Unser nächster Sommerurlaub steht. Wir, unsere beiden Kinder Theo (dreizehn) und Frida (elf), meine Frau und ich, verreisen mit dem Zug. Wir machen Interrail. Zuerst wollen wir nach Paris, dann in die Bretagne und dann noch weiter nach Spanien. Wir wissen es noch nicht genau. Warum ich jetzt, mitten in der Adventszeit, kurz vor Weihnachten, schon an den nächsten Sommerurlaub denke? Man nennt das wohl Eskapismus. Gerade habe ich in einem hoffnungslos überfüllten ICE zwischen Hamburg und München einen Sitzplatz ergattert. Um mich herum schimpfen die Leute auf die Deutsche Bahn, die vor die Hunde geht. Und Deutschland insgesamt gleich mit. Alles um mich herum, ich nehme mich da nicht aus, ist angespannt und genervt. Nur der kleine, etwa zwei Jahre alte Junge auf dem Platz schräg vor mir brabbelt ganz ruhig vor sich hin. Er sitzt auf dem Schoß seiner ebenfalls entspannten Mutter. Sie spricht ganz leise, wippt ihn ein wenig hin und her und zeigt ihm Tiere in einem Bilderbuch. Normalerweise kriegt man einen Sitzplatz Es ist Montagmittag. Ich bin auf dem Weg zurück nach Hause, von einer Familienfeier im Norden in den Süden. Diese Strecke fahre ich immer mit der Bahn und nie mit dem Auto. Ich bin nämlich nach wie vor vom Konzept Bahn überzeugt – trotz der Verspätungen, Umleitungen und verpassten Anschlüsse. Es ist ungleich entspannter. Wenn man mit dem Auto von Bayern Richtung Norden fährt, ist das Stress. Die A3 und A7 sind immer voll, und in den Kasseler Bergen und der Rhön kann es ab Mitte November schon mal Schnee und Eis geben, wenn man Pech hat. Im Zug kann ich lesen, dösen, schlafen oder beim Musikhören aus dem Fenster schauen. Oder einfach arbeiten. Viele Texte für diese Kolumne sind im Zug zwischen Teutoburger Wald, den Kasseler Bergen, der Rhön und der Fränkischen Schweiz entstanden. Der Zug ist ein optimaler Platz dafür. Normalerweise. Dummerweise hatte ich für diese Fahrt keinen Platz reserviert, was ich sonst immer tue. Habe es einfach vergessen. Als ich mich am Morgen aufmachte, habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Die Bahn-App zeigte mir „mittlere Auslastung“ für meinen Zug an, ab Hannover. Da kriegt man auf jeden Fall einen Sitzplatz. Normalerweise. Er macht auch nur seinen Job Dieser Zug ist aber nicht normal. Er hat ein technisches Problem. Ein Waggon ist defekt. Die Türen öffnen sich nicht automatisch, aber man kann sie ohne große Anstrengung aufdrücken. Die Sitze sind mit rotem Flatterband bespannt, das aber nicht flattert. In dem Waggon weht nämlich kein Lüftchen. Ich weiß das alles deshalb so genau, weil der Zugchef es mir gerade in aller Deutlichkeit gesagt hat. Das heißt mir, einer Reisegruppe heiterer Seniorinnen, die nach Weimar wollen, und einer jungen Frau, die nach München will und die eigentlich arbeiten sollte. Sie hatte reserviert. Dummerweise in dem Wagen, dessen Türen nicht elektronisch aufgehen und dessen Sitze mit rotem Flatterband bespannt sind. In dem Wagen, in dem man nicht sitzen darf. Genau das hat unsere kleine Outlaw-Gruppe getan. Wir haben in Ermangelung freier Plätze das Flatterband ignoriert und uns in den Wagen gesetzt. Mit der heiteren Frauengruppe hatte ich noch gescherzt, dass gleich sicher Anke Engelke den Gang entlangtapern wird, um kurz vor unseren Füßen einen vollen Becher Kaffee zu verschütten. Anke Engelke ist es leider nicht geworden, stattdessen dieser Zugchef ohne Kaffee, aber mit bierernster Miene. Er belehrt uns mit schulmeisterlicher Genugtuung und spricht uns dabei konsequent mit „ihr“ an. „Ihr dürft hier nicht sitzen, in diesem Wagen funktioniert die Technik nicht, also auch keine Belüftung. Also könnt ihr hier ersticken. Ihr müsst sofort aufstehen. Wenn ihr das nicht tut, müsst ihr euch in Göttingen mit der Polizei auseinandersetzen. Dann seid ihr schuld, dass sich die Fahrt verzögert.“ Und so weiter. Wir seufzen und machen uns langsam auf, um dem drohenden Erstickungstod im muffigen Gang des nächsten, völlig überfüllten Wagens zu entkommen. Auch wenn der Zugchef jede Form von Höflichkeit vermissen lässt, macht er einfach seinen Job und kriegt Riesenärger, wenn er uns hier sitzen lässt. Man wird ja anspruchslos Die junge Businessfrau aus München fragt den Zugchef im Gehen, was sie denn tun könnte. Sie habe einen Platz in diesem Wagen ohne Lüftung reserviert, den sie jetzt nicht benutzen könne. Sie müsse aber dringend arbeiten, wo denn noch Platz sei in dem Zug. „Nirgends, der Zug ist voll. Auch in der 1. Klasse stehen die Leute.“ „Ich hatte einen Platz reserviert“, wiederholt die junge Frau. Das beantwortet der Zugchef mit genüsslicher Genugtuung. „Ihr habt mit eurer Fahrkarte nur Anspruch auf die Beförderung. Das Geld für eure Sitzplatzreservierung könnt ihr euch rückerstatten lassen.“ Das war’s. Kein „Sorry für die Unannehmlichkeiten“, kein Bedauern, keine Bereitschaft, zu helfen oder der leicht verzweifelten Frau etwas Verständnis oder gar menschliche Wärme entgegenzubringen. Das war vor einer Viertelstunde. Jetzt sitze ich. In Göttingen, wo die heiteren Seniorinnen sich verabschiedet haben, ist tatsächlich ein Sitzplatz frei geworden. Zwar neben einer umständlichen älteren Dame, die ständig in Richtung ihres Koffers im Gepäckfach gegenüber linst und unruhig hin und her rutscht, aber ich bin gerade ausgesprochen anspruchslos und einfach froh, dass ich sitze. Auch die Businessfrau hat einen freien Platz ergattert. Mit Rucksäcken und Reservierungen In Göttingen sind natürlich auch Passagiere zugestiegen. Einige von ihnen haben es sich in Ermangelung freier Plätze in dem abgesperrten Wagen mit der defekten Technik bequem gemacht. Drei Minuten nach Abfahrt taucht eine Frau im DB-Outfit auf. Es ist immer noch nicht Anke Engelke, sondern eine junge Kollegin des Zugchefs. Akustisch kann ich nichts verstehen, aber nach ihrer Körpersprache zu urteilen, spricht sie eindringlich auf die Outlaws der 2. Generation ein und verweist sie, schließlich erfolgreich, von ihren Plätzen. Kopfschüttelnd, schimpfend und erfolglos nach freien Sitzen spähend, ziehen die Vertriebenen auf dem Gang an mir vorbei. Die nächste Station ist Kassel-Wilhelmshöhe. Dann kommt Fulda. Ob die beiden Zugbegleiter sich beim Passagiere-Vertreiben wohl abwechseln? Ich lehne mich zurück und denke an Giulia und Stefan. Das sind Freunde aus München. Sie haben im Sommer mit ihrer Familie Interrail gemacht und uns begeistert davon berichtet. Die beiden haben sogar drei Kinder, zwei im gleichen Alter wie unsere und eine sechsjährige Tochter. Ob das denn nicht furchtbar stressig gewesen sei, wollten wir wissen. „Überhaupt nicht“, vergewisserte uns Giulia. Sie ist eine Studienfreundin meiner Frau und hat italienische Wurzeln. „Bahnfahren im Ausland ist so entspannt. Ich dachte immer, Frankreich ist so chaotisch wie Italien. Aber da lag ich falsch. Mit Reservierung geht alles ganz einfach und reibungslos. Wenn du erst einmal drin bist und sitzt, ist alles entspannt. Die Züge sind modern und nicht so voll wie in Deutschland.“ Stefan erzählt, dass sie zuerst von München nach Paris gefahren sind, dann nach ein paar Tagen weiter nach Saint-Malo in die Bretagne, wieder zurück nach Paris und von da aus in zweieinhalb Stunden nach London und anschließend noch nach Edinburgh. Es klingt fabelhaft. „Klar, bei den Klamotten mussten wir uns einschränken. Jeder einen großen Tramper-Rucksack, aber dadurch bist du auch freier“, schwärmt Giulia und lacht: „Ich hatte nur zwei Paar Schuhe mit!“ Meine Frau schüttelt ungläubig den Kopf, und auch ich kann es kaum glauben. Giulia ist eine schicke, eitle Frau, die großen Wert auf ihr Aussehen legt. Dass sie mit drei Kindern und Tramperrucksack im Zug kreuz und quer durch Europa fährt, nein, das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Als wir später am Abend allein sind, sagt meine Frau: „Das müssen wir auch machen!“ Ich schlage sofort ein. Saint-Malo? Nein, Würzburg! Inzwischen hat die Bahn im Wagen mit dem technischen Defekt ihre Taktik geändert. Weder der Zugchef noch seine junge Kollegin ist zu sehen. Stattdessen hält dort jetzt ein schlanker, aber ellenlanger Schaffner mit markantem Gesicht Wache. Der Kerl könnte Türsteher im P1 sein. Ob die junge Münchnerin ihn kennt? Sobald jemand den Wagen betritt, richtet sich der Mann zu voller Größe auf und macht mit einem Blick unmissverständlich klar, dass die Reise hier nicht weitergeht, zumindest nicht in diesem Wagen. Alle Passagier nehmen das klaglos hin. Fast bin ich enttäuscht, dass die Bahn das Problem jetzt so löst. Effektiv, aber langweilig. Also switche ich um und denke an Saint-Malo. Da möchte ich auch mal wieder hin. Ich rechne nach – zuletzt war ich vor dreißig Jahren da, mit Dirk und meinem alten Peugeot 205. Wir hatten ein kleines Hotel in der Altstadt mit ihren meterdicken Mauern, die die Stadt früher vor Feinden und noch heute im Winter vor tobenden Atlantikstürmen beschützen. Ich weiß noch, wie Dirk nach einem herrlichen Abend mit Meeresfrüchten, Weißwein und Calvados ziemlich angetrunken mit einem Stein eine Glasscheibe zerschlagen wollte, um das dahinter hängende Plakat zu stehlen. Auf dem warb die wunderbare Sophie Marceau in einem schwarzen, hauchdünnen Kleid für ein Parfüm. Dirk hat die Scheibe ganz gelassen, aber er war nah dran. Er wollte das Plakat unbedingt haben. Seinen Blick werde ich nicht vergessen. Er auch nicht. Wir erzählen uns die Geschichte bei jedem unserer immer seltener werdenden Wiedersehen. Ich wünsche, dass Frida und Theo auch einmal solche Erinnerungen haben werden. Obwohl wir seit Jahren immer nach Kreta fliegen, sind meine Erinnerungen an die Frankreich-Urlaube die intensivsten. Letztlich hat Dirk das Plakat nie bekommen und statt Sophie Marceau Moni geheiratet. Und ich steige jetzt auch nicht in Saint-Malo aus, sondern in Würzburg. Hier muss ich meinen Regionalexpress nach Bamberg erreichen und da dann den nächsten Anschluss, was letztlich alles problemlos klappt. Ich schaue aus dem Fenster. Rechts von mir schlängelt sich der Main gemächlich durchs Frankenland. Ob meine Kinder einmal auch solche Erinnerungen haben werden? Natürlich werden sie die haben. Allen Smartphones und aller Zockerei zum Trotz. Theo hat sich zwar beschwert, dass wir zu viel reisen. Er meint, er verpasst zu viel bei seinen Freunden, wenn er in den Ferien „immer weg“ ist. Auf die Interrail-Reise nächsten Sommer hat er keine Lust. „Da hängen wir doch die ganze Zeit im Zug rum, Papa. Ich habe da keinen Bock drauf!“ Wir werden das natürlich trotzdem machen. Natürlich werden wir nicht die ganze Zeit im Zug sitzen, sondern uns vorher einen genauen Plan machen und Orte aussuchen, an denen wir mehrere Tage bleiben werden. Mit Meer, mit Sehenswürdigkeiten, mit Einkaufsstraßen und ausreichend Zeit zum „Chillen“, wie die Kinder es nennen, wenn sie am Handy hängen. Bahnfahren, das haben wir nicht nur von Giulia und Stefan gehört, soll vor allem in Frankreich und Spanien sehr entspanntes Reisen sein. In dieser Kolumne werde ich davon erzählen. Mal sehen, ob ich beim Bahnfahren zum Schreiben komme.
