FAZ 23.12.2025
10:05 Uhr

Entwicklungsstörung: Wie der Alltag mit ADHS gelingen kann


Ist ein Familienmitglied, egal ob Eltern oder Kind, von ADHS betroffen, hat das oft Auswirkungen auf das Zusammenleben. Mit einer Diagnose sind aber auch Chancen verbunden.

Entwicklungsstörung: Wie der Alltag mit ADHS gelingen kann

Neuerdings wird viel geschrien in dem Haushalt, in dem es noch nie ruhig, meist aber friedlich zuging. Türen knallen. Zwei atmen schwer. Eine vor, eine hinter der Tür. Und beide fragen sich: „Musste das sein?“ Das Aufbrausen, das Hochfahren, der unkontrollierte Ausbruch. Aber wenn die Wut hochsteigt, gibt es für beide kein Halten mehr. Weder für die Mutter noch für die Tochter. Auslöser des Streits war ein verloren geglaubter Schlüssel. Alles hat die Tochter durchsucht. Hosen, Jacken, die Schultasche, den Hundekorb. Gefunden hat sie ihn schließlich im Geldbeutel. Im Fach für Kleingeld. Die Mutter hat geschimpft. Darüber, wie tollpatschig ihr Kind ist, und darüber, dass schon wieder ein Nachmittag mit Suchen vergeudet wurde. Dabei scheint sie vergessen zu haben, dass auch sie es ist, die ständig etwas verlegt. Dass auch ihre Gedanken manchmal auf Wanderschaft gehen und sie dabei in alltäglichen Situationen verloren zu gehen droht. Mutter und Tochter haben beide ADHS. Die Abkürzung steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Bei der neurobiologischen Entwicklungsstörung kommt es unter anderem zu einer abweichenden Dopamin-Signalübertragung. Menschen mit ADHS zeigen häufig eine verringerte Aktivität des Botenstoffs – besonders im präfrontalen Cortex, also dem Bereich, der für die Aufmerksamkeit und Planung zuständig ist. Hilfe in Anspruch nehmen bei Leidensdruck Mit ihrem Namen wollen Mutter und Tochter nicht genannt werden. Zu groß die Scham. Zu frisch die Diagnose. Zu unbeantwortet noch die Frage, was eigentlich noch übrig bleibt an Persönlichkeit, wenn all die Eigenschaften, die ADHS mit sich bringen kann, eben nur noch als Begleiterscheinung gesehen werden: das Kommunikative, das Kreative, die überbordende Energie – alles nur Teil einer Diagnose und nicht mehr des eigenen Ichs? Neben all der Unsicherheit macht sich aber auch Erleichterung breit. Denn plötzlich erscheinen die Eigenschaften, die das Leben oft erschwert haben – etwa das Verträumte, das Verplante, das Impulsive – erklärbarer, nicht aber automatisch entschuldbar. Dass sowohl Mutter als auch Tochter betroffen sind, ist nicht ungewöhnlich. Denn ADHS ist vererbbar. Ist ein Elternteil betroffen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass auch die Kinder Symptome zeigen. In Haushalten, in denen gleich mehrere Personen ADHS haben, geht es oft „lebendiger“ zu, wie Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Frankfurter Universitätsklinikum, sagt. „Alles ist ein bisschen bunter.“ Er lenkt auch bewusst den Blick auf die positiven Eigenschaften, die mit der Störung einhergehen. Die negativen, darin ist er sich sicher, sind in den vergangenen Jahren oft genug besprochen worden. Mit ADHS und all den einhergehenden Besonderheiten umzugehen zu lernen, müsse das Ziel von Betroffenen sein. Zumindest dann, wenn ein Leidensdruck besteht, sagt Reif. An der Uniklinik ist der Andrang auf die ADHS-Testambulanz hoch, die Warteliste ist lang. Die Thematik habe in den vergangenen Jahren eine große Aufmerksamkeit erfahren, wie Reif sagt. Besonders in den sozialen Medien sei viel zum Thema „Neurodiversität“ zu finden – darunter fallen Erkrankungen wie ADHS, aber auch Autismus. Einerseits helfe diese Form der Aufmerksamkeit, die Themen zu entstigmatisieren, andererseits seien viele Falschinformationen im Umlauf, sagt Reif. Oft werde das Thema zu oberflächlich betrachtet, jeder Spleen mit einer Diagnose begründet. „Als Neuronormaler wird man ja schon fast als langweilig gelabelt“, sagt er. Wie gute Elternschaft mit einer ADHS-Diagnose aussehen kann Dabei sei der Leidensdruck vieler Betroffener groß. Weil sie eben nicht immer ins gesellschaftliche Raster zu passen scheinen, weil das Leben anstrengender ist, wenn man nicht der Norm entspricht. Auch deshalb seien viele Eltern, die um ihre eigenen Herausforderungen im Umgang mit ADHS wissen, besorgt, wenn bei ihren Kindern die gleiche Diagnose gestellt wird. Denn viele sind im Leben angeeckt. In der Schule, weil sie entweder zu laut oder zu verträumt waren. Im Beruf, weil sie manchmal wichtige von unwichtigen Aufgaben nicht unterscheiden konnten. Im Freundeskreis, weil längst nicht jeder impulsive Ausbruch verziehen wird. Und auch in Beziehungen – weil es manchmal schwerfällt, das Alltagschaos in der Partnerschaft zu ertragen. Aber längst nicht alle hatten die Chance, sich schon vor der Geburt eines Kindes mit der Frage auseinanderzusetzen, wie eigentlich eine gute Elternschaft gelingen kann, trotz – oder gerade wegen – der besonderen Art, auf die Welt zu blicken. Denn nicht selten werden laut Reif Erwachsene erst sehr spät mit ADHS diagnostiziert. Etwa dann, wenn bei ihren Kindern ein Verdacht im Raum steht und im Zuge des Diagnostikverfahrens auch der Blick auf die Eltern fällt. So war es auch bei der Mutter und ihrer Tochter, die eigentlich ähnlich ticken, aber gerade deshalb immer wieder aneinandergeraten. Eine Diagnose bei Erwachsenen, auch wenn sie erst spät gestellt werde, sei immer eine Chance. Denn das Wissen um die Besonderheit und der richtige Umgang damit könnten das Familienleben entspannen. Denn wer sich selbst besser verstehe, könne auch den eigenen Kindern besser zur Seite stehen und die Stärken bewusster wahrnehmen. Für Kinder, ob nun selbst betroffen oder nicht, könne der Alltag mit einem Erwachsenen, der ADHS-Symptome aufweist, bereichernd sein, ist sich Reif sicher. Zumindest dann, wenn es sich um einen Haushalt handele, in dem die elterliche Fürsorge selbstverständlich gelebt und das Kind mit seinen Bedürfnissen wahrgenommen werde. Das sei nicht immer der Fall. Denn ADHS gehe manchmal auch mit einer hohen Neigung zu Impulsivität und Suchtverhalten einher. Alkohol- oder Spielsucht können ein Beispiel dafür sein. Aber auch ein unsteter Lebensstil durch ständig wechselnde Partner. Der Mangel an Dopamin beeinträchtigt die Informationsübertragung zwischen den Nervenzellen, was zu Schwierigkeiten bei der Aufmerksamkeitssteuerung, der Impulskontrolle und einem verstärkten Bedürfnis nach schnellen Belohnungen führen kann. Mit anderen Worten: ADHSler suchen oft nach starken Reizen, um kurzfristig den Dopaminmangel auszugleichen und das Belohnungssystem anzuregen – das macht Betroffene anfällig für alles, was den schnellen „Kick“ verspricht. Glücksspiel kann solche Reize setzen, aber auch der übermäßige Konsum von Alkohol und Drogen, oder – etwas alltäglicher – das Verlangen nach Zucker. Erwachsene mit ADHS müssen trotzdem Vorbildrolle einnehmen Aber nicht jeder Erwachsene, dessen Hirn aufgrund von ADHS die Welt anders wahrnimmt, ist von Suchtproblematiken betroffen. Doch durch die Tendenz, schnell gelangweilt zu sein und nach Abwechslung zu suchen, sei der Alltag mit einem betroffenen Elternteil für Kinder oft ein bisschen spannender, ein bisschen schriller und lauter, sagt Reif. Der Ausflug auf den Spielplatz? Eine Abenteuerreise. Im Schneidersitz die Rutsche herunter, im Galopp wieder herauf. Ein bisschen Risiko hat noch nie geschadet. Schneller, höher, weiter. Hauptsache, es wird Dopamin ausgeschüttet. Manchmal sei genau deswegen mehr Stress auf dem wackeligen Konstrukt namens Familie als bei anderen. „All die Sachen, die einem ADHSler nicht so liegen, soll er seinen Kindern plötzlich vorleben“, zählt Reif die Herausforderungen auf. Sich etwa an Zeitpläne halten. Oder konzentriert eine Aufgabe zu Ende zu bringen, bevor drei neue Projekte gestartet werden. So kann das Erledigen der Hausaufgaben nicht nur für die Kinder, sondern auch für ihre Eltern zum Stresstest werden. Wieso Mathe pauken, wenn doch gerade die Sonne draußen scheint? Wieso Vokabeln lernen, wenn doch schon das Verzieren der Vokabelkärtchen den halben Nachmittag eingenommen hat? ADHS geht mit vielen Symptomen einher, wobei ihre Ausprägungen stark variieren können. Die Fähigkeit, sich einerseits fast manisch in Aufgaben zu vertiefen, in anderen Fällen schnell die Konzentration zu verlieren, gehört ebenso dazu wie der Drang, Impulsen gleich nachzugehen. Auch Christine Freitag begegnen immer wieder Familien, in denen mehr als eine Person von ADHS betroffen ist. Freitag ist Leiterin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Frankfurt (KJPPP). Sie weiß, wie herausfordernd und zeitgleich bereichernd diese Konstellation sein kann. ADHS, so ordnet sie klar ein, zähle zu den neuromentalen Entwicklungsstörungen. „Die Entwicklung des zentralen Nervensystems weicht leichtgradig ab von der typischen Entwicklung.“ Sie beruhigt Eltern: Neben der medikamentösen Therapie könne der gemeinsame Alltag mit kleinen weiteren Hilfestellungen einfacher gemeistert werden. Vorausgesetzt, auch das Elternteil verstecke sich nicht hinter der Diagnose, sondern sei bereit, Verantwortung zu übernehmen. Für sich und das Kind. Coaching oder eine Verhaltenstherapie könnten betroffenen Eltern helfen, sich kleine Alltagshilfen einzubauen, um nicht komplett die Struktur zu verlieren. „Es geht darum, selbstverantwortlich mit den Symptomen umzugehen.“ In manchen Fällen sei es auch für betroffene Eltern sinnvoll, ergänzt Reif, über eine medikamentöse Unterstützung nachzudenken. „ADHS-Symptome schwanken sehr über die Zeitspanne eines Lebens“, sagt Reif. „In Zeiten von Stress und Belastung werden sie stärker. Dann rückt es in den Vordergrund.“ In Absprache mit behandelnden Ärzten sei es denkbar, in besonders stressigen Phasen durch medikamentöse Unterstützung ein bisschen Ruhe ins System zu bringen. „In einer Phase der Stabilität ist unter Umständen gar keine Behandlung erforderlich.“ Reif spricht sich daher für eine „lebenssituationsabhängige Medikation“ aus. Auch Freitag ist oft mit Fragen von Eltern konfrontiert, die entweder selbst betroffen sind oder ein Kind haben, das mit ADHS diagnostiziert wurde. Die KJPPP bietet extra Elterntrainings an, um ein besseres Verständnis für die Erkrankung und den Umgang damit zu erzielen, aber auch, um den Familien zu helfen, gemeinsam positive Erlebnisse zu schaffen, um besser durch die manchmal chaotische Zeit zu kommen. Es gehe um Erziehungshilfen und um kleine Tipps, die den Alltag erleichtern sollen. Klare Regeln und Ziele definieren Manchmal müsse zum Beispiel erst einmal wieder gelernt werden, die Kinder zu loben. Denn zwischen all dem „Warum hast du denn nicht?“ und dem „Wieso denn schon wieder?“ sehen viele nach Erfahrung der Kinder- und Jugendpsychiaterin und Psychotherapeutin nicht mehr, was gut gelaufen sei. Deshalb rät sie, kleine, überschaubare Aufgaben zu erteilen. Werden sie erledigt, wird gelobt. Den Blick auch auf die guten Eigenschaften zu schärfen, sei Teil der Elterntrainings. „Die Kinder brauchen klare Strukturen und Rituale und eine zeitige Rückmeldung, ob sie etwas richtig oder falsch gemacht haben, damit sie frühzeitig die Chance bekommen, sich zu korrigieren“, sagt Freitag. Sie plädiert für eine einfache, klare Sprache. „Verklausulierte Sprachweisen sind für Kinder mit ADHS nichts“, sagt sie. Eltern müssen ihrer Ansicht nach Vorbild sein. Gar nicht so einfach, wenn einem selbst der Alltag nicht immer gelingen mag. Gar nicht so schwer, wenn man kleine Regeln beachtet, sagt hingegen Freitag. Eine der wichtigsten, die sie auch ADHS betroffenen Eltern mit auf den Weg gibt: Handy weg. Zumindest in der Anwesenheit der Kinder. Denn das ADHS-Hirn springe besonders gut auf die kurzen Videos an, die beispielsweise in den sozialen Medien ausgespielt werden. Noch ein Video und noch eins und noch eins. Volle Aufmerksamkeit auf den Bildschirm. Die Welt im Außen scheint vergessen. Eltern, die nicht ansprechbar, geistig nicht anwesend sind, die nicht mehr kommunizieren, sondern überwiegend konsumieren, seien kein Vorbild für ihre Kinder, sagt Freitag. Die Handynutzung für Kinder soll ihrer Ansicht nach streng limitiert werden. Besonders Eltern kleinerer Kindern rät sie, im persönlichen Kontakt mit den Kindern zu bleiben und sich nicht vom Handy ablenken zu lassen. „Fast alles ist besser als Medienkonsum.“ Außerdem könne auch schon bei Kindern durch eine bewusste Ernährung, wie etwa das Vermeiden von Zuckerspitzen, manche Konfliktquelle ausgeschaltet werden. Denn der Zucker werde in Energie umgewandelt, das System fahre wieder hoch. Ein Problem für die oft eingeschränkte Fähigkeit, Impulse zu regulieren. Wenig später rauscht der Zuckerspiegel wieder in den Keller. Ein Nährboden für neue Konflikte. Mutter und Tochter kennen all diese kleinen Tricks, versuchen, sich an all die strukturgebenden Hilfen zu halten. Und sie versuchen, ein bisschen milder miteinander zu sein. Nicht jede Verhaltensweise, die zu Konflikten führt, ist erklärbar durch den Dopaminmangel. Entschuldbar erst recht nicht. Aber manches vermeidbar. Ihren Schlüssel sucht die Tochter übrigens noch immer regelmäßig, ebenso wie ihren Geldbeutel, die Kopfhörer oder das Mobiltelefon. Aber all diese Dinge findet sie mittlerweile schneller. Mutter und Tochter haben sich beide in gleich mehrfacher Ausführung kleine Bluetooth-Anhänger gekauft, die sie in der Handyhülle, am Schlüssel und im Portemonnaie angebracht haben. Geht ein Gegenstand verloren, kann er auf den Meter genau geortet und angezeigt werden.