FAZ 07.01.2026
07:28 Uhr

Energieverschwendung: Wir wollen die alte DVD zurückhaben!


Angesichts gigantischen Energiebedarfs und immer größerer Rechenzentren wächst der Wunsch nach Bescheidenheit. Selbst Energieversorger empfehlen die Rückkehr zur guten alten DVD.

Energieverschwendung: Wir wollen die alte DVD zurückhaben!

Unser 21. Jahrhundert steckt in der Zwickmühle. Einerseits versiegen die natürlichen Ressourcen, graben wir tiefer („drill, baby, drill!“), bauen wir höher (Windräder) und greifen mit Offshore-Plattformen immer weiter in natürliche Räume aus. Andererseits fressen unsere digitalen Errungenschaften wie Streaming, KI und internet­basierte Haushaltshilfen immer mehr Strom, sodass wir in der fatalen Doppelbewegung gefangen sind: mehr ranschaffen, um mehr verschwenden zu können, während wir uns Energiesparappelle wie Fahrstuhlmusik vorspielen. Weitgehend unsichtbare Täter, die sich für diese Entwicklung haftbar machen lassen könnten, werden gelegentlich erwähnt: die zu furchterregender Größe anwachsenden Rechenzen­tren. Einer der Giganten in Deutschland, nahe Frankfurt am Main, bietet laut Netzinformationen 66.000 Quadratmeter Serverfläche. Für Laien: Das entspricht gut 9,2 Fußballfeldern. Umgerechnet haben wir das mithilfe einer eigenen Website, die nichts anderes tut, als Quadratmeter in Fußballfelder umzurechnen, und so ihren kleinen Beitrag zur ganz normalen Energieverschwendung leistet. Natürlich kann jeder von uns etwas tun Sie rechnet auch Hektar, Quadratmeilen, Ar, Diemat und Pyeong in Fußballfelder um. Diemat ist bekanntlich das alte von Holstein bis Ostfriesland gebräuchliche Flächenmaß, das sich von dem Wort „Tagwerk“ herleitet und laut dem Energieverschwender Wikipedia die Fläche bezeichnet, „die ein guter Arbeiter an einem Tag mit der Sense mähen konnte“. Lang ist’s her. Das koreanische Flächenmaß Pyeong können Sie selber nachschlagen – oder sind Sie nicht online? Sehen Sie? Wir kommen da nicht raus. Auch die linksextreme „Vulkangruppe“, die am vergangenen Samstag als Neujahrsüberraschung die Strom- und Energieversorgung von mehr als 40.000 Haushalten im Berliner Südwesten lahmgelegt hat, bezieht ihre Rechtfertigung aus der ungebremsten „Gier nach Energie“. Was die Saboteure bewirkt haben, außer Chaos und Leid, ist die Rückbesinnung auf energieschonende Ressourcen wie Wolldecken, Suppe und Solidarität. Aber natürlich kann jeder von uns etwas tun. Großflächiger Verzicht auf den Konsum pornographischer Videos würde den weltweiten Energieverbrauch schon erheblich senken, auch wenn niemand in der Politik diesen Vorschlag ernsthaft vertreten mag – Demokratie und Lustgewinn, dieses Verhältnis harrt noch der wissenschaftlichen Untersuchung. Wir könnten statt Onlinewerbung die Wiedereinführung der Litfaßsäule fordern und Plakatklebern neue Karrierechancen bieten. Oder wir gucken die Filme von Buster Keaton zwischen 1917 und 1923 – sehr empfehlenswert, man lernt etwas über zahlreiche manuelle Tätigkeiten wie Rempeln, Knuffen, Prügeln und die zutiefst amerikanische Kulturgeschichte des analogen Sahnetortenwerfens. Selbst der Stromanbieter Eon, der ja von der Verschwendung lebt, reiht sich neuerdings bei den Ratgebern ein. Auf seiner Website identifiziert Eon die „Stromfresser“ und ermahnt in vollem Ernst dazu, das Streamen von Videos zu begrenzen und „die altbewährte DVD zu nutzen“. Zurück in die Zukunft!