Ein Hauch von Warhols „Factory“ in Berlin-Kreuzberg. In einem großen Studio ist eine Rundherum-Hohlkehle installiert. Die weiße Kunstwand und das gleißende Licht könnten ein perfektes Szenario für „White Light, White Heat“ von Velvet Underground abgeben. Doch wir haben nicht 1968, es ist 57 Jahre später. Techno Underground, mittlerweile aber auch schon in der zwölften Generation angekommen. Im harten Kontrast zum Hellen fegt ganz in Schwarz Julie Pavon durch den Raum. Die 25-jährige Dänin trägt Bluse, klobige Schuhe und einen wallenden Glockenrock. Per Funkmikrofon skizziert sie zu harten Beats eine womöglich erotische Begegnung mit einer anderen Frau im Club. „The flashing lights make it all okay. She moves around and you move the same way. It’s not for you. You need a friend like you always do.“ Nude look: eine Lebenseinstellung Dem ehemaligen Schwimmtalent der „Dansk Svømmeunion“ meint man den Leistungssport anzusehen, so energetisch tanzt sie vor drei Dutzend geladenen Fans und Gästen. Etwa zur Halbzeit des Kurzkonzerts entledigt sie sich einiger Hüllen. Unter dem Rock kommt eine Chaps-artige Hose zum Vorschein. Beim nächsten Dancemove werden ihr blankes Hinterteil und ein schwarzer Stringtanga sichtbar. „Ich würde sagen, es ist definitiv eine Lebenseinstellung“, sagt sie im Interview zu ihrem „nude look“, der auch ihr Artwork ziert. Auf dem Plakat ihrer „Born With Heartbreak“-Tour im Frühjahr 2026 trägt sie über dem nackten Oberkörper nur einen Nietengürtel über den Brüsten. „Ich möchte einfach das tragen, was mir Selbstvertrauen und Kraft gibt und sich für den Moment richtig anfühlt. Kategorien wie ‚Provokation‘ sind nicht mein Ding. Ich mag es einfach, wenn mein Look unverfälscht und ehrlich ist.“ Frauen haben Diskurshoheit in der DJ-Szene Durch die europäische Elektro-Musik rollt wieder eine Art neuer Nacktwelle. Oder besser: der spielerische Umgang mit diesem Sujet. „Sex Positivity“ hinter und vor den Decks. Nachdem im Herbst 2023 afroamerikanische Musikerinnen wie Janelle Monáe („The Age Of Pleasure“) und Sudan Archives („I just wanna have my titties out“) von sich reden machten, treiben nun weibliche DJs und Produzentinnen das aufgeladene Spiel weiter. Sie verändern unabhängig von Genres und Subgenres die Spielregeln der Zunft. Natürlich gibt es auch einige männliche Mixmeister, die auf definierte Oberkörper und knackige Oberarme setzen und diese auch in Social-Media-Kanälen wie X oder Instagram in Szene setzen. Das Modell „California Dream Boy“ hinter dem Mischpult. Doch Frauen haben aktuell die Diskurshoheit in und um die DJ-Kanzel. Ende Oktober feierte das „Amsterdam Dance Event“ (ADE) seinen zwanzigsten Geburtstag. Nach randständigen Anfängen in der Off-Szene ist die holländische Mischung aus Messe und Dauerparty zum weltweit größten Elektro-Treffen geworden. Mit Charlotte de Witte, Honey Dijon, DBN Gogo, Jyoty, Amelie Lens, ANNA, Romy Janssen, Lisa Korber, Anfisa Letyago, Indira Paganotto, Chloé Caillet oder Erfolgsproduzentin Kamma war das 2025er-Programm definitiv weiblich programmiert. Auch das erfolgreiche Berliner Enfant terrible Stella Bossi, die kürzlich mit ihrem Video aus dem sexpositiven KitKat Club für Aufsehen und Debatten gesorgt hatte, hielt gleich zweimal Hof vor einem ekstatischen Publikum in einer Kirche am Rande des Grachtengürtels. Das Publikum ist sofort gefesselt In diesem vielfältigen Reigen ist Julie Pavon, welche die 80er-Ikone Grace Jones zu ihren Oberheldinnen zählt, eine Sängerin und Tänzerin der klassischen Schule. Ihr künstlerisches Universum bewegt sich im Grenzbereich zwischen Clubsounds, düsterer Elektronik und performativer Präsenz. Manchmal klingt es, als hätte sie den Dark-Wave-Klassiker „Sleeper in Metropolis“ von Anne Clark an eine Starkstromleitung angeschlossen. In der ungewohnten Fotostudio-Situation in Berlin fesselte sie das Minipublikum ab der ersten Minute. Ihre Texte beschreiben energiegeladene Situationen. „Watch Her Dance“ etwa ist eine Mischung aus „no emotions“, cooler Kühle also, und einer typischen High-Energy-Club-Situation. „Dabei habe ich nie explizit über Sex geschrieben, sondern über die Erforschung meiner Sexualität. Und darüber, wie verwirrend es sein kann, wenn man nicht in eine bestimmte Schublade passt. Ich habe erkannt, dass ich es nicht definieren muss, das ist sehr befreiend.“ „Es war wild“ Zu ihrem Heilserlebnis wurde ein Auftritt auf dem riesigen Festival im dänischen Roskilde. „Es war magisch. Ich wurde in letzter Minute gebucht, nachdem das gesamte Programm bereits feststand. Ein Booker hatte mich bei einem Award gesehen, bei dem ich zwei Songs gespielt habe; die einzigen beiden Songs, die ich damals veröffentlicht hatte. Sie fragten mich, ob ich nicht in Roskilde spielen möchte. Wow, ich war so was von glücklich. Da alle Kapazitäten vergeben waren, fragten sie mich, ob ich in einem Off-Space namens „Platform“ auftreten möchte. Wir, also mein DJ und Percussionist und ich, besorgten uns zwei kleine Zwei-mal-zwei-Meter-Podeste und stellten sie mitten in den Raum. Bei der Show tanzten und sprangen die Leute so sehr, dass der ganze Space wackelte. Es war wild, das werde ich nie vergessen.“ Wichtigste Treiber für diesen Lifestyle, der nur noch wenig mit den männerbestimmten „Girl“-Modellen alter Schule zu tun hat, sind die Socials und viele neue Festivals, die sich den elektronischen Spielarten widmen. Gerade kleinere Länder wie Holland oder Belgien oder die Region Skandinavien geben vielfach den Beat vor. Für ihre aktuelle Single „Rumors“ bringt etwa Romy Janssen aus Amsterdam den südafrikanischen Slam-Poeten Lazarusman als Vokalisten ins Spiel. Ein packender Track und eine Gegenrede zu all den Vorwürfen traditioneller DJ-Männer, dass die auf Optik und Beauty-Reize setzende Generation musikalisch nichts draufhätte und in die künstlerisch minderwertigere Kategorie einzuordnen sei. Viele Tiktok- oder Instagram-Accounts der Protagonistinnen kombinieren Festival-Atmosphäre mit Ausflügen ins Beauty-Land, die gerne auch mal nach dem Influencer-Modell von Sponsoren finanziell befeuert werden. Die Grenzen sind fließend. Man kann sich nicht sicher sein, ob die Videoschnipsel aus dem Pool einfach nur Spaß oder „paid content“ sind, der nicht als solcher gekennzeichnet ist. Das holländische Nachwuchstalent Lisa Korver, mit 210.000 Followern allein bei Tiktok, gibt in diesem extrem weit gefassten Spektrum einen Rock-‚n‘-Roll-mäßig tätowierten Charakter im Rippunterhemd. Dementsprechend härter ist ihr Techno-Aufschlag. Da die ganze Entwicklung in keiner Weise von den drei verbliebenen Major-Plattenfirmen und auch nicht von den großen Independent-Labels gesteuert ist, wie das früher der Fall gewesen wäre, blüht der kreative Wildwuchs in allen Ausprägungen. Unter dem Hashtag @top100femaledj lässt sich ein internationaler Querschnitt durch das aktuelle Spektrum besichtigen, ohne allerdings repräsentativ sein zu können. Bei der Selbstpräsentation dient einigen sogar ein einschlägiger (Soft-)Porno-Kanal als eine Ausspielfläche im Tanz um die Aufmerksamkeit. „Entdecken Sie DJ Tabeas exklusive Nacktbilder, die Techno-Girl-Vibes versprühen, auf Only Fans“, laut ein Lockspruch. „Die andere Seite einer Techno-Akteurin mit dem gewissen Etwas.“ Man muss manchmal schon genau hinschauen und hinhören, um zwischen feministischem Empowerment und sexistischer Vermarktung unterscheiden zu können. Die Übergänge sind fließend.
