FAZ 13.02.2026
18:03 Uhr

Eiskunstlaufstar Malinin: „Wenn ich den mache, flippen alle aus“


Ilia Malinin ist der Superstar des Eiskunstlaufens und hat den Rückwärtssalto salonfähig gemacht. Dreht sich der „Vierfachgott“ etwa in der Kür bei den Olympischen Winterspielen nun sogar fünffach?

Eiskunstlaufstar Malinin: „Wenn ich den mache, flippen alle aus“

Ilia Malinin ist schon drin. Ganz gleich, ob er am Freitagabend im Forum von Assago tut, was alle Welt von ihm erwartet, oder nicht: Er ist drin. OGM heißt die Gruppe für Handynachrichten, und OGM steht für: Only Gold Medallists. Am vergangenen Sonntag hat Ilia Malinin, 21 Jahre alt, aus Fairfax, Virginia, mit der amerikanischen Mannschaft die Goldmedaille im Teamwettbewerb gewonnen. Malinin kann nun mit Tenley Albright chatten, der Olympiasiegerin von Cortina d’Ampezzo, die 69 Jahre älter ist als er. Oder Tenley Albright chattet mit ihm. Ilia Malinin, der Mann mit dem Rückwärtssalto Denn Ilia Malinin mag das jüngste Mitglied im Chat sein, aber er ist derjenige in dieser Gruppe, den die ganze Welt kennt. Derjenige, von dem die ganze Welt redet. Der „Vierfachgott“, der Mann mit dem Rückwärtssalto. Der Überflieger, der Superstar. Der Eiskunstläufer, der Menschen in die Übertragungen lockt, die sich sonst nie für Eiskunstlauf interessieren. Ein Glückskind als Glücksfall: Gustav Gans auf Schlittschuhen. Kann er fliegen? Wer weiß. An diesem Freitag (19.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, in der ARD und bei Eurosport) wird er jedenfalls wieder abheben. Man sollte es nicht verpassen. Forum Assago, am Dienstagabend. Kurzprogramm. Die Organisatoren der Spiele lassen die Eiskunstlaufwettbewerbe in der Anfang der Neunziger gebauten, in die Jahre gekommenen Mehrzweckarena austragen, in der üblicherweise Mailands beste Basketballmannschaft in der Euroleague antritt. Um zu verdeutlichen, wie weit Ilia Malinin Superstar der Konkurrenz voraus ist, kann deshalb eine Basketballanalogie helfen: 70 Punkte reichen für die Qualifikation für die Kür. Die meisten sind über achtzig bis neunzig Punkte glücklich. Malinin kommt mit 108,16 Punkten vom Eis. 108:70 ist ein sehr deutliches Ergebnis am Ende eines Basketballspiels. Spätestens jetzt aber muss man sagen: Die Analogie funktioniert nicht. Denn bei Malinin ist nach dem Kurzprogramm nicht mal Halbzeit. Nach seiner Weltmeisterkür im vergangenen Jahr hatte er 318,56 Punkte eingesammelt. Das hat es noch nie gegeben. 31 Punkte Vorsprung auf den Zweiten hatte er. In die Kür am Freitag geht er mit mehr als fünf Punkten Vorsprung auf den Japaner Yuma Kagiyama, bei der Weltmeisterschaft vor zehn Monaten war er in der Kür mehr als vierzig Punkte besser. Wer die Zeitreise in die Nacht zu Samstag jetzt schon antreten möchte: ein Olympiasieger, der nicht Ilia Malinin heißt? Der Wettbewerb findet ja in Mailand statt, nicht im Phantasialand. Ilia Malinin: „Ich bin kein Teenager mehr“ Es sind aber nicht die Zahlen und nicht die Medaillen, die an Ilia Malinin faszinieren. Es ist auch nicht sein Auftreten abseits des Eises. Nach dem Kurzprogramm steht er, der Sohn zweier in den Neunzigerjahren aus der zerfallenden Sowjetunion in die Vereinigten Staaten eingewanderten Eiskunstläufer, in der Mixedzone, vor sich etwa dreißig Journalistinnen und Journalisten. 1,74 Meter groß, ruhig, freundlich, zugewandt und, ja, ein kleines bisschen langweilig, spricht Malinin darüber, wie er nun die beiden Tage bis zur Kür verbringen wird: abhängen im olympischen Dorf, es gibt da einen Raum für Videospiele, wie jeder Teenager. „Ich bin kein Teenager mehr“, sagt Malinin dann und lacht, „aber trotzdem.“ Am Freitagabend wird es vorbei sein mit der freundlichen Zurückhaltung. Malinin wird aufs Eis treten und die Zuschauer mitreißen. Er wird den Rückwärtssalto zeigen, der seit 1976 verboten war, und das wird dafür sorgen, dass Zuschauern der Mund offensteht. Er wird Vierfachsprünge zeigen in einer Perfektion und Menge, wie es kein anderer Eiskunstläufer kann. Deshalb wird er „Quad-God“ genannt, „Vierfachgott“. Sieben Vierfachsprünge hat er in seiner Kür untergebracht, als Krönung den Vierfach-Axel, den nur er springen kann und bei dem er sich viereinhalbmal um die Körperachse dreht. Deshalb ist er die Hoheit auf diesem Teil des Olymps. Und alle Welt weiß, dass es Ilia Malinin dort schon ein wenig langweilig ist. Ein Fünffachsprung? „Ich halte euch unter Spannung“ Deshalb wartet die Welt auf den ersten im Wettkampf gelandeten Fünffachsprung. Bislang hatte Ilia Malinin gesagt, er bereite das für einen Wettkampf nach den Spielen vor. Auf seiner ersten Pressekonferenz in Mailand aber öffnete das Glückskind seines Sports die Tür zu seinem Spielzimmer einen Spaltbreit: „Vielleicht, vielleicht nicht“, antwortete er auf die Frage, ob die Spiele einen Fünffachen zu sehen bekämen. „Ich denke darüber nach. Denken heißt nicht machen. Ich halte euch unter Spannung“, sagte er an die Journalisten gewandt. Ob er einen kleinen Hinweis geben könne, wurde Malinin gefragt. „Manchmal gebe ich zu viele Hinweise“, war seine Antwort. Aber Malinins Show funktioniert nicht nur, weil er scheinbar die Grenzen der Schwerkraft verschiebt. Wem beim Mitzählen der Drehungen schwindlig wird, darf auf den Rückwärtssalto warten. Der Sprung ist für Könner wie ihn nicht sonderlich schwierig, es gibt auf der ganzen Welt Eiskunstläufer, die ihn ohne Probleme in ein Programm einbauen könnten. Aber nachdem Terry Kubicka den Rückwärtssalto 1976 in Innsbruck gezeigt hatte, wurde er 1977 verboten: zu gefährlich, zudem bei einer Landung auf beiden Füßen ein Verstoß gegen die eherne Regel des Sports, dass Sprünge auf einem Fuß zu landen sind. „Die Technik haben viele drauf“ Als die Französin Surya Bonaly 1998 in Nagano einen Rückwärtssalto in ihr Programm einbaute und sich Punktabzüge einhandelte, wirkte es, als bestrafe der überaus weiße Sport Eiskunstlauf eine Sportlerin afrikanischer Abstammung. Als sich schließlich der Aufstieg Ilia Malinins ankündigte, wurde den Regelsetzern klar, dass das Verbot dem eigenen Sport schadet. „Ehrlich gesagt, liegt so ein Jubelrauschen in der Luft – wenn ich den Rückwärtssalto mache, flippen alle aus. Die Technik haben viele drauf. Und wenn wir das zeigen, schauen Leute zu, die mit Eiskunstlauf nichts zu tun haben.“ Seit der vergangenen Saison ist das Verbot aufgehoben. Und am Freitagabend werden ihm Menschen zuschauen, die sich fragen: Kann er vielleicht doch fliegen? Ausschließen möchte man es nicht.