Der Zoodirektor betritt das Elefantenhaus, nimmt einen Bund Möhren aus einer Truhe und eine Möhre aus dem Bund. Als Thomas Kauffels sich der Box mit Kaja und Lilak nähert, wissen die Tiere eindeutig, wer da kommt und was er mitbringt. Zwei Rüssel gleiten flugs durch die Metallstangen des wuchtigen Gitters im Opel-Zoo, ein kleiner, dünner und ein ziemlich großer. Gezielt wirft der Zoodirektor Lilak, der Matriarchin der Herde, eine Karotte so hin, dass die Elefantenkuh einige der 20.000 Muskeln in ihrem Rüssel gehörig strecken muss, um an das Futter heranzukommen. Das verschafft Kaja Zeit, um ein wenig Möhrenkraut von Kauffels abzugreifen – und den vielleicht passendsten Kosenamen zu hören, der sich für ein gut acht Monate altes Elefantenkalb denken lässt: „Kaja! Große! Große Maus!“, ruft der Zoodirektor. Vorhin in seinem Büro hat der erfahrene Biologe, der sonst eher zupackend als zartbesaitet daherkommt, schon erzählt, dass der Nachwuchs sogar sein Herz rühre. Als das Elefantenkalb am 27. Mai vorigen Jahres nach mehr als 21 Monaten Tragzeit zur Welt gekommen ist, war das eine Sensation. Der Zoo in Kronberg im Taunus kann die erste Elefantengeburt in Hessen seit 57 Jahren als Zuchterfolg verbuchen. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten könnten weitere Elefantenbabys folgen. In mehr als 15 Jahren Vorarbeit hat der Zoo alle Voraussetzungen für Elefantengeburten geschaffen, vom Umbau der Elefantenanlage, um den Bullen zu vereinzeln, bis zum Zusammenstellen einer passenden Herde. Welche Elefanten in welchen Zoos leben, ändert sich innerhalb Europas immer wieder. So hat der Opel-Zoo über den Elefantenkoordinator des Europäischen Ex-situ-Programms, EEP, vor einigen Jahren sehr kurzfristig die Elefantenkuh Cristina und ihren Sohn Neco aus einem Zoo in Spanien übernommen. Der Grund war Sozialstress in der dortigen Herde. Auch in Kronberg muss sich zeigen, ob die Kabbeleien zwischen Matriarchin Lilak und Cristina anhalten. Die jüngere Elefantenkuh wurde mit der Hand aufgezogen, weil die Mutter sie nicht annahm, und erscheint laut Kauffels öfter einmal verhaltensauffällig. Innige Gemeinschaft von Mutter, Tochter und Tante Weil die beiden Kühe sich nicht verstehen, sieht Kaja das andere Jungtier, Cristinas Sohn Neco, zurzeit nur durch die Stäbe der Boxen im „Backstagebereich“, wie der Zoodirektor die Räume hinter der Halle mit der Glasscheibe auf der Vorderseite nennt. Dorthin lassen die Tierpfleger zurzeit immer nur entweder das Mutter-Sohn-Gespann Cristina und Neco oder aber Lilak, Kaja und Kariba. Diese drei bilden seit Kajas Geburt eine innige Gemeinschaft. Kariba ist Kajas Mutter. Die schon 55 Jahre alte Lilak, 1971 in Afrika geboren und der einzige verbliebene Wildfang in der Kronberger Herde, fungiert als eine Art Großtante. Sie war schon bei Karibas Geburt vor etwa 20 Jahren im Tierpark Berlin dabei und ist seitdem an ihrer Seite. Seit nun Kaja auf der Welt ist, nimmt die für einen Elefanten hochbetagte Lilak in Kronberg die Rolle der erfahrenen Herdenältesten aktiv ein, entfaltet nach Beobachtung des Zoodirektors viel mehr Energie. Die kleine Kaja saugt nicht nur an den Zitzen der Mutter, sondern auch an denen der Tante. Lilak produziert sogar echte Milch, ohne vorher schwanger gewesen zu sein. Zootierärztin Uta Westerhüs hat Proben beider Kühe an das Milchinstitut der Tiermedizin an der Universität Gießen geschickt. Die Laboruntersuchung wird zeigen, wie Kajas Nahrung aus der Mutter- und der Tantenbrust jeweils zusammengesetzt ist. Aber auch feste Nahrung frisst das Jungtier schon, wie Jannis Heuser berichtet. Der stellvertretende Leiter im Elefantenrevier füttert Kaja zum Beispiel mit Apfelstücken. Gesäubert wird sie mit dem Schlauch. „Die ist ganz wild aufs Wasser.“ Auch Tröten könne Kaja schon gut. An diesem Morgen sind aber nur die hellen, hohen Rufe aus ihrem Mund zu hören, etwa, als das Kalb durch eine Schiebetür von hinten aus der Box nach vorn in die Halle hoppelt. Kauffels sagt: „Die geht echt wie ein Flummi.“ Tatsächlich ist das Elefantenjunge immer in Bewegung. Neben ihrer Tante wühlt sie im Heu und wirft sich eine Ladung Halme auf Kopf und Rücken. Manche Besucherinnen kommen fast täglich, um sie zu beobachten. Wenn die Elefanten wegen des Winterwetters nicht draußen sind, füllen sich im Lauf eines Tages im Elefantenhaus zwei Container mit Kot. Zu der Herde mit insgesamt sechs Tieren gehört auch Kajas Vater Tamo. Sobald die Tiere im Frühling wieder auf das Außengelände können, wird Kaja den Bullen etwas besser kennenlernen. Jetzt sieht sie ihn nur von Box zu Box. Aber Elefantenbullen sind ohnehin Einzelgänger. Tamo wird vom Zoodirektor mit „Good Boy!“ begrüßt. Um seine Karottenration zu bekommen, reißt er den Schlund auf und hakt die Stoßzähne ins Gitter ein. Kaum vorstellbar, dass der fast vier Tonnen schwere, 18 Jahre alte Elefant noch sieben Jahre lang weiterwachsen wird. Etwa sieben Tonnen können ausgewachsene Tiere wiegen. Bei Kaja hat die Waage im Januar zuletzt 277 Kilo angezeigt, kurz nach der Geburt waren es 97. Nach dem holprigen Start, als Kaja bei der Erstgebärenden Kariba nicht gut getrunken habe, laufe jetzt alles bilderbuchmäßig, sagt Tiermedizinerin Westerhüs. Sobald das Kalb bei Kariba oder Lilak saugen will, strecken die Kühe direkt das Bein vor, damit sie gut drankommt. Gegen Pocken geimpft ist Kaja auch schon. Außerdem wurde ihr Blut abgenommen, um den Herpesstatus zu ermitteln. Mehrere Asiatische Elefantenjungen in anderen Zoos sind zuletzt an dem Virus gestorben, inzwischen sind auch erste Afrikanische Elefanten betroffen, wie die Ärztin sagt. Da ist es wichtig zu wissen, ob Kaja genug Antikörper hat. Westerhüs beschreibt das Jungtier als neugierig und dickköpfig. Zum Jungbullen Neco, immerhin schon 1,4 Tonnen schwer, laufe Kaja völlig ohne Angst. Durch das Gitter spielen die beiden miteinander und verstehen sich bestens. Noch trinkt der fünf Jahre alte Neco ab und zu bei Mutter Cristina. Aber theoretisch könnten er und Kaja in einigen Jahren gemeinsam Eltern werden. Aber wer weiß, sagt Kauffels, wie die Herde dann zusammengesetzt sein wird.
