FAZ 27.01.2026
10:33 Uhr

Eltern-Kolumne „Schlaflos“: „Fühlt Oma sich wohl hier?“


Altersheime sind keine Wohlfühlorte. Ganz sicher nicht für Kinder, die ihre Großeltern eigentlich aus vertrauterer Umgebung kennen. Allerdings ein Segen für viele Familien – und auch für die Großeltern.

Eltern-Kolumne „Schlaflos“: „Fühlt Oma sich wohl hier?“

„Sie schläft doch jetzt. Da braucht ihr jetzt nicht hinzufahren!“ Meine Schwester schaut mich verständnislos an. Es ist ein Uhr mittags. Ich überlege kurz, dann entscheide ich: „Doch, wir fahren jetzt. Kommt!“ Meine Frau und unsere Kinder Theo (13) und Frida (11) steigen ins Auto. Wir besuchen Oma, meine Mutter, im Altersheim. Es sind Weihnachtsferien. Wir sind in Norddeutschland, zu Besuch bei meiner Schwester und ihrer Familie. Im selben Ort wohnt auch unsere Mutter – Theos und Fridas Großmutter. Seit zweieinhalb Jahren lebt sie aber nicht mehr in ihrer Wohnung, sondern im Altersheim. Meine Schwester besucht sie dort mehrmals in der Woche. Mein Bruder, der etwa vierzig Kilometer entfernt lebt, einmal die Woche. Und ich, so häufig es geht. Aber das ist bei 450 Kilometer Entfernung halt recht selten. Müsste ich nicht häufiger kommen? Wenn ich aber da bin, besuche ich meine Mutter jeden Tag. So war ich schon gestern nach unserer Ankunft bei ihr, allerdings allein. Dabei sehen unsere Kinder ihre Oma noch seltener als ich. Im Schnitt maximal zweimal im Jahr. Als ich gestern fahren wollte, hatte meine Frau pflichtschuldig gefragt, ob sie nicht mitkommen soll. Aber ich wollte allein hin. Dann ist es entspannter. Vor allem für mich, muss ich ehrlich sagen. Denn ein Altersheim ist kein schöner Ort. Nein, wirklich nicht. Wenn man reinkommt, riecht es, wie es eben in einem Altersheim riecht. Auch wenn alles blitzsauber ist, dieser typische Geruch ist immer da. Er empfängt dich, sobald du das Gebäude betrittst. Der zweite Empfang ist umso schöner. Meine Mutter sitzt in neun von zehn Fällen auf ihrem Stammplatz im Essraum. Und sie erkennt mich jedes Mal sofort, selbst wenn ich eine Mütze trage. Dann strahlt sie wie ein glückliches Kind. Wir nehmen uns in den Arm, und sie drückt sich an mich. „Mein Junge! Dass du vorbeigekommen bist … schön!“ Das ist einerseits wunderbar, auf der anderen Seite aber auch jedes Mal ein kleiner Schlag in die Magengrube. Müsste ich nicht häufiger kommen? Stolz, modern, frei und manchmal rebellisch Natürlich müsste die Oma auch ihre Enkel häufiger sehen. Aber es ist mir unangenehm, ich habe immer Sorge. Es hat seine Gründe, dass sie im Heim ist. Sie kann nicht mehr allein leben. Kleidung, Körperpflege, Essen – das vernachlässigt sie. Außerdem ist sie dement. Ich möchte nicht, dass meine Kinder sich vor ihrer Großmutter ekeln. Da habe ich ein Schamgefühl hoch drei: für meine Kinder, mich und vor allem für meine Mutter. Ist das egoistisch? Wahrscheinlich. Ich kann die Realität ja nicht ausblenden. Unsere Mutter war mal eine sehr schöne Frau. Stolz, modern, frei und manchmal rebellisch. Der ältere Bruder eines Freundes hat mir vor Kurzem erzählt, dass er mit zwanzig meine Mutter wahnsinnig attraktiv fand. Und nicht nur er, alle seine Freunde auch. Allein im Speisesaal Bis heute möchte sie selbst entscheiden, was sie tut. Ratschläge oder Aufforderungen weist sie zurück. Wenn ihr eine Altenpflegerin – oder schlimmer – eines ihrer Kinder nahelegt, den Pullover zu wechseln, weil der, den sie trägt, einen Fleck hat, protestiert sie energisch. Da ist immer ein gewisses Konfliktpotential, das ich gerne umschiffe, vor allem, wenn meine Kinder dabei sind. Wir sind beim Altersheim angekommen. Ich gehe voran. Es herrscht Stille im Haus. Ich sehe keine Pfleger und auch keine Bewohner. Offenbar hatte meine Schwester recht. Alles schläft. Ich werfe einen Blick in den Speisesaal. Da sitzt eine einsame Person mit weißen Haaren auf ihrem Stammplatz: meine Mutter. Es ist ein Tag vor Silvester, und ich muss an „Dinner for one“ denken. Sie sieht mich, strahlt, steht auf und nimmt mich in den Arm. „Mein Junge, Mensch, dass du vorbeigekommen bist …“ Dass ich gestern schon da war, hat sie vergessen. Aber das ist normal, und ich ignoriere es. „Hallo Mama“, begrüße ich sie stattdessen. „Ja, ich bin da, und ich habe noch ein paar Leute mitgebracht.“ „Ach, hier schwirren Sie rum!“ Frida, Theo und meine Frau betreten den Raum. Meine Mutter schaut sie einen Moment verwirrt an. Zuletzt hat sie die Kinder Ostern gesehen. „Hallo Oma“, ruft Frida und geht auf sie zu. Meine Mutter strahlt: „Hallo, mein Mädchen!“ Sie nehmen sich in den Arm. „Mensch, was bist du eine Hübsche! Und riesig bist du!“ Dann kommt Theo, der seine Oma mittlerweile um einen halben Kopf überragt. „Mensch, du wirst ja größer als dein Vater!“ Sie drückt ihn an sich. Dann begrüßt sie meine Frau, und auch die beiden umarmen sich herzlich. Wir setzen uns an den Tisch. Anfangs ist es etwas schwer, das Gespräch in Gang zu bekommen, aber es wird mit der Zeit. Die Kinder berichten von der Schule und von Weihnachten. Dann erzählt meine Mutter ein paar Geschichten aus ihrer Kindheit. Unterstützt durch ein paar Stichworte meinerseits erfahren Theo und Frida, dass ihre Oma früher die Anführerin einer Bande war, dass sie einmal einen zwei Köpfe größeren Jungen verprügelt hat, der eines ihrer Bandenmitglieder geschlagen hatte, und dass sie bei einer Fehde mit einer anderen Bande von einem Pfeil getroffen wurde, der dann in ihrem Bein steckte. Die Kinder und auch meine Frau sind begeistert von den Geschichten. „Du warst ja voll krass, Oma!“, sagt Theo beeindruckt. Da kommt ein älterer Mann in den Raum. Er geht langsam an unserem Tisch vorbei, sagt nichts und verschwindet durch eine Tür. Zwei Minuten später taucht er durch eine andere Tür wieder auf. Er ist offenbar verwirrt und irrt ziellos durch die Räume. Meine Mutter stört sich nicht daran, aber Theo und Frida schauen irritiert. Da taucht ein Pfleger auf. „Ach, Herr Holzkamp, hier schwirren Sie rum. Kommen Sie doch bitte mit!“ Er grüßt uns freundlich und greift dem Mann dann beherzt, aber nicht ruppig unter den Arm. Dieser folgt, und die beiden verlassen den Raum. Die Kinder schauen ihm nach. Ihre Oma redet weiter und genießt unsere Gesellschaft offenbar sehr. Wenn sie allein nicht mehr zurechtkommen Irgendwann sagt sie, dass sie sich gerne hinlegen möchte. „Lass uns noch ein Foto machen, Mama“, sage ich. „So oft sind wir ja nicht zusammen.“ „Oh ja, machst du mir dann auch einen Abzug?“ „Aber natürlich!“ Meine Frau bietet sich an, das Foto zu machen: „Es ist doch wichtig, dass du und die Kinder drauf sind.“ Aber ich möchte ein Bild von uns allen. Im nächsten Raum finde ich den Pfleger von vorhin, der Herrn Holzkamp offenbar in sein Zimmer gebracht hat. Wir drapieren uns um ein orangefarbenes Sofa, Oma sitzt in der Mitte. Der nette Pfleger schießt ein paar Fotos von uns. Danach verabschieden die drei sich mit großer Herzlichkeit von Oma. Ich bringe meine Mutter noch in ihr Zimmer. „Es ist so schön, dass ihr mich besucht habt“, sagt sie zum Schluss. „Davon werde ich noch lange zehren. Die Kleine ist ja groß geworden. Tolles Mädchen!“ „Ist Oma eigentlich gerne in dem Altersheim?“, will eine nachdenkliche Frida auf der Rückfahrt wissen. „Weißt du, ich denke schon“, antworte ich. „Da sind aber auch schon sehr alte Leute“, wirft Theo ein. „Dieser Mann, der da durch die Gänge lief, war der … verwirrt?“ „Ja, ich denke schon. Darum ist es auch gut, dass es solche Einrichtungen gibt. Dort sind Menschen, die allein nicht mehr zurechtkommen. Eure Oma ist zwar nicht so verwirrt wie dieser Mann, aber auch sie kam nicht mehr gut klar. Sie hat nicht gut gegessen und lief manchmal orientierungslos durch den Ort. Da haben Leute dann eure Tante angerufen, und sie hat sie abgeholt. Bei ihr kann sie aber auch nicht sein. Sie arbeitet ja den ganzen Tag und möchte anschließend auch noch Zeit mit eurem Onkel und euren Cousins verbringen. Außerdem lässt sich eure Oma ungern was sagen. Das hätte viel Streit gegeben.“ Beide Kinder nicken. Ich spreche weiter: „In dem Altersheim hat es Oma gut. Sie kann rausgehen, wann sie möchte. Sie hat den Wald und eine Pferdewiese direkt vor der Haustür. Außerdem bekommt sie dreimal am Tag etwas zu essen, und die Leute im Heim helfen ihr beim Waschen und ihren Klamotten.“ „Ich glaube, Oma ist ganz glücklich“, sagt Frida und schaut aus dem Fenster. „Sie hatte früher eine eigene Bande. Cool!“ „Schön, dass du vorbeigekommen bist“ Am nächsten Tag fahre ich wieder zu meiner Mutter. Dieses Mal ist meine Schwester dabei. Wir wollen ihr einen guten Rutsch wünschen, außerdem muss ich mich verabschieden. Am Neujahrstag geht es wieder nach Hause. Im Speisesaal herrscht Hochbetrieb. Die Stimmung ist heiter. Alle Tische sind besetzt, im Fernsehen läuft ein Silvesterprogramm. Wer möchte, bekommt ein Glas Sekt – natürlich alkoholfrei. Meine Mutter ist guter Laune, als sie mich sieht, vor ihr ein leeres Sektglas. Sofort springt sie auf und umarmt mich. „Junge, schön, dass du vorbeigekommen bist.“ „Mama, ich war vorgestern und gestern auch schon da. Mit Frida und Theo – meinen Kindern.“ Sie sieht mich an. Erinnern kann sie sich nicht. Na ja. Ich schicke ihr die Fotos.