Selten bleibt es bei internationalen Sportwettkämpfen derart spannend, wenn eigentlich klar vorherzusagen ist, wer die Gewinner sein werden. Doch genau das ist in dieser Woche im Eiskunstlauf bei den Olympischen Winterspielen passiert. Dass die Faszination derart groß ist, liegt an sieben Sportlern aus drei Nationen, die sich in Mailand jetzt untereinander die Medaillen aufteilten. Es ist vor allem ein sehr junger Läufer, dessen Auftritte alle sehen wollen: Ilia Malinin. Der blonde Amerikaner, Kind russischer Emigranten, hätte in „Troja“ Brad Pitts kleinen Bruder spielen können, wenn er nicht 2004, als der Film in die Kinos kam, erst geboren worden wäre. Ein technisch perfekter vierfacher Axel Er ist nicht Brad Pitts Bruder, aber dafür der Enkel eines russischen Eistänzers und -trainers und Sohn einer zehnmaligen Meisterin im Eiskunstlauf in ihrer damaligen Wahlheimat Usbekistan. Malinin ist auf Kufen aufgewachsen, im Alter von sechs Jahren begann er mit dem Training bei seinen engsten Verwandten. Vor vier Jahren war es dann so weit. Da revolutionierte er den Sport zum ersten Mal. Seitdem begeistert er. Im September 2022 war dem damals Siebzehnjährigen gelungen, was niemand auf der ganzen Welt zuvor geschafft hatte: Er zeigte einen technisch perfekten vierfachen Axel in einem Wettbewerb. Die amerikanische Olympiastadt Lake Placid mit ihrem Wettkampf U.S. Classic wurde überraschend zum Schauplatz dieser unfassbaren Ausnahmeleistung. Der Axel ist der Königssprung – der schwierigste von allen. Zunächst muss der Läufer sich vorwärts laufend vom linken Fuß abdrücken und in die Höhe springen. Bis er im Rückwärtslauf auf dem rechten Fuß landet, hat sein Körper eigentlich viereinhalb Drehungen in der Luft beschrieben. In Slow-Motion-Aufnahmen aus diesen Tagen in Mailand sieht man, wie sauber Ilia Malinin den Sprung tatsächlich beherrscht. Zwei Drehungen ereignen sich, während Malinins Körper aufsteigt, zwei auf dem Weg nach unten zur Landung, also absolut gleichmäßig. Alle Olympia-Zuschauer sind fasziniert, neu begeistert von einem Sport, dessen Athleten an der präzisen Ausführung solcher akrobatischen Schwierigkeiten gemessen werden, aber nicht nur. Denn die künstlerischen Anteile sind höher als in anderen Wintersportarten. Die Schwierigkeiten, in der Luft gedrehte Sprünge, Pirouetten und andere Drehungen, werden zu Musik ausgeführt. Ihr Tempo richtet sich nicht nach der Aufgabe allein, sondern nach der Musik. Die Erwartungen an die Bewegungen zwischen den akrobatischen Einlagen, den Flips und Axels und Rittbergern, sind keineswegs gering. Nicht nur Ausruhen und Schwungholen und Zeit auf dem Eis Verbringen soll das sein, sondern bedeutungsvolle Gesten enthalten. Was der Läufer im Dazwischen zeigt, entwirft fast eine Kunstfigur, zeichnet eine Persönlichkeit, in die sich der Sportler während der Dauer der Musik verwandelt. Schillernd wie im Zirkus oder bei einer Bühnenshow In diesen Minuten umschließt das Kostüm seinen Körper hautnah und elastisch, zugleich ist es mit glitzernden, farbigen und goldenen Applikationen geschmückt, die ohne Funktion sind. Anders als die Anzüge von Bobfahrern, die Schutz bieten müssen, oder die von Eishockeyspielern, deren Farben die Teamzugehörigkeit erkennen lassen, ist der Eiskunstläufer frei in der Auswahl. Eistanzkostüme erinnern an den Zirkus, an Bühnenshows und verleihen den Athleten etwas Schillerndes, sie vom Sport Entfernendes. Zu diesem kosmonautisch fremd anmutenden Eindruck tragen auch die Schuhe bei, die etwas von Hufen haben, etwas Plumpes trotz der glänzenden, scharf geschliffenen Kufen, denn man kann mit ihnen nicht abrollen, wie der menschliche Gang es doch eigentlich erfordert. Es war im Voraus klar, dass Malinin – dunkles Kostüm mit einem blauen leuchtenden, aufgestickten Edelstein auf der Brust, als wäre er ein Romantasy-Held – abräumen würde. In der Mailänder Eiskunstlaufarena hat er sein Können wieder ganz ausgeruht präsentiert. Seine erste Goldmedaille bei Olympischen Winterspielen hat Malinin für seine amerikanischen Teamkollegen geholt. In seiner überragenden Kür für das amerikanische Team zeigte er fünf Vierfachsprünge, einen weniger als bei seinem ersten WM-Sieg 2024. Die Körper halten den Belastungen länger stand Noch viele Siege und Medaillen kann Malinin über die nächsten zehn oder sogar mehr Jahre gewinnen und noch viele Male den Salto rückwärts zeigen. Der Eiskunstlauf hat sich ästhetisch und sportlich dramatisch verändert, und das hat auch mit Erkenntnisgewinnen in der Trainingswissenschaft zu tun. Heute denkt man nicht mehr, dass mit 25 Jahren der Leistungshöhepunkt der Athleten bereits überschritten ist und damit die Fähigkeit, als Eiskunstläufer hoch zu springen, messbar in Zentimetern abnimmt. Wie gut Ausdauer- und Krafttraining, Faszientraining und ausgiebige Dehnübungen Eistänzern tun, zeigt sich in ihren Auftritten, wird sich langfristig aber auch daran erweisen, dass die Körper der auf moderne Weise trainierten Sportler den Belastungen einfach länger standhalten werden und weniger verletzungsanfällig sind. Das beweisen auch die drei Eistanzpaare, die Gold, Silber und Bronze gewonnen haben und neben Malinin die größte Publikumsbegeisterung geweckt haben. Sie sind alle zehn und mehr Jahre älter als der junge Athlet. Eistanz ist, anders als die Disziplin Paarlauf, nicht von Sprüngen bestimmt. Auch einige der akrobatischeren Hebungen sind nicht zugelassen. Der Eistanz ist die künstlerischste Disziplin von allen. Eistanz ist insofern Sport, als Regeln eingehalten werden müssen und bei der Bewertung Punkte vergeben werden und trotz der eingestandenen subjektiven Anteile versucht wird, möglichst athletisch-objektiv zu beurteilen. Manche Bewegungen, wie die synchron nebeneinander auszuführenden Twizzle-Drehungen, kann man auch objektiv bewerten – nach dem Abstand und der korrekten identischen Ausrichtung der Körper in jedem Sekundenbruchteil etwa. Doch Laurence Fournier Beaudry und Guillaume Cizeron, Madison Chock und Evan Bates sowie Piper Gilles und Paul Poirier, das französische, amerikanische beziehungsweise kanadische Paar, Gold, Silber, Bronze in dieser Reihenfolge, haben alle etwas, das dazu führt, dass man nicht wegschauen kann, wenn sie laufen. Die Körper berühren einander wie ein Liebespaar Etwas, das Malinin als Einzelläufer nicht hat. Sein einziges Gegenüber ist die Musik. Beim Eistanz spielt sich im Rhythmustanz wie in der Kür alles zwischen den Partnern ab. Vier Minuten lang schaut man wie gebannt zu, welche Geschichte sie erzählen, wie interessant sie phrasieren. Wann fassen sie einander an den Händen, wann lassen sie einander los? Wann laufen sie nebeneinander, wann berühren ihre Körper einander so alltäglich wie ein Liebespaar? Wie kommen sie in diese verschlungene Haltung knapp über dem Eis, wie lösen sie das wieder auf? Fournier Beaudry und Cizeron liefen temporeich und doch die elegischste Kür und in ihr die schönsten reisenden Twizzle-Drehungen. Alle Bewegungen verliehen ihrem Einklang als Paar Ausdruck. Es ist kaum zu glauben, dass sie erst ein Jahr zusammen laufen. Ihr Tanz war von unirdischer Harmonie. Letzten Endes hat das zu ihrer Vollkommenheit und zum Gold geführt. Fournier Beaudry ist nicht zart wie Chock oder strahlend blond wie Gilles, sondern beeindruckend athletisch und groß. Auch in ihrem Rhythmustanz zu Madonnas „Vogue“ bewiesen sie und ihr Partner, dass sie die komplexeste Choreographie tanzten und musikalisch am interessantesten zu phrasieren wussten. Beaudrys souveräne Performance als Stellvertreterin der Sängerin war absolut Madonna-würdig. Die Mailänder Ice Skating Arena sang, als die beiden sich verbeugten, wieder und wieder.
