FAZ 31.12.2025
11:04 Uhr

Endzeitstimmung 2025: Die Zeit, die uns noch bleibt


Was tun gegen den deprimierenden Weltenlauf? Über die Plattform „Timeleft“ kann man sich zum Zeitvertreib mit Fremden treffen. Aber findet man dort auch die Richtigen, um die Zustände zu beklagen?

Endzeitstimmung 2025: Die Zeit, die uns noch bleibt

Es war Spätsommer, und wir saßen noch einmal im Garten meiner Freunde. Der Geruch des Herbstes wehte von den Bäumen am Wasser zu uns herauf. Auf dem Tisch standen Kerzen. Ob wir hier noch so sitzen könnten in einem, in zwei Jahren, fragte jemand. Für einen Moment wussten wir nicht, was er meinte. Was sollte verhindern, dass wir Sommer für Sommer hier draußen Vinho Verde trinken würden? Der Fluss, der unweit des Gartens in der Schwärze dahinzog, könnte natürlich alles überschwemmen. Und in den Nachbargärten hatten sie im Verlauf des Sommers alle Deutschlandflaggen aufgehängt. Wir hatten gerade darüber diskutiert, ob man die Leute zur Rede stellen musste oder ob meine Freunde, im Gegenteil, im nächsten Sommer ebenfalls einen Fahnenmast installieren würden müssen, als verordnete patriotische Maßnahme. „Es geht den Bach runter“, seufzte einer unserer Freunde. Er schaute drein wie jemand aus einem Billy-Joel-Song. Einige Flaschen Vinho Verde waren geleert. „Isst jemand den Grillkäse noch?“, sagte meine Freundin. „Wir sollten die Zeit nutzen, die uns noch bleibt“, rief unser Freund in einem Aufflackern von Aktionismus. Wir schwiegen wieder und schauten in den Himmel. Es war voller kleiner, wohlwollend leuchtender Sterne, keiner sah aus, als hielte er auf uns zu, um unser Ende zu besiegeln. Es fühlte sich nur so an. Vielleicht lag es an unserem Alter. Die Leute bekamen ja alle Kinder und hatten das Gefühl, dass ihnen die Zeit davonlief. Was aber würden wir an den Kindern haben, wenn sie nicht mehr niedlich waren? Sie würden depressiv werden von zu viel Tiktok oder wohnungslos wegen der Mieten oder drogenabhängig vor Einsamkeit oder Nazis wegen der vielen Faschisten, die uns neuerdings umgaben. Die übrigen würden nach Südamerika auswandern, wenn nach dem Klimakollaps die neue Eiszeit ausbrach. Wir saßen da in unserer Endzeitstimmung, entschieden, nichts dagegen zu unternehmen. Apokalyptisch und magisch zugleich Ein paar Wochen später erzählte mir ein Freund in Frankfurt von etwas, das sich wie ein Streich der Freimaurer anhörte. Er hatte Menschen getroffen, die er nicht kannte, an einem Ort, der bis kurz vor dem Treffen geheim gehalten wurde. Es hieß „Timeleft“. Die Menschen, Fremde, träfen sich immer mittwochabends zum Zeitvertreib, sagte er, in jeder größeren Stadt, versprochen sei bloß eins: eine unbeschwerte Zeit. Er hätte alles um sich vergessen. Wenn schon Zeitzeuge des allgemeinen Niedergangs, dann bitte so. Das klang apokalyptisch und magisch zugleich. Mir fiel eine Kurzgeschichte von Nicole Flattery ein, in der eine junge Frau kurz vor dem Ende der Welt jeden Abend auf ein Date geht. Im Dezember hatte ich ein paar freie Abende. Mein Freund erklärte mir, was zu tun war. Bevor ich an den Treffen der Zeitverschwenderloge teilnehmen konnte, mussten ein paar Dinge geklärt werden, natürlich, wie bei allen Herausforderungen der Gegenwart, mittels einer App. Ich unterzog mich also einem digitalen Test. „Werden deine Meinungen geleitet durch Logik und Fakten oder Emotionen und Gefühle?“, lautete eine Frage. Eine andere: „Bist du eher intelligent oder humorvoll?“ Da ich keine Ahnung hatte, welche Antwort zu besseren Ergebnissen führen würde, entschied ich mich kühn für die eine oder andere Seite, angenehm belebt davon, dass die Dinge hier eindeutig schwarz oder weiß waren, nicht wie sonst so oft nebulös und schattenreich. Eine Monatsmitgliedschaft bei „Timeleft“ kostete 18 Euro. Das schien annehmbar, war unsere Zeit doch sowieso demnächst vorbei. Wer sich kurzfristig abmeldete, also weniger als 48 Stunden vor einem Treffen absagte, dem drohten Strafgebühren. Im Falle einer schweren Krankheit oder des Weltuntergangs hoffte ich auf das Kleingedruckte, das ich nicht las. Niemand war deutsch, niemand interessierte sich für die Endzeit Die Nachricht kam einen Abend vorher. Wir würden uns in einem japanischen Restaurant treffen, von dem ich noch nie gehört hatte. Als ich eintrat, waren die eingeweihten Teilnehmer bereits mitten im Gespräch. Freundlich winkten sie mich zu sich, offenbar wussten sie sofort, dass ich nach ihnen suchte. Sie tauschten sich gerade über ihre Seelentiere aus. Alle hatten unglaublich gute Ideen. Eine junge Frau entschied sich für einen Urzeitfisch, der unbehelligt am Grund des Meeres lebte. Der Teilnehmer neben mir nannte ein besonders anpassungsfähiges Tier, ich hatte den Namen noch nie gehört und nickte beeindruckt. Einer berichtete davon, wie es war, in einer Bettenfirma zu arbeiten. Es klang unterhaltsam. Er lud alle Anwesenden zum Probeschlafen ein. Begeistert wurden Kontakte ausgetauscht. Jeder wollte Probe schlafen. Niemand war deutsch. Niemand interessierte sich für die Endzeit. Ich sprach sie auf den Anlass unserer Zusammenkunft an. Einer von ihnen behauptete: Mit „Timeleft“ ist die Zeit gemeint, die bis zum nächsten Treffen der „Timeleft“-Mitglieder bleibt. Er war Computerwissenschaftler, natürlich glaubten ihm alle. Er hatte schon in vielen Ländern gelebt und sagte, er sei in Deutschland, weil seine Arbeit gebraucht werde. Im Übrigen halte ihn nichts in diesem Land. Vielleicht werde er in ein paar Jahren, vielleicht schon in ein paar Monaten weiterziehen. Sogar Finnland konnte er sich vorstellen, trotz Dunkelheit und Kälte. Hauptsache, man werde freundlich aufgenommen. Deutschland wurde bei der Diskussion über mögliche Lebensmittelpunkte überhaupt nicht mehr erwähnt, sondern mit Nichtachtung gestraft. Ich wagte mich aus der Deckung und sagte: „Wird hier eigentlich auch über Politik geredet?“ Ich zitierte den Bundeskanzler, um die Stimmung anzuheizen. Ein Banker aus Indien, der in Venedig gelebt hatte, rief: „Achtung, das steht morgen in der Zeitung.“ Alle lachten. Dann wechselten sie das Thema. War es möglich, dass sich das Universum nicht um unsere deutschen Probleme drehte? Beim nächsten Essen beschloss ich, es geschickter zu machen. Bei den Sprachen, die ich sprach, wählte ich nur Deutsch aus. Jetzt würde ich wohl Leute treffen, mit denen ich das nahende Ende unserer Zivilisation beklagen konnte. Leute, die kamen, weil alles den Bach runterging. Der Bestatter war der Lustigste Diesmal waren wir zu siebt. Die Kellnerin servierte riesige Gläser mit Cola und Fanta. Niemand außer mir trank Alkohol. Alle sprachen perfekt Deutsch. Ich fragte nicht nach den Nationalitäten, niemand tat das, es interessierte keinen. Eine junge Frau, möglicherweise Tschechin, erzählte mir, sie sei für die Rückrufe einer japanischen Firma zuständig, irgendwelche Werkzeuge, sie erklärte fröhlich, sie verstehe selbst nichts davon. Ein Freund von ihr, ein Übersetzer, habe kürzlich seinen Job verloren, der KI wegen, er habe sich jetzt zum Gärtner umschulen lassen. Abgesehen davon zeigte sie sich unverdrossen. Die Männer am Tisch hatten sich gegenseitig eingeladen, das war möglich, wenn man es beim letzten gemeinsamen Treffen besonders schön miteinander gefunden hatte. Zwei von ihnen kannten sich außerdem vom Badmintonspielen. Einer arbeitete beim Zoll. Einer war Bestatter. Der dritte Student. Der Bestatter war der lustigste. „Eigentlich auch nur ein Job wie jeder andere“, behauptete er. „Nine to five.“ „Was passiert mit den nach 17 Uhr Gestorbenen?“, fragte jemand. „Da übernimmt eine andere Firma. Eine, die Rund-um-die-Uhr-Service anbietet.“ Er hatte Philosophie und Soziologie studiert. „Jeder kann Bestatter werden“, sagte er ermunternd in die Runde. „Man muss sich nur gegen die Konkurrenz durchsetzen.“ Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Das glaubte ich ihm nicht. „Was meinst du“, der Bestatter wandte sich an mich, „wie viele Leute jeden Tag in Frankfurt sterben?“ Die meiste Zeit sitze er ohnehin am Computer. Der Student kicherte die ganze Zeit, vielleicht überforderte ihn das Thema emotional. Wieder witterte ich meine Chance. „Warum sprechen wir eigentlich von ­‚Timeleft‘?“, fragte ich. Ich hatte recherchiert, dass der Gründer der Plattform, ein gewisser Maxime Barbier, auf die Idee gekommen war, als er an seinem 30. Geburtstag über seine eigene Sterblichkeit und die Endlichkeit des Lebens im Allgemeinen nachgedacht hatte. Ich war ihm bei Instagram gefolgt, wo er sich als „High Performer“ beschrieb. Er postete allmorgendlich Bilder seiner Herztöne. „Was machen wir mit der Zeit, die uns noch bleibt?“, fragte ich mit möglichst viel Gravitas. Dann sprachen sie über Tiere Der Badmintonspieler mutmaßte, genau darum gehe es, die wenigen Stunden in der Woche, die noch nicht verplant seien, mit Menschlichkeit zu füllen. Der Bestatter erklärte, es gehe um Offenheit und echte persönliche Beziehungen. Tatsächlich kamen mir alle am Tisch extrem weltgewandt und frei von Berührungsängsten vor. Dann erzählte der Zöllner von den Tieren, die er bei der Arbeit am Flughafen in Koffern und Kisten entdeckt hatte. Wie immer gewannen die Tiere gegen jedes andere philosophische Thema. Kurz vor Jahresende nahm ich mir vor, noch einmal bei „Timeleft“ mitzumachen. Ich wollte jetzt alles offenlegen. Ich wollte sagen, dass ich Journalistin sei und herausfinden müsse, ob das Ende nahe und was, wenn überhaupt möglich, dagegen zu unternehmen sei. Als ich in die Bar kam, verließ mich der Mut. Was taten wir „Timeleft“-Mitglieder da eigentlich? Wir gingen essen und ließen es uns gut gehen. Damit war nichts gewonnen und am Ende des Monats war das Konto leer. Außerdem hatte ich mich vertan. Ich war ins falsche Lokal gegangen. Frustriert drehte ich an der Tür um, da rief jemand nach mir. Einsamkeit, ein Problem unserer Generation An einem Tisch in der Ecke sahen mich sechs Leute an. „Timeleft?“, fragten sie verschwörerisch. Ich setzte mich auf den freien Platz. Es wirkte, als hätten sie auf mich gewartet. Wie war das möglich? Gegenüber von mir saß ein Typ, der bei einem sehr großen IT-Unternehmen arbeitete. Seine Cousine, sagte er, sitze in Saudi-Arabien im Gefängnis, weil sie sich für Frauenrechte eingesetzt habe. Seit sechs Jahren hätten sie nichts von ihr gehört. Der Mann im Anzug neben ihm sah auf die Uhr. „Alex“, sagte er zerstreut, „Europäische Zentralbank. Ost-Moldawien.“ Vielleicht nahmen ganze Sätze zu viel Zeit ein. „Oh“, sagte ich begeistert, „ich habe noch nie jemanden aus Ost-Moldawien kennengelernt.“ Ein junger Blonder auf der anderen Seite des Tisches lächelte. „Ich schon“, sagte er. Er arbeite auf dem Bau, da seien überall Ost-Moldawier. Alex zupfte seinen Anzug zurecht. Sie lächelten sich an. „No offense“, sagte der Blonde. Neben mir saß eine trans Frau in einem schönen blauen Kleid, die schwieg. Ich dachte darüber nach, dass es vermutlich keiner an diesem Tisch besonders leicht im Leben hatte. Der Saudi erzählte gerade davon, wie neulich jemand Menschen wie ihn als Bürgergeld-Schmarotzer bezeichnet und er versprochen habe, sich um alle Bürgergeld-Schmarotzer Frankfurts zu kümmern. Alex von der EZB blickte auf die Uhr, er sah gehetzt aus. Der Junge vom Bau sprach über Einsamkeit, „ein Problem unserer Generation“, und blickte uns dabei fest in die Augen. Ich dachte an ein Mädchen aus meinem Haus, das einmal zu mir gesagt hatte: „Euch Deutschen geht es zu gut. Wenn ihr leidet, muss man es sehen.“ Das Mädchen kam aus einer Stadt in Südamerika, in der man sich auf der Straße nicht frei bewegen konnte, weil Drogenbanden wahllos Menschen töten und Kokain auf Containerschiffe schmuggeln, die dann nach Europa reisen. Jeder aus der Familie des Mädchens war schon mit einer Pistole bedroht worden. Sie hatte gesagt: „Du musst von diesen Dingen abstrahieren – sonst bleibt dir gar kein Spaß mehr. Warum könnt ihr Deutschen das nicht?“ Ich sah in die Runde. Kurz dachte ich darüber nach, von Tieren zu sprechen, aber mir fiel nichts Passendes ein. Also sagte ich: „Verschließen wir hier die Augen vor der Realität?“ Alle lachten. „Natürlich“, sagte der IT-Experte mit der verschwundenen Cousine. „Jeden Mittwochabend.“ Dann musste der EZB-Banker los, zurück zur Arbeit. Als ich nach Hause ging, fühlte ich mich sehr erschöpft. Ich löschte die App von meinem Telefon. Es war Zeit, dass ich mal wieder meine alten deprimierten Freunde traf.