Kühle Luft schlägt uns entgegen, als wir in Saint-Blaise-La-Roche aus dem Zug steigen. Leicht verloren steht das Bahnhofshäuschen in der Landschaft, umgeben von Hügeln und Bäumen. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen, nur ab und zu fährt ein Auto vorbei. Ansonsten herrscht Stille. Von hier aus sind es noch vier Kilometer bis ans Ziel, das bedeutet: fünf kurze Minuten mit dem Auto oder fünfzig lange Minuten zu Fuß. Auf ein Taxi ist in dieser entlegenen Gegend kaum zu hoffen, wie uns der Inhaber des nächsten Taxidienstes am Telefon bestätigt. Nur widerwillig lässt sich der Rollkoffer den Hang hinaufziehen. Die Hälfte der Strecke ist geschafft, da lässt ein vorbeifahrendes Auto die Fensterscheibe herunter und bietet an, uns mitzunehmen. Glück gehabt. Das Nutchel Forest Village liegt auf 600 Meter Höhe am Rande der elsässischen Vogesen. Abgeschiedenheit ist hier nicht nur Teil, sondern Voraussetzung der Erfahrung, die das kleine Feriendorf seinen Gästen bietet: In Holzhütten sollen sie dem Alltagsstress entfliehen, zur Ruhe kommen und sich auf das Wesentliche besinnen. „Glamping“, ein Kofferwort für Glamourous Camping, nennt sich das Konzept, das die Naturnähe und Einfachheit von klassischem Camping mit Komfort verbindet. Wie Holzhütten und Glamour zusammengehen, können wir uns noch nicht so recht vorstellen. Auf den ersten Blick scheint das Forest Village vor allem auf Enthaltsamkeit ausgelegt zu sein. In einem Blockhaus am Eingang des Feriendorfs prangt ein Schild mit der Aufschrift „No Wifi“. Statt WLAN gibt es immerhin eine große Auswahl an Outdoor- und Gesellschaftsspielen, eine Kreativecke für Kinder und eine Landkarte, auf der verschiedene Ausflugsziele, Rad- und Wanderwege eingezeichnet sind. Ein kleiner Laden bietet überdies so ziemlich alles an, was man während seines Aufenthaltes vermissen könnte: Kekse, Sauerkraut, Shampoo, Salz und Pfeffer, Wein und Limonade, fabriqué en Alsace. An der Rezeption empfängt uns eine freundliche Mitarbeiterin und gibt uns den Schlüssel zu unserer Hütte, außerdem zwei Öllampen, eine solarbetriebene Campingleuchte und den Hinweis, dass Nutchel für die Strecke zwischen Bahnhof und Forest Village einen Shuttleservice anbietet. Trotz rustikaler Anmutung ist für alles gesorgt. Übernachten im Baumhaus Unsere Hütte liegt etwas abseits, versteckt zwischen Baumstämmen und Blätterdächern. Zwar steht sie fest auf dem Boden, ansonsten gleicht sie aber einem Baumhaus. Nicht nur der Tisch und die Stühle, die Wände und Böden, selbst das Bad und die Duschkabine sind aus Holz gezimmert. Und zum Bett muss man eine Leiter im hinteren Teil des Raumes hinaufklettern. Wärme spendet ein gusseiserner Ofen. In vielerlei Hinsicht ist die Hütte ein wahr gewordener Kindheitstraum. Dazu kommen Annehmlichkeiten, die man erst als Erwachsener zu schätzen lernt: eine Küchenzeile mit den wichtigsten Utensilien, einem Gaskocher und einer Spüle. Eine Dusche mit warmem Wasser. Luftige Bettdecken und bequeme Matratzen. Steckdosen gibt es allerdings nur wenige. Sie scheinen bewusst so platziert worden zu sein, dass sie die Arbeit am Laptop erschweren. Talwärts gibt ein Panoramafenster den Blick frei auf Bäume, Bäume und nochmals Bäume. Wäre es verwerflich, nachts heimlich ein paar von ihnen umzusägen und im Ofen zu verfeuern, um in die weite Ferne schauen zu können? Wahrscheinlich schon, schließlich wurden zur Eröffnung 2021 3700 Bäume gepflanzt. Die Verbindung zur Natur war von Anfang an ein fester Bestandteil von Nutchel. 2020 eröffneten die Gründer Clémence Rousseau-Dumarcet und Bernard Van Laethem das erste Forest Village in den belgischen Ardennen. Dafür renaturierten sie einen Campingplatz, der 25 Jahre lang brachgelegen hatte. Für den zweiten Standort im Elsass wurde ein ehemaliges Feriendorf mit asbesthaltigen Bungalows abgerissen und das Gebiet aufgeforstet. Fünfzehn Prozent des Übernachtungspreises werden laut Nutchel weiterhin in die Renaturierung investiert. Um an Brennholz zu kommen, ist es nur bedingt nötig, selbst Hand anzulegen: In einem Verschlag auf dem Gelände sind Holzscheite gelagert. Mit ein bisschen Geschick (und dem ein oder anderen Anzünder) dauert es nicht lange, bis das Feuer knistert und den Raum mit Wärme erfüllt. Schwieriger ist es, daran zu denken, rechtzeitig Holz nachzulegen und die Flammen am Leben zu halten. Trotzdem wirkt diese wiederkehrende Praxis angenehm entschleunigend. Raclette über Teelichtern Draußen wird es allmählich dunkel. Zeit, die Öllampen in Betrieb zu nehmen. Wären wir Vollblutcamper, hätten wir Vorräte mitgebracht, um damit auf dem Gaskocher selbst ein Abendessen zuzubereiten. Doch wer möchte, kann es auch einfacher haben: An der Rezeption bekommen wir einen Korb mit den Zutaten für ein Raclette, aus dem Laden holen wir eine Flasche Weißwein. Die Kartoffeln erhitzen wir in einem Topf auf dem Ofen, Käse und Speck brutzeln in ihren Pfännchen über ein paar Teelichtern. Ob es am schummrigen Licht liegt, an den dunklen Ästen, die sich hinter der Fensterscheibe im Wind wiegen oder am Wein: Unser Abendessen in der Hütte hat etwas Märchenhaftes. Am nächsten Morgen sind die Wärmflaschen, die wir vor dem Zubettgehen aufgefüllt hatten, abgekühlt, und das Feuer im Ofen hat sich in graue Asche verwandelt. Es ist kalt geworden. Wir beschließen, den wohl glamourösesten Teil der Ausstattung zu testen: Auf der Terrasse dampft ein Hot Tub, ein großer Holzzuber mit warmem Wasser. Von hier aus kann man sogar bis ins Tal blicken. Wir betrachten die morgendlichen Nebelschwaden über den Wäldern. Aufgewärmt und frisch geduscht tauschen wir anschließend den Raclette-Korb vom Vorabend an der Rezeption gegen einen Frühstückskorb mit Baguette, Croissants, Käse, Marmelade, Joghurt und frischem Obst. Für die Zusammenstellung der Essenskörbe ist Isabelle zuständig. Die Produkte stammen alle aus der Region, das Fleisch kommt direkt von dem Bauernhof, den sie vor 20 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Walter ausbaute. Seit er Anfang des Jahres in den Ruhestand ging, betreibt Isabelle allein die Ferme du Bambois und das dazugehörige Restaurant, die vom Forest Village zu Fuß zu erreichen sind. In dem hellen Holzhaus ist um die frühe Mittagszeit noch nicht viel los. Während Isabelle in der Küche unser Essen zubereitet, setzt sich Walter zu uns, der trotz seiner zierlichen Statur aussieht, als könnte er jeder Witterung standhalten. Er erzählt von früher, als auch Wohnhäuser nur durch einen Holzofen beheizt wurden. Damals sei es nachts so kalt in der Stube geworden, dass die Fenster morgens von Frost überzogen waren. „Man war viel weniger krank“, sagt er. Irgendwie will das Wort „Glamour“ nicht so recht hierherpassen. Und das ist auch gut so: Der wahre Luxus unserer Erfahrung liegt in ihrer Einfachheit begründet, die sich nicht nach Verzicht anfühlt. Unsere Tartiflette kommt, ein Auflauf aus Kartoffeln und Reblochonkäse, dazu Baguette und Salat. Draußen scheint die Mittagssonne. Käse, Kartoffeln und Bäume. Mehr braucht es manchmal nicht, um zu leben wie Gott in Frankreich. Weitere Informationen unter: www.nutchel.fr.
