nacktbilder 00-24“, „Diverse Nudes“ und „LSJ“, kurz für Little Saint James, die Karibikinsel, auf der er unter anderen den früheren Prinzen Andrew Mountbatten-Windsor, Astro­physiker Stephen Hawking, Victoria’s-Secret-Milliardär Les Wexner und Komiker Chris Tucker beherbergte. Zwei Stockwerke höher stießen die Ermittler in einer Kommode auf einen Schuhkarton. Wie die Beamten in den Protokollen der Durch­suchungen festhielten, die in der vergangenen Woche mit weiteren etwa drei Millionen Seiten der sogenannten Epstein-Akten veröffentlicht wurden, fanden sie in der „Shoebox“ weitere CDs mit Titeln wie „Blondine“, „Thai-Massage“ und „Nackte Mädchen/Abendessen mit Wissenschaftlern“. Die Ermittler notierten auch, Datenträger mit Namen von Frauen und Mädchen, viele von ihnen jünger als 18 Jahre, entdeckt zu haben. Über die „female names“ wird seit einigen Tagen fast ebenso heftig debattiert wie über die Namen von Politikern, Geschäftsleuten und Prominenten, die in den jetzt veröffentlichten Akten auftauchen. Viele der mutmaßlichen Opfer werfen dem Justizministerium in Washington vor, ihre Identität nicht geschützt zu haben. „Mindestens zwei meiner Mandantinnen sind klar zu erkennen. Dem Justizministerium scheinen die Opfer völlig egal zu sein“, sagte der Rechtsanwalt Spencer ­Kuvin, der mehrere Frauen mit Ver­bindungen zu Epstein vertritt, dem Sender CBS. Justizministerium räumt Fehler ein Auch die Angehörigen der vor einigen Monaten durch Suizid verstorbenen Virginia Roberts Giuffre, ebenfalls ein Opfer des sexuellen Missbrauchs, monierten die Freigabe „intimer Details“. „Sie schwärzen die Namen der Täter und lassen die ­Namen der Opfer sichtbar. Das ist ­genau das Gegenteil von dem, was das ­Gesetz zur Transparenz der Epstein-Akten verlangt“, schimpfte Roberts Giuffres ­Bruder Skye Roberts. Das Gesetz, das der amerikanische Präsident Donald Trump im November unterzeichnet hatte, verlangt das Schwärzen von Namen und ­Gesichtern aller Frauen und Mädchen außer Epsteins Mittäterin Ghislaine ­Maxwell. Die Britin, die zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde, weil sie als Zuhälterin in seinem Kindes­missbrauchsring gewirkt hatte, hatte auch Roberts’ Schwester Virginia Roberts ­Giuffre für den organisierten sexuellen Missbrauch durch Epstein und seine prominente Entourage rekrutiert. Das Justizministerium räumte inzwischen „technische und menschliche Fehler“ bei der Freigabe der Akten ein. ­Einige der mutmaßlichen Opfer sollen aber trotz Korrekturen weiterhin durch ­Informationen wie E-Mail-Adressen und Sozialversicherungsnummern erkennbar sein. Wie einige der Frauen vermuten, unter ihnen Annie Farmer und Lisa ­Phillips, dienen die fehlenden Schwär­zungen unter Umständen dazu, Aussagen weiterer, bislang nicht bekannter Opfer zu verhindern. „Wir haben den Eindruck, man spielt ein Spiel mit uns. Wir geben den Kampf aber nicht auf“, sagte Phillips, ein früheres Model, dem Sender BBC. Weitere Anklagen soll es nicht geben Auch die kalifornische Anwältin Gloria Allred, die fast 30 mutmaßliche Opfer vertritt, wirft den Justizbehörden die Bloßstellung von Opfern vor, während die Namen möglicher Täter „mehr geschwärzt wurden als nötig“. Der stellvertretende Justizminister Todd Blanche teilte derweil mit, von weiteren Anklagen gegen ­Epsteins mögliche Mittäter abzusehen. „Wir haben in den ,Epstein-Akten‘ nichts gefunden, das uns erlaubt, jemanden vor Gericht zu stellen“, sagte der frühere Staatsanwalt dem Sender CNN. Dass die Entscheidung richtig sei, könne jeder in den auf der Website des Justizministeriums veröffentlichten Unterlagen nachvollziehen. Die Datensätze neun, zehn, elf und zwölf bieten derweil verstörende Einblicke in das System Epstein. Immer wieder holte der Finanzmanager junge Mädchen aus Ländern wie Polen, der Ukraine und ­China in die Vereinigten Staaten, bezahlte ihre Flüge, half bei Visumsanträgen und finanzierte ihnen Studium, Modelkarriere oder Ausbildungen zur Masseurin. Als Gegenleistung hatten sie bei Abendein­ladung in seinem Townhouse an Manhattans nobler Upper East Side zu erscheinen, um Epsteins Gäste zu unterhalten. Per ­Privatjet, unter Freunden des 66 Jahre ­alten New Yorkers bekannt als „Lolita-Express“, wurden die jungen ­Frauen und Mädchen auch auf Epsteins Ranch nach New Mexico, seine Wohnung in Paris und auf die Amerikanische Jungferninsel Little Saint James gebracht. In den Flugbüchern tauchen ihre Namen ebenso auf wie die von Donald Trump, ­seinem Vorgänger Bill Clinton, Hollywoodschauspieler Kevin Spacey und dem Medienunternehmer Casey Wasserman, Gründer einer Sportmarketing- und ­Talentagentur sowie der Vorsitzende des Organisationskomitees der nächsten Olympischen und Paralympischen Sommerspiele im Jahr 2028 in Los Angeles. Für Neuankömmlinge gab es eine finanzielle Belohnung Wie die freigegebenen Akten zeigen, wurden aus „victims“ auch immer wieder „recruiter“. Um neue Mädchen anzu­werben, forderten Epstein und Maxwell ­einige der mutmaßlichen Opfer auf, ihnen Freundinnen, Mitschülerinnen und Schwestern, bevorzugt jünger als 18 Jahre, vorzustellen. Wie die Neuankömmlinge belohnten die beiden die Anwerberinnen jeweils mit einigen Hundert Dollar. Auch die Künstlerin Rina Oh gehörte zu den „recruiters“. Sie gab zu, mindestens drei Mädchen in Epsteins Townhouse einge­laden zu haben. Zudem ging sie mit ­Roberts Giuffre einkaufen und kam auf Wunsch des Sexualstraftäters mit einer Schuluniform für die damals Siebzehn­jährige zurück. Als Mittäterin sieht Oh sich aber nicht. „Ich bin jahrelang sexuell missbraucht worden“, sagte die New Yorkerin der Journalistin Tara Palmeri. „Ich wurde belogen und benutzt. Aber im Unterschied zu vielen, vielen anderen bin ich irgendwann gegangen.“