FAZ 07.03.2026
15:02 Uhr

El-Niño-Vorhersage: Das Weltklima steuert schnell auf einen neuen Rekord zu


Die jüngste Beschleunigung der Erderwärmung ist aktenkundig. Nun dürfte 2026 ein neuer, starker El Niño die weltweiten Anomalien verstärken. Vor allem für 2027 stehen die Zeichen auf eine Rekordtemperatur.

El-Niño-Vorhersage: Das Weltklima steuert schnell auf einen neuen Rekord zu

Wenige Tage, nachdem die Weltmeteorologiebehörde WMO die schon seit Wochen zu beobachtenden rapiden Veränderungen im Pazifik bestätigte und eine neue, ausgeprägte Wärmeanomalie in Aussicht stellte, kommen nun die Ergebnisse weitere Vorhersagemodelle zu dem Schluss: 2026, vor allem aber 2027 könnten mit neuen globalen Temperaturrekorden in die Geschichte eingehen. Noch herrscht in der entscheidenden Meeresregion, dem tropischen Pazifik, schwache La-Niña Bedingungen unter dem langjährigen Mittel. La Niña ist eine Kälteanomalie und damit das Gegenstück von El Niño. Beides sind Phänomene der natürlichen, regelmäßigen Klimaoszillation ENSO im Pazifik, die gewaltige Wassermassen zwischen West- und Ostpazifik hin- und hertransportiert. Zahlreiche Klimaanalysen haben gezeigt, dass der menschengemachte Klimawandel die Intensität und den Rhythmus dieser wechselweisen Abweichungen verändert. Auffällig ist: Inzwischen folgt nach der einen direkt die andere gegenläufige „ENSO-Welle“, wo früher meist neutrale Bedingungen herrschten. Temperaturprognosen weisen steil nach oben Schon Ende vergangenen Jahres war nach Auswertung der Meeresdaten ein Umschwung aufgefallen. Die neuen Daten des europäischen Klimaanalysemodells ERA5, aber längst nicht nur sie, weisen wie schon seit einiger Zeit ungewöhnlich steil nach oben. Heißt: Nach der mehrmonatigen Kälteanomalie folgt in den kommenden Monaten der Wechsel. El Niño baut sich rasch auf, riesige Warmwassermassen dominieren zunehmend die oberen Schichten des tropischen Pazifiks.  Zwischen 1,4 und 3,1 Grad über dem neutralen Wert dürften die Temperaturen demnach schon bis Ende dieses Sommers steigen. Den Höhepunkt erreicht El Niño normalerweise um die Weihnachtszeit. Und mit etwas Verzögerung dürfte diese Wärmeenergie, die damit auch die Atmosphäre um den halben Globus erreicht, die globalen Temperaturen vor allem im Folgejahr 2027 erreichen. Klimaforscher Zeke Hausfather von Berkeley Earth, einem renommierten US-Klimainstitut, war noch vor wenigen Monaten zurückhaltend, jetzt schreibt er: „Unsere Abschätzungen für 2026 müssen wir nach oben korrigieren.“ 2027 könne damit „sehr wahrscheinlich“ das wärmste je gemessene Jahr auf dem Planeten werden. Das globale 1,5-Grad-Limit, das im Pariser Klimaabkommen angepeilt wird und schon während der jüngsten Kältephase um ein Haar erreicht worden wäre, dürfte also auch die 2024-Marke - dem bisherigen Rekordjahr - übertreffen. Ein „Sprung“ der Erwärmung seit 2015 Damals, 2024, war dem Rekordjahr ebenfalls ein schneller El-Niño-Anstieg im Frühjahr 2023 vorausgegangen. Diskutiert wurde seitdem unter Klimaexperten darüber, inwiefern dieser El Niño den Anstieg des globalen Klimawandels beeinflusst hat. Die Frage lautete: Waren die ungewöhnlichen Temperaturrekorde 2023 und vor allem 2024 quasi natürlich durch El Niño angetrieben? Die statistisch klare Antwort nach vielen Spekulationen davor gibt eine soeben in den „Geophysical Research Letters“ erschienene neue Studie von Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und dem kalifornischen Klimastatistiker Grant Forster. El Niño habe viel Wärme zusätzlich gebracht, aber der durch die Treibhausgase beschleunigte Anstieg der Erderwärmung sei stark und statistisch signifikant. „Entscheidend ist, dass wir aus den Messdaten bekannte, natürliche Schwankungen herausrechnen, sodass das zufällige Rauschen geringer wird und daher das langfristige Erwärmungssignal klarer hervortritt“, sagt Grant. Begonnen habe die Beschleunigung der menschengemachten Erderwärmung bereits vor etwa zehn Jahren. Davor, so zeigen die Analysen, die bis in die Siebzigerjahre zurückreichen, habe sich die globale Welttemperatur vornehmlich durch den anthropogenen Treibhauseffekt um etwa 0,2 Grad pro Dekade erhöht, nach 2015 dagegen um knapp 0,35 Grad. Stefan Rahmstorf zu den Konsequenzen dieser Erkenntnis: „Setzt sich die Erwärmungsrate der vergangenen zehn Jahre fort, würde das zu einem langfristigen Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze des Pariser Abkommens vor dem Jahr 2030 führen.“