FAZ 06.01.2026
15:23 Uhr

Emotionen im Sport: Schreien, schwitzen, keuchen – und jetzt auch fluchen!


Sportler aufgepasst! Die Wissenschaft hat eine neue Erkenntnis gewonnen: Fluchen macht stärker. Die Erklärung dafür ist so simpel wie tröstlich. Eine Glosse.

Emotionen im Sport: Schreien, schwitzen, keuchen – und jetzt auch fluchen!

Liebe Kinder, tut mir leid, aber das Folgende ist nichts für euch. Enthält Kraftausdrücke. Bitte gleich weiter. Danke. Dann können wir beginnen: Im Feuilleton der F.A.Z. ist kürzlich eine bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnis vermeldet worden. Sie lautet: Fluchen macht stärker! Ich lese das und denke, jemand hat meinen Trainingsalltag ausgewertet. Denn wer im Gym jemals vergebens versucht hat, ein für alle Umstehenden lächerliches Gewicht vom Boden zu lösen oder laufend einen Anstieg hochzuwürgen oder im letzten harten Intervall nicht vom Rad zu fallen, weiß: Irgendwann reicht keine Atemtechnik mehr, kein Mentaltraining, kein Mantra, kein Motivationsblabla. Dann hilft nur noch ein Wutanfall. Mit Contenance und Selbstkontrolle kommt man nicht weiter Die Wissenschaft – genauer: die britische – hat das nun eindeutig bestätigt: Ja, sagt sie, Fluchen entwickelt Power. Acht Prozent mehr Handkraft, 4,5 Prozent mehr Druck aufs Pedal. Das sind keine esoterischen Wellnesswerte, das ist Leistungsdiagnostik. Für acht Prozent schlucken Bodybuilder sonst Substanzen, die nicht nur nicht jugendfrei sind, sondern auch nicht erwachsenenfrei. Für 4,5 Prozent mehr Druck aufs Pedal würden geschätzt 66,7 Prozent aller Sportradler ihre Mutter verkaufen. Für 4,5 Prozent fahren sie über Wochen in Gegenden, wo es kaum noch Luft gibt, oder schlafen im Keller in Höhenzelten. Und das alles ist jetzt offenbar nicht mehr wert als ein kräftiges „Verdammt noch mal!“. Fluchen versetzt uns in Zustand der Enthemmung Die Erklärung ist so simpel wie tröstlich. Fluchen versetzt uns in einen Zustand der Enthemmung. Es unterbricht das Denken. Wir sind nicht mehr sozial kompatibel, nicht mehr höflich, nicht mehr jemand, der im Alltag „Entschuldigung“ sagt, wenn ihm im Supermarkt einer mit dem Einkaufswagen in die Hacken rauscht. Man ist nur noch Körper. Muskel. Impuls. Das passt perfekt. Denn Sport ist ja einer der letzten Orte, an denen Erwachsene Dinge tun dürfen, die sonst als unzivilisiert gelten: schreien, schwitzen, stöhnen, keuchen, spucken, sich auf den Boden werfen. Und nun auch fluchen – wissenschaftlich fundiert. Mit dem angelernten bürgerlichen Besteck aus Höflichkeit und Zurückhaltung kommt man nicht weiter: nicht mit Contenance und Selbstkontrolle, nicht mit alldem, womit wir uns im Griff haben. Den idealen Menschen, so die zivilisatorische Erzählung, soll man ja daran erkennen, dass er sich beherrscht, dass er Grenzen akzeptiert und Etikette. Nur hilft sie nicht beim Bergantritt, nicht im letzten Intervall, nicht unter der schweren Hantel. Dort zählt nicht, wer sich im Salon be­nehmen kann, sondern wer den inneren Aufpasser mal kurz zum Schweigen bringt. Fluchen befreit. Es lässt uns für Sekunden ins Unzivilisierte zurückfallen. Und schon funktioniert der ­Körper besser. Leistet mehr. Sagen die Briten. Und schon sehen wir, wie das Training der Zukunft aussehen könnte. Kein schüchternes „Los, du schaffst das“, sondern eine wohlplatzierte Kampfansage an die Schwerkraft: Quäl dich, du Sau! Trainer, die nicht mehr Runden zählen, sondern hinhören und sagen: „Da geht noch mehr.“ Und nicht die Muskeln meinen, sondern das Sprachzentrum. Lass alles raus – das ist dann Training. Und, liebe Kinder, falls ihr doch heimlich bis hier weitergelesen habt: Bei Tisch braucht man das alles nicht. Auch nicht im Feuilleton. Das braucht man nur beim Sport.