FAZ 10.12.2025
14:57 Uhr

Entgangener Absatz: Eine Million verprellte Tesla-Käufer


Elon Musks Hinwendung zur Trump-Regierung hat Tesla mehr als eine Million potentieller Käufer gekostet, sagt eine Studie. Regionen mit vielen Wählern der Demokraten meiden die Marke zunehmend.

Entgangener Absatz: Eine Million verprellte Tesla-Käufer

Das Unbehagen vieler Tesla-Autohalter zeigt sich in Aufklebern. Auf Charles Szymanskis Tesla prangt der Spruch „Vintage Tesla – pre madness edition“. Der Tesla wurde gekauft, bevor Tesla-Chef Elon Musk verrückt wurde, stellt der Aufkleber klar. Auf demselben Abziehbild steht „pro zero emissions – anti fascism“. Szymanski hat eine beeindruckende Karriere in der internationalen Entwicklungshilfe hinter sich, engagiert sich mit großem Einsatz ehrenamtlich und unterstützt die Demokraten mit Geld und Tatkraft. Er lehnt fast alles ab, wofür Musk politisch steht, besonders die Zerschlagung der amerikanischen Entwicklungshilfestrukturen durch das von Musk geführte DOGE (Department of Government Efficiency): Sie hat viele seiner Freunde und Kollegen den Arbeitsplatz gekostet. Aber – er liebt seinen Tesla. Ganz kurz hat er erwogen, ihn zu verkaufen, so wie ein guter Freund es vorgemacht hatte. Doch der Tesla zeigt aus seiner Sicht nicht nur außergewöhnlich gefälliges Fahrverhalten, er ist deutlich günstiger im laufenden Betrieb und bei Reparaturen, anders als der Porsche Macan, den er und seine Frau zuvor gefahren hatten: Werkstattaufenthalte endeten mit einer vierstelligen Rechnungssumme selbst für gewöhnliche Inspektionen. Gespaltene Kundschaft Dass die Welt nicht schwarz und weiß ist, beweist Sam Serebin. Der Zweiundfünfzigjährige hat eine Karriere im Umweltschutz gemacht und in den vergangenen sieben Jahren Apps für Besucher in Naturschutzgebieten entwickelt. Er fährt aus Überzeugung Elektroautos, erwarb vor zehn Jahren einen Nissan Leaf, bevor er 2018 auf einen Tesla Model 3 umstieg. „Ich wollte und will immer noch die Elektrifizierung unterstützen und das Unternehmen, das das beste Auto entwickelt und das dichteste Ladestationnetz bereitstellt in dem Land, in dem ich unterwegs bin.“ Tesla mache Elektroautos „Mainstream“. Bei vielen Produkten, die er kaufe, kenne er die politische Haltung der CEOs nicht, so Serebin. Andere Unternehmen wie BMW, Audi, Volkswagen oder Mercedes hätten historische Verbindungen zu Aktivitäten, die er nicht gutheiße, und seien aus seiner Sicht stärker belastet als Tesla. Serebin macht jedoch eine Einschränkung: Musk habe mit seinen politischen Aktivitäten allerdings viele potentielle Käufer verprellt und so der Idee der Elektrifizierung des Verkehrs geschadet. Er hätte neutraler auftreten sollen. Die Welt der Tesla-Besitzer lässt sich in mehrere Gruppen unterteilen. Die erste Gruppe ficht die politischen Attacken des Tesla-CEO gegen Immigranten, Linke und seine Unterstützung für Trumps Präsidentschaftskandidatur mit Rat, Tat und 300 Millionen Dollar nicht weiter an. Sie fahren Tesla, weil es für sie das beste Auto ist, das überdies durch Steuervergünstigungen noch attraktiver gemacht wurde. Die zweite Gruppe fährt Tesla trotz Musk, weil sie die Autos nicht nur gut finden, sondern auch, weil sie als klimafreundlich gelten. Teslas büßen an Wert ein Die dritte Gruppe allerdings hat ihre Teslas verkauft und ist auf eine andere Marke umgestiegen, weil sie Musk politisch ablehnt. Wie groß diese Gruppe ist, ist am schwersten zu identifizieren. Es gibt lediglich Indizien: Die Automarkt-Analysten von iseecars.com haben untersucht, welche ein bis fünf Jahre alten Gebrauchtwagen den größten Wert gegenüber dem Vorjahr eingebüßt haben. Die Marke Tesla war der größte Verlierer, die Gebrauchten der Modelle S, X und Y waren im Juli dieses Jahres zwölf Prozent günstiger als Gebrauchte der gleichen Modelle ein Jahr zuvor. Andere Autos büßten deutlich weniger an Wert ein. Mit „Elon killed my resale value“ (Elon vernichtete meinen Wiederverkaufswert) liefert der Handel den passenden Aufkleber. Wie viel von dem Wertverlust auf politische Gründe zurückgeht, bleibt aber unklar. Die interessanteste Gruppe bilden allerdings die Verprellten: potentielle Käufer, die, abgestoßen von Elon Musks Aktivitäten, von einem Kauf eines Teslas abgesehen haben. Die Größe dieser Gruppe wurde sogar ermittelt. Tesla hätte in den USA im Zeitraum vom Oktober 2022 bis zum April 2025 zwischen einer Million und 1,26 Millionen Autos zusätzlich verkauft, hätte Musk nicht durch seine öffentlichen Äußerungen und Aktivitäten die Kunden verjagt. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsteam der Yale-Universität. Ohne Musks polarisierende Äußerungen wäre der Absatz im gewählten Zeitraum um 67 bis 83 Prozent höher ausgefallen, so die Studie, die der Ökonom Kenneth Gillingham mit Kollegen jetzt veröffentlicht hat. Sie haben monatliche Neuzulassungen der Landkreise (Countys) untersucht und geprüft, wie diese sich in stärker republikanisch und stärker demokratisch geprägten Kreisen entwickelten nach Musks politischer Wende. Für die Forscher ist Musks Twitter-Übernahme im Oktober 2022 das erste einschneidende Ereignis, weitere sind die Arbeit für DOGE und die Großspenden für die Republikaner. In der Studie wurde versucht, andere Begründungen für den Verkaufseinbruch in demokratisch geprägten Kreisen auszuschließen. Wenn Wettbewerb, Modellzyklen oder Konjunktur die Erklärung wären, hätte sich der Absatz in den Landkreisen ähnlich entwickeln sollen. Die Abneigung hält sich hartnäckiger Die Abweichung ab Oktober 2022 wird dem „Musk-Parteieneffekt“ zugeschrieben. Vor Oktober 2022 ließen die Trendlinien für demokratisch geprägte Countys mehr Tesla-Käufe erwarten als in republikanischen Countys. Nach dem Twitter-Kauf brach der Trend. In demokratischen Countys flachten die Tesla-Verkäufe zunächst ab und gingen dann zurück. In republikanischen Countys fehlte der Bruch – „die Verkäufe waren dort nur minimal beeinflusst“, sagt Forscher Gillingham. Neben dem Twitter-Kauf empfanden potentielle Käufer offenbar Musks DOGE-Aktivitäten als einschneidend. Denn in den Monaten, nachdem DOGE seine Arbeit aufgenommen hatte, seien die Absatzzahlen in demokratischen Landkreisen deutlich gefallen. Das Ergebnis zeigt, dass die Abneigung hartnäckiger als gewöhnlich ist. Bis zum ersten Quartal 2025 weitete sich die kontrafaktische Lücke auf 150 Prozent der monatlichen Verkäufe aus: Der „Musk-Discount“ wird mit der Zeit größer, statt zu verblassen. Gewöhnlich verlieren Konsumentenboykotte nach einigen Monaten ihre Zugkraft. Gillingham vermutet, dass der politisch motivierte Verkaufseinbruch in Deutschland sogar noch stärker ausfällt. Tatsächlich fiel der Neuwagenabsatz laut Kraftfahrt-Bundesamt von Januar bis November um 48,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Welche Rolle Musks Unterstützung für die AfD dabei spielt, ist nicht präzise ermittelt. Es wäre laut Gillingham ein lohnenswertes Forschungsprojekt.