„Ich war bis jetzt auf – bis jetzt!“ sagt der Junge beseelt und glücklich, als könnte er es selbst nicht glauben. Über seinen Schultern baumeln schwarze Lackschuhe, die er an den Schnürsenkeln zusammengebunden hat. Den ganzen Abend hat er getanzt, bis ihm die Sohlen qualmten. Mit einer letzten Drehung fällt er ermattet ins Bett. Die Szene ist aus „Harry Potter und der Feuerkelch“, dem vierten Buch der Zauberer-Saga. Gerade ist der erste Schulball in der Zauberschule in Hogwarts zu Ende gegangen. Es ist tiefe Nacht. Der Junge, der zu später Stunde den Schlafsaal erreicht, während alle anderen schlafen, ist nicht wie sonst immer der draufgängerische Harry Potter, sondern sein Bettnachbar Neville Longbottom. Neville ist der Anti-Harry. Schüchtern, schwächlich, tollpatschig und etwas schwer von Begriff. Während Harry ein gefährliches Abenteuer nach dem anderen erlebt, beschäftigt sich Neville mit Pflanzen. Die Neville-Szene spielt im Harry-Potter-Kosmos keine große Rolle. Aber für die Entwicklung der Figur Neville ist sie ein Quantensprung. Er hat getanzt, geschwitzt, gelacht und sich richtig gut gefühlt. Der verklemmte, gehemmte Junge hat zum ersten Mal in seinem Leben agiert und sich dabei gefallen. Er hat die halbe Nacht durchgetanzt. Doppelt heiser und begeistert An diese Szene mit Neville musste ich vor ein paar Tagen denken. Gegen Viertel nach zehn abends hatte ich mich auf den Weg gemacht. Ich schlug die Richtung zum Schulzentrum in unserer kleinen Stadt ein. Ich ging um die Ecke, und nach ein paar Metern hörte ich ein fürchterliches Gegröle: „Völlig losgelöst, von der Erde …“ Hinter der nächsten Ecke kam mir eine Gestalt entgegen. Als sie mich sah, riss sie die Arme hoch und grölte noch lauter. Völlig losgelöst ... Es war unser Sohn Theo. Der Dreizehnjährige war auf dem Rückweg von seiner ersten Party, dem Mittelstufenball. Ausgerichtet von den Zehntklässlern des Gymnasiums. Mit Liveband, DJ, kaltem Büfett, jeder Menge kühlen Drinks (aber ohne Alkohol) und dem Motto „Schwarz-Weiß“. Wie verabredet ging ich ihm entgegen. Theo sprang freudig auf mich zu und umarmte mich. „Hallo Papa!“ Die Stimme unseres Teenagers klingt im Moment so, dass wir uns eingestehen müssen, dass der Zug für die Regensburger Domspatzen wohl abgefahren ist. Jetzt kam zum Stimmbruch wenig vorteilhaft noch hinzu, dass der Junge vollkommen heiser war. „Ich habe den ganzen Abend getanzt und gesungen“, krächzte Theo, „ich habe keine Stimme mehr. Es war so coooool!“ Arm in Arm schlenderten wir nach Hause und Theo redete ohne Punkt und Komma weiter. Vor gerade mal zwei Monate hatten wir noch seinen dreizehnten Geburtstag gefeiert – in einer Trampolinhalle. Zehn Jungen, kein Mädchen. Respekt, bitte! „Mama, die Party war grandios!“, begrüßte er meine Frau, kaum dass er das Haus betrat. Normalerweise muss man ihm jedes Wort aus der Nase ziehen. Heute quasselte er einfach weiter. „Erst war es komisch. Ich habe meine Jungs vor der Tür getroffen, und wir sind zusammen rein. Dann war’s crazy, weil da erst nur Mädchen waren, alle voll schick angezogen. Auch die anderen Jungen – mit Anzug und so. Dann haben wir uns erstmal eine Cola geholt.“ Anschließend wurde kurz die Lage gecheckt. „Meine beste Freundin wollte dann, dass wir tanzen, und das haben wir dann gemacht. Wir haben gekocht auf der Party!“ Das bedeutet, wenn ich es richtig verstehe, dass sie der Mittelpunkt der Party waren. „Wir haben einen Kreis gebildet und dann sind immer andere in die Mitte gegangen und haben getanzt, die anderen haben sie angefeuert. Die Leute haben geklatscht für uns. Das war grandios!“ Grandios war auch die Freude, die ich für Theos Glück empfand. Genauso einen Abend habe ich ihm gegönnt. Dabei war bis zwei Tage vorher völlig offen, ob er zur Party geht. Erst wollte er gar nicht. Zwar ist der Junge kein Neville Longbottom oder Außenseiter – Theo ist selbstbewusst, anerkannt und fühlt sich pudelwohl in seiner Klasse. Aber seit er in der Pubertät steckt, hat sich seine Selbstwahrnehmung geändert. Die Haare müssen immer einhundertprozentig liegen, dafür steht er morgens eine Viertelstunde eher auf. „Uncoole“ Klamotten gehen gar nicht mehr, und in der Öffentlichkeit macht er auch nicht mehr jeden Blödsinn mit. Es muss passen. „Cringe, Papa!“, sagt er, wenn ich ihn vor anderen Leuten etwas aus der Reserve locken will. Das habe ich mir nach eindringlichen Gesprächen inzwischen abgewöhnt. Wer Respekt erwartet, muss respektvoll sein. Das Gefühl, alles auf der Welt passiert für einen selbst So habe ich ihn auch nicht gedrängt, zu der Party zu gehen. Dabei wusste ich vorher, dass er es lieben würde. „Ich weiß noch nicht, ob ich dahingehe“, meinte er noch am Montag vor der Party. „Von meinen Jungs will da keiner hin.“ Am Ende waren es alle – bis auf einen, und der war krank, der Ärmste. Alle haben zusammen getanzt, lustige Bilder mit einer Fotobox gemacht, zwei, drei Colas getrunken und eine verdammt gute analoge Zeit miteinander gehabt. So wie er nach Hause kam – heiser, zerwühlt, durchgeschwitzt und glücklich –, das hat mich sehr berührt. Mit dreizehn Jahren hat man das Gefühl, alles auf der Welt passiert für einen selbst. Alles ist intensiv, schön, hell, dunkel, hässlich, laut, stumm. Auf alle Fälle unmittelbar und intensiv. Das bleibt. Die Durstsrecke bis zur nächsten Party Ich kann mich jetzt noch an meine allererste Fete, wie man damals sagte, erinnern. Bei Sandras Eltern im Partykeller, in einem Kaff südlich des Teutoburger Waldes. Der Mittelpunkt der Welt. Engtanzparty, eine Hand am Rücken, fast ein Kuss, die Songs, die Mädchen, die Freunde. Alles eins. Mit geschlossenen Augen doch alles mitgekriegt. Nichts war so schwer, wie beim nächsten Schritt den Takt zu halten, um sich nicht als größter Depp zu fühlen. Dabei ging es allen so, allen Jungs, allen Mädchen. Ob Mädchen (oder Jungen) für Theo schon interessant sind, kann ich nicht sagen. Ich nehme es aber an. Seine „beste“ Freundin ist, glaube ich, ganz schön verknallt in ihn. Wie gesagt, er redet nicht mehr über alles. Das ist ok. Irgendwann kriegen wir schon was mit. „Papa, eins ist aber voll doof. Die nächste Schulparty ist erst nach den Osterferien. Das ist echt gemein, ich weiß nicht, wie ich die Zeit bis dahin überleben soll?!“ Er wird es wahrscheinlich packen, bis er dann wieder einen grandiosen Abend haben wird. Neville Longbottom hat es auch gepackt. Obwohl es in der berühmten Geschichte nach dem Schulball in Hogwarts keine heitere Party mehr gab.
