FAZ 12.02.2026
13:10 Uhr

Eltern-Kind-Beziehung: Wenn die Eltern vor dem Hörsaal stehen


Früher undenkbar, heute normal: Viele Eltern begleiten mittlerweile selbst die Uni-Karriere ihrer Kinder. Was nach Helikopterverhalten klingt, sehen Studienberater als Beziehung auf Augenhöhe.

Eltern-Kind-Beziehung: Wenn die Eltern vor dem Hörsaal stehen

Elternabende dürften die meisten Menschen nur aus der Schule kennen: Auf kleinen Stühlen sitzend, werden Mütter und Väter in den Klassenzimmern ihrer Kinder über deren Termine, Projekte und Leistungsanforderungen informiert. So sollen Erziehungsberechtigte die Möglichkeit bekommen, ihre Kinder im Schulalltag besser zu unterstützen. Was aber, wenn Eltern eines Tages nicht mehr in den Klassenzimmern, sondern in den Hörsälen ihrer volljährigen Kinder sitzen? An vielen Unis ist das schon lange Normalität. Die Frankfurt University of Applied Sciences veranstaltet regelmäßig einen digitalen Elterninfoabend, an der Universität Marburg gibt es ein virtuelles Eltern-Café. Die Frankfurter Universität bietet nicht nur persönliche Sprechstunden, sondern auch eine Informationsveranstaltung für Eltern an, die eine Führung über den Campus und ein sogenanntes Elternseminar umfasst: Eltern bekommen dort Einblicke in die Studienorganisation, Abschlussarten und Zulassungsverfahren sowie Tipps für die Studienwahl ihrer Kinder. Für die Organisation ist Elisabeth Kummert zuständig. Seit fast 20 Jahren arbeitet sie als Studienberaterin für die Gesellschaftswissenschaften an der Goethe-Universität. Die erste Infoveranstaltung für Eltern plante Kummert schon 2009. Der Grund: Immer mehr Eltern meldeten sich während der Bewerbungsphase mit Fragen. Häufig ging es ihnen darum, ihre Kinder, die sich auf das Abitur vorbereiteten, mit Einschreibung und Formalia zu entlasten. Mit der Veranstaltung wollten Kummert und ihre Kollegen die Eltern bestmöglich informieren, aber auch die Hemmschwellen für Familien ohne akademischen Hintergrund senken. Seit vielen Jahren ist das Interesse groß „Wir waren total erstaunt über den Andrang“, sagt die Studienberaterin. Zweimal jährlich bietet sie die Infoveranstaltung an, immer ist sie ausgebucht. Am Anfang sei den Eltern ihre Teilnahme fast peinlich gewesen, sie hätten das Gefühl gehabt, sich erklären zu müssen. „Wenn ich an meine eigene Studienzeit zurückdenke, wäre es unmöglich gewesen, dass die Eltern mitkommen, ein absolutes No-Go“, erinnert sich Kummert. Heute sei das ganz selbstverständlich. „Die Eltern hinterfragen das gar nicht mehr.“ Willkommen im Helikopterzeitalter, könnte man da nun denken. Schon länger ist von einer Zunahme der Zahl überfürsorglicher Eltern die Rede, die wie Hubschrauber um ihre Kinder kreisen – bis ins Erwachsenenalter hinein. Doch Kummert findet diesen Begriff nicht passend. Viel mehr beobachtet sie einen grundsätzlichen Wandel in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern: Dass Eltern heutzutage deutlich stärker in das Leben ihrer Kinder involviert sind, sei ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Sie erlebe Eltern in der Regel als zurückhaltend, übergriffiges Verhalten wie kontrollierende Anrufe beim Prüfungsamt käme praktisch nicht vor. Es sei ohnehin nicht erlaubt, Informationen über Studierende an andere Personen herauszugeben, auch nicht an die Eltern, sagt Kummert. Auch die Psychotherapeutin Claudia Lazanowski sieht in dem wachsenden Engagement der Eltern von Studierenden eher eine gesellschaftliche Veränderung als Helikopterverhalten. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie in der Psychotherapeutischen Beratungsstelle der Goethe-Universität. Eltern stünden heute enger mit den Kindern in Kontakt und leisteten mehr Unterstützung, ob bei der Zukunftsplanung, der Wahl des Studienfaches, der Selbstorganisation oder der Wohnungssuche. „Das muss nicht immer negativ sein“, sagt Lazanowski. Die Unterstützung sei durchaus willkommen: „Meistens mache ich eher die Erfahrung, dass die Studierenden sehr froh sind, wenn sie emotional auf die Eltern zurückgreifen können.“ Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Teilweise spielt das Alter eine Rolle: „Heutzutage gibt es viele jüngere Studierende, die dementsprechend noch sehr mit dem Elternhaus verwachsen sind und es gewohnt sind, dass die Eltern mitdenken“, sagt Lazanowski. Zudem habe der Leistungsdruck seit der Bologna-Reform spürbar zugenommen. Das System sei verschulter, Leistungsnachweise müssten in kürzerer Zeit erbracht werden, die Bafög-Richtlinien seien streng. Dadurch sei es deutlich wichtiger geworden, das Studium gut zu strukturieren und es innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens zu absolvieren. Hinzu kämen steigende Mieten und eine schwierige Situation auf dem Arbeitsmarkt. Der Einfluss der Eltern ist nicht zu unterschätzen Zugleich können die vermeintlich vielen Möglichkeiten junge Menschen überfordern: „Wir bemerken, dass die Orientierungslosigkeit zugenommen hat“, sagt Lazanowski. Inzwischen seien mehrere Auslandsaufenthalte im Lebenslauf ganz selbstverständlich, soziale Medien würden den Vergleich unter jungen Menschen ankurbeln. „Globalisierung und Digitalisierung ermöglichen mehr. Das bedeutet aber auch, dass man mehr Entscheidungen für sich und sein Leben treffen muss“, sagt die Psychotherapeutin. Im Meer der Entscheidungen können Eltern ein wichtiger Ankerpunkt sein. Trotz ihrer Beteiligung seien die meisten Eltern wenig bevormundend. In Gesprächen mit internationalen Studierenden aus Familien mit niedrigerem Bildungsstand oder Migrationshintergrund komme tendenziell häufiger zur Sprache, dass die Eltern strengere Vorgaben hinsichtlich der Lebens- und Karriereplanung machten. Grundsätzlich habe sie aber den Eindruck, dass Eltern heutzutage weniger direkten Einfluss auf die Berufswahl ihres Kindes ausübten als früher: „Die Beteiligung an sich ist wichtiger geworden, aber der Umgang ist wertschätzender, mehr auf Augenhöhe.“ Auch Studienberaterin Kummert erlebt die Eltern in ihren Sprechstunden in der Regel als zurückhaltend und reflektiert. Doch selbst wenn sie sich nicht aktiv in die Entscheidungen ihrer Kinder einmischten, sei ihr Einfluss nicht zu unterschätzen. „In der Bewerbungsphase ist es natürlich gut, wenn die Eltern unterstützen, damit nichts schiefgeht“, sagt sie. „Problematischer wird es im Verlauf des Studiums.“ Kummert und ihre Kollegen von der Zentralen Studienberatung beobachten, dass viele Studenten auch während des Studiums eng an ihr Zuhause gebunden bleiben, dass sie mitunter bis zum Bachelorabschluss noch bei den Eltern wohnen. Erhebungen zeichnen ein ähnliches Bild: Laut dem Statistischen Bundesamt zogen junge Menschen in ganz Deutschland 2024 durchschnittlich mit rund 24 Jahren von Zuhause aus. Gerade im Rhein-Main-Gebiet kämen viele der Studierenden aus dem Umland, sagt Kummert. Für sie sei es oft günstiger und bequemer, bei den Eltern zu wohnen. Reibung gehört zum Erwachsenwerden „Was dann aber im Studium nicht stattfindet“, sagt sie, „ist die intensive Auseinandersetzung mit der Frage, was ich denn eigentlich will.“ Große und kleine Entscheidungen würden nicht allein getroffen. Außerdem resultiere aus der räumlichen Nähe ein gewisser Erwartungsdruck: Es falle jungen Menschen häufig schwerer, den Eltern etwa von ihren Studienzweifeln zu erzählen, wenn sie noch mit ihnen unter einem gemeinsamen Dach lebten. „Wenn es gar keine Reibungspunkte mehr gibt, verhindert das die Reifung“, erklärt Kummert. Zum Erwachsenwerden gehört, die eigenen Bedürfnisse und Ziele zu erkennen, Selbstorganisation und Eigenverantwortung zu lernen, einen Haushalt zu führen und eigene Entscheidungen zu treffen, notfalls auch gegen den Willen der Eltern. Das sei ein Balanceakt, sagt Psychotherapeutin Lazanowski, wenn man in seinen Eltern zugleich eine Ansprechperson und Stütze habe. Auch für Eltern ist es nicht immer leicht, die richtige Balance zwischen Fürsorge und Loslassen zu finden. Am wichtigsten sei es, dem eigenen Kind offen zu begegnen, Sicherheit zu geben und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, anstatt strikte Vorgaben zu machen, sagt Lazanowski. Für die Selbstwirksamkeit sei es außerdem wichtig, dass die nötigen Schritte nicht automatisch von den Eltern übernommen werden. Auch Studienberaterin Kummert sieht das elterliche Engagement in ihren Sprechstunden trotz gewisser Bedenken positiv: „Die Eltern haben das Bedürfnis, bestmöglich zu unterstützen.“ Ihre Ratschläge seien gut gemeint und häufig sinnvoll. Allerdings sei es für die selbstständige Entscheidungsfindung wichtig, dass sich die Studierenden unterschiedliche Perspektiven einholen. Kummert wünscht sich, dass Kinder sich wieder trauen, Entscheidungen auch gegen den Willen ihrer Eltern zu treffen. Letztlich sei es aber etwas Gutes, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kindern heutzutage weniger autoritär sei.