FAZ 10.02.2026
15:22 Uhr

Eisschnelllauf bei Olympia: Jutta Leerdams eiskalte Inszenierung


Die Niederländerin Jutta Leerdam weiß, wie sich Leistung und Selbstvermarktung miteinander verschmelzen lassen. Bei ihrem Olympiasieg sind selbst die Tränen auf ihrer Wange Teil einer Inszenierung.

Eisschnelllauf bei Olympia: Jutta Leerdams eiskalte Inszenierung

Es gibt ein Foto von Jutta Leerdam, das den Moment der Freude zeigt. Den Kopf nach oben gerichtet, den Mund weit geöffnet, wahrscheinlich dringt in diesem Moment ein Schrei der Freude heraus und hinein in diese Mailänder Messehalle, in der in diesem Moment noch ein paar Tausend Niederländer mehr hüpfen und schreien, weil Leerdam Olympiasiegerin über 1000 Meter im Eisschnelllauf geworden ist. Die Wange hinunter läuft ein Gemisch aus Tränenflüssigkeit und Mascara in einer schmalen Falllinie, bahnt sich einen Weg über die Konturen dieses Gesichts, das Jutta Leerdam tagein, tagaus ihren 5,3 Millionen Followern bei Instagram zeigt. Als wollte dieser Tropfen die Strecke einer Rodelbahn oder einer Olympiaabfahrt in das Gesicht einer 27 Jahre alten Frau zeichnen. In das Gesicht einer Frau, die sich für die permanente Inszenierung ihrer selbst entschieden hat. Für eine Welt, in der sich diese Inszenierung verkauft. Diese Frau ist die schnellste Eisläuferin der Welt. Wie das Pfeifen einer Lokomotive in der Nacht Es gibt eine Schnittmenge zwischen den Anforderungen, die der Eisschnelllauf stellt, und den Anforderungen, die die Instagram-Welt stellt. Die Schnittmenge heißt Perfektion. An diesem frühen Montagabend hatte Femke Kok, 25 Jahre alt, aus der kleinen friesischen Torfstechersiedlung Nij Beets, ein Rennen gezeigt, das eisschnellläuferischer Perfektion sehr nahegekommen war. Ihre Eleganz hatten die Anfeuerungen der Fans begleitet. 40.000 Karten haben Niederländer für diese Spiele gekauft, und an diesem Abend begleiteten ihre Stimmen Kok, wie sie ein paar Minuten später auch Leerdam begleiten würden: Wie das Pfeifen einer Lokomotive in der Nacht, das näher kommt und sich wieder entfernt, drehte die Anfeuerung ihre Runden um das Oval, stets dort in ohrenbetäubender Stärke pfeifend, wo Kok über das Eis glitt. Der Sport war bei sich in diesem Moment, im Flow. Zweiundsiebzigeinhalb Sekunden lang. Als Femke Kok im Ziel war, nach 1:12,59 Minuten, schneller, als es jemals einer Frau bei Olympischen Spielen gelungen war, glaubten sehr viele Menschen, die Siegerin gesehen zu haben. Dann kam Jutta Leerdam, und es wäre falsch zu behaupten, dass sie ihrer Instagram-Welt entstieg. Wer die Posts der nächsten Stunden verfolgte, die ihr Verlobter Jake Paul in die Welt setzte, dem bei Instagram 28 Millionen Accounts folgen, die Leerdam in die Welt setzte und die Menschen in die Welt setzten, die die Jake-Paul-Jutta-Leerdam-Welt bespielen, war das olympische Rennen Teil einer Inszenierung. Leerdam vermittelte in ihrem Rennen nicht den gleichen perfekten Eindruck wie Femke Kok, weil sie größer und kräftiger ist als ihre Konkurrentin. Aber Leerdam war schneller als Kok. Ihr Rennen sei schon fast perfekt gewesen, habe ihr ihr Trainer Kosta Poltavets hinterher gesagt, erzählte Leerdam während der Pressekonferenz. Ein Traditionsbruch Jake Paul, der sich für einen Boxer hält und sich deshalb von Anthony Joshua vermöbeln lässt, der neben J. D. Vance auf der Tribüne in Mailand saß und Donald Trump sekundiert, wenn der amerikanische Sportler, die dem Präsidenten widersprechen, als Antiamerikaner markiert, hatte da längst weiter Content kreiert: Wie er einigermaßen enthemmt auf der Tribüne heult. Wie er Leerdam in der Olympic Family Lounge, einem Backstage-Kabuff für Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und VIPs, auf Händen trägt. Wie er und eine halbes Dutzend Kameramänner und Leibwächter die Mixed Zone stürmen, wie er Leerdam küsst und ihr die Schultern knetet. Diese Inszenierung ist in ihrer Wucht ziemlich nahe an der Perfektion. Leerdam hat vor ein paar Jahren entschieden, dass sie in diese Welt einsteigt. Nun ist sie im Privatflieger nach Mailand gereist. Auch die Niederlande verändern sich, aber in der nicht unwesentlich vom Pietismus geprägten Welt Frieslands, wo der Eisschnelllauf zu Hause ist, gibt es Menschen, die ihr auf Instagram folgen und dabei die Augenbrauen hochziehen. In dieser Welt ist eine Inszenierung der eigenen Eitelkeit, der Instagram eine Plattform gibt, ein Traditionsbruch. „There is no ‚I‘ in team“ („Es gibt kein Ich in einer Mannschaft.“) ist ein englischer Spruch. Aber es gibt jede Menge Ich auf Instagram. Damit macht sich Jutta Leerdam nicht nur Freunde, und das ist Jutta Leerdam egal. „Unangemessen, inakzeptabel, eines Teams unwürdig“ Unter denen, die ihre Augenbrauen hochziehen, sind Journalisten, deren Aufgabe es ist, vom Auftreten der Schaatser, des niederländischen Eisschnelllaufteams zu berichten und dieses Auftreten zu bewerten. Sie machen ihre Arbeit. Sie stehen in diesen Tagen in der Mixed Zone und warten, dass die Eisschnellläuferin Leerdam mit ihnen spricht, zum Beispiel nach dem Training. In den Tagen vor dem Rennen hat sie diese Gespräche verweigert. Den Journalisten wird die Arbeit erschwert, weil ihnen eine Bewertungsgrundlage entzogen wird. In den Niederlanden wurde das zum Skandal. Der niederländische Sportjournalistenverband setzte eine Beschwerde auf: „Unangemessen, inakzeptabel, eines Teams unwürdig“ sei Leerdams Verhalten, es zeuge von wenig Respekt vor den Medien und insbesondere der Öffentlichkeit. Es war der Erfolg, der über diesen tiefen Graben am Montagabend einen Steg baute wie über ein friesisches Moor. In den ersten zwei Rennen hatte die einzig wirklich relevante Nation in dieser Sportart keine Medaille gewonnen, jetzt hatte Jutta Leerdam gewonnen. Erfolg gibt recht. Die Kameramänner und die Bodyguards mit ihren Smartphones schoben sich von hier nach da hinter den Kulissen, und die Sportjournalisten liefen hinterher. Kritik bekam Leerdam nicht mehr zu hören. In der Pressekonferenz wurde sie noch gefragt, ob sie tatsächlich überlege, ihre Eisschnelllaufkarriere nach dieser Saison zu beenden. „Das weiß ich noch nicht“, antwortete Leerdam: „Das entscheide ich im Sommer oder so.“ Spät am Montagabend betritt Leerdam die Bühne des Team-NL-Hauses nahe der Porta Genova in Mailands Innenstadt. Eine Kapelle spielt, sie hüpft über die Bühne und lässt sich feiern von der Menschenmenge, die ihr ihre Hände entgegenstrecken. Jutta Leerdam ist die einzige Sportlerin auf dieser Bühne in diesem Moment. Backstage steht Jake Paul und lässt sich dabei filmen, wie er seiner Verlobten dabei zuschaut, wie sie sich feiern lässt. Content entsteht, wird hochgeladen, verbreitet sich auf Instagram. Als Leerdam sich feiern lässt, ist sie schon Testimonial für wasserfesten Eyeliner. Ein Werbevertrag ist in Kraft getreten. Die Träne, die sich im Moment ihres Sieges den Weg über ihre Wange bahnte, war Teil einer Inszenierung.