Frau Kilius, vor wenigen Tagen hat sich Ihr Olympiadebüt zum 70. Mal gejährt: 1956 sind Sie in Cortina d’Ampezzo angetreten – im Alter von zwölf Jahren. Wie verfolgen Sie dieser Tage die Winterspiele im selben Ort? Da werden natürlich Erinnerungen wach: Ich bin bis heute die jüngste Olympiateilnehmerin, weil es später ja strengere Altersgrenzen gab. Ich musste dran denken, wie die Italiener auf den Tribünen des wunderschönen Eisstadions sich so aufgeregt haben wegen unserer zu schlechten Wertungen. Sie haben aus Protest Orangen aufs Eis geworfen, weil sie überzeugt waren, dass Franz Ningel, mein damaliger Partner, und ich benachteiligt worden sind mit Platz vier. Sie hatten uns als Deutsche ins Herz geschlossen, obwohl uns bis dahin niemand kannte als die Überraschung des Wettbewerbs. Die wollten, dass wir Bronze erhalten, weil wir so wunderbar ungezwungen gelaufen sind. Die Emma Aicher, die deutsche Skiläuferin, erinnert mich ein bisschen an uns damals. Sie ist ein bisschen lockerer und nicht so verbissen. So waren wir damals auch immer. Sie haben mit ihrem späteren Partner Hans-Jürgen Bäumler an zwei weiteren Olympischen Spielen teilgenommen. Obwohl Ihnen trotz vieler Welt- und Europameistertitel Olympiagold verwehrt blieb, kennt noch heute fast jeder Kilius und Bäumler als Olympialegenden. Wie war dieser Hype zu erklären? Wir brauchten Olympia gar nicht mehr. Die Welt- und Europameistertitel waren die Basis für alles Weitere. Und da wollten wir einfach nicht mehr weitere vier Jahre so hart trainieren für Olympiagold. Wir hatten für die Zeit als Profis in den großen Schauen genug für unsere Popularität getan. Die Menschen liebten uns einfach. Ist das heute auch noch möglich, beispielsweise für Minerva Hase, die mit Nikita Wolodin eine Bronzemedaille im Paarlauf gewann? Oder ist die Wertschätzung für Sport heute nicht mehr so ausgeprägt? Das hat damit gar nichts zu tun. Es reicht nicht, eine Medaille zu gewinnen. Es hat was damit zu tun, ob der Boulevard sich für jemanden interessiert oder nicht. Das ist der ausschlaggebende Punkt. Aber sagen Sie mir einen aktuellen deutschen Sportler, für den sich der Boulevard interessiert. Ich kenne niemanden. Da fällt mir eine schöne Begebenheit ein: Der Jürgen und ich sind mal im Zug nach Karlsruhe gefahren und waren am Bahnhofskiosk vorbeigelaufen, und ich sag zu ihm: „Jürgen, guck doch mal!“ Und da waren überall der Jürgen und ich auf dem Titelbild, nur auf einer Zeitschrift nicht, und da sagt der Jürgen trocken: „Die eine hat halt keinen Geschmack.“ Heute spielt sich das auf Instagram oder Tiktok ab … Mit den sozialen Medien habe ich in meinem Alter nichts zu tun. Aber ich denke, dass das damals viel angenehmer war. Die Menschen haben mit einem kommuniziert, aber mit einem gewissen Abstand. Heute hätten Sie vermutlich Millionen Follower … Zu meinem 80. Geburtstag sagte mir noch mal jemand, dass ich dem Herrgott danken könne, dass wir damals die Karriere gemacht haben und nicht heute. Wenn du das heute hättest wie damals, dann könnten wir nicht mal mehr vor die Tür gehen. Wir haben am Tag 3000 oder 4000 Briefe bekommen mit Autogrammwünschen, das musste auch alles unterschrieben werden, aber wir haben die Autogrammkarten ja auch verkauft. Das Prägendste in der Geschichte mit der Öffentlichkeit war für mich, dass wir gegen die absurden Wünsche der Öffentlichkeit kämpfen mussten, weil alle wollten, dass Jürgen und ich heiraten. Das fing schon an, als ich 15 war und er 16. Das war ewig ein Riesenthema. Wir hatten dabei nur Blödsinn im Kopf und waren eben nur ein Paar auf dem Eis. Die Leute haben aber unseren Einfluss in anderen Bereichen gewollt. Sie haben aufgegriffen, was wir aus Amerika an Stil oder Auftreten mitgebracht haben. Und die Menschen haben mit uns irgendwie auch mehr verbunden. Mir wurde öfter so ein Satz gesagt wie: „Ach je, Frau Kilius, jetzt sind wir wieder wer in Deutschland!“ Da habe ich meinen Vater gefragt: Was wollen die? Wir haben es gar nicht verstanden als Dreizehn- oder Vierzehnjährige. Mein Vater, der hat mir das dann schon erklärt. „Weißt du, Kind, wenn ihr lauft, dann sind die Straßen in Frankfurt leer. Die sitzen vorm Fernsehen und gucken, was alle gucken.“ Haben Bäumler und Sie den Boulevard auch strategisch bedient? Nein, der Boulevard hat sich gierig auf uns gestürzt. Erst haben die mit uns Geld gemacht bis zum Abwinken. Und wir haben durch den Boulevard profitiert. Diese ganzen Seiten in den Blättern von der „Quick“ bis zur „Neuen Revue“, die sind den Menschen auch im Gedächtnis geblieben. So sehr, dass Sie einer der prominentesten Gäste des Balls des Sports sind, der an diesem Samstag in der Frankfurter Festhalle stattfindet. War Ihnen das Parkett immer genauso lieb als Bühne wie das Eis? Den Ball des Sports und mich verbindet eine besondere Geschichte: Ich war gewissermaßen schon auf dem Ball, als es ihn noch gar nicht gegeben hat. Necko (Josef Neckermann, Unternehmer, Dressur-Olympiasieger, Gründungsvorsitzender der Deutschen Sporthilfe und Initiator des Balls des Sports; d. Red.) und ich haben nächtelang diskutiert, was man machen könnte zur Förderung des Spitzensports. Da haben wir im Geist eben auch schon auf dem Ball getanzt, als es ihn noch gar nicht gab. Was war die Grundidee des Balls des Sports? Necko war ein ungemein begabter Spendensammler. Er hat mir mal erzählt, wie er das gemacht hat. „Weißt du, Marika, wenn ich da zu möglichen Geldgebern hingehe und Geld will, dann denken die immer, ich geh’ irgendwann weg, wenn sie mich nicht direkt empfangen. Ich sitze da aber auch mal eine Stunde oder zwei Stunden vor der Tür. Irgendwann muss der ja mal rauskommen, und dann greif’ ich ihn mir.“ Da hätte ich mich kaputtlachen können. Er hat mit dem Ball eben auch Geld eintreiben wollen für den Spitzensport. Und das war schon eine großartige Idee. Der Ball war aber auch die Chance für Sportler, sich einmal bei einem gesellschaftlichen Ereignis zu präsentieren. Uns ging es bei unseren Ideen auch darum, dass die Sportler, wenn sie aufhören, in einen Beruf finden, den sie gerne machen. Der Ball sollte da auch eine Kontaktbörse sein für Wirtschaft und Sport. Die Wirtschaft sollte erkennen, dass es jedem Unternehmen gut steht, wenn ein Sportler seine Qualitäten einbringen kann, Disziplin, Leistungsbereitschaft, Respekt oder Fairness. Aber das ist leider bis heute noch nicht so ganz gelungen. War der Ball direkt eine Erfolgsgeschichte? Ja, für mich waren die ersten Jahre in der Jahrhunderthalle in Höchst sogar die schönsten. Das war noch nicht so groß, da war alles etwas gemütlicher. Man hat immer die Leute getroffen vom Jahr vorher. Da habe ich beispielsweise fast jedes Jahr nachts mit Franz-Josef Strauß getrunken. Das war einfach toll. Necko hat damals viel in Dekoration investiert, da war er wirklich großartig. Die erste Reihe der Politik hat sich darum geschlagen, eine Eintrittskarte zu bekommen. Es war wirklich elegant, und man umgab sich gerne mit den Sportstars. Das ist mir heute teilweise zu wenig, was da in das Drumherum investiert wird. Es ist spröder geworden. Es heißt dann immer, dass man das Geld für die Sportler sparen will. Der Necko hat noch anders gedacht. Der sagte, dass es viel Geld kosten muss, weil dann auch alle kommen, die viel Geld mitbringen. Nun steht der 55. Ball des Sports an. Der Legende nach waren Sie eigentlich immer dabei. Wie viele Male waren es wirklich? Im Vorjahr war ich beispielsweise nicht da. Und auch früher, als wir noch als Profis für Eisschauen arbeiteten, habe ich gefehlt. Aber wenn ich beispielsweise am Ballabend auf dem Eis war und es nicht mehr als 200 Kilometer bis Frankfurt waren, dann ließ ich mich nach Showende mit bereits warmgelaufenem Motor sofort zum Ball fahren. Wissen die Sportler heutiger Tage um den Wert des Balls? Ich denke schon, dass es nach wie vor eine große Ehre für jeden ist, zum Ball des Sports eingeladen zu werden. Die Einladung kriegen ja nur die ganz erfolgreichen Athleten. Aber ich glaube, dass sich zu wenige trauen, sich dort als jemand zu zeigen, der auch neben dem Sport etwas drauf hat. Ist der Ball denn am richtigen Ort? Müsste er nicht nach Berlin, in die Hauptstadt, oder nach München oder Hamburg? Frankfurt ist ein guter Ort, weil er zentral liegt. Alle können gut anreisen, und das finde ich mit das Wichtigste. Auf welche Begegnung freuen Sie sich nun am Samstag am meisten beim Ball? Ich finde es total lustig und schön, dass ich neben Eberhard Gienger (ehemaliger Turn-Weltmeister und Sportpolitiker; d. Red.) sitzen werde, den kenne ich ja auch schon ewig. Dann sitzen zwei Sportästheten zusammen und können bewerten, was die Sportgymnastik-Olympiasiegerin Darja Varfolomeev im Sportprogramm zur Gala auf die Bühne zaubert. Da gibt es sicher genügend zu erzählen. Das stimmt!
