FAZ 05.02.2026
09:51 Uhr

Eishockey bei Olympia: Jetzt geht’s los – oder war’s das schon?


Die Eishockey-Frauen kämpfen in Deutschland mit vielen Widrigkeiten. Dafür haben sie es weit gebracht und sich erstmals seit 2014 für Winterspiele qualifiziert. Aber andere Länder sind längst weiter.

Eishockey bei Olympia: Jetzt geht’s los – oder war’s das schon?

Die deutschen Eishockeyspielerinnen beginnen ihr Turnier, bevor das olympische Feuer brennt. Bereits an diesem Donnerstag (12.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, im ZDF und bei Eurosport) stehen sie erstmals auf dem Eis. Erst rund 30 Stunden später marschieren in Mailand die Nationen ins San-Siro-Stadion ein. „Wir eröffnen die Spiele“, sagte Stürmerin Emily Nix im Hinblick auf die Partie zur Mittagszeit gegen Schweden scherzhaft. Das Team hat sich vorgenommen, mit einer neuen Selbstverständlichkeit anzutreten. Erstmals seit 2014 glückte die Qualifikation für das Weltereignis im Zeichen der fünf Ringe. Deutsche Entwicklung weiter als die Strukturen „Das war ein wichtiger Schritt und aus Athletensicht ein Muss“, sagte Ronja Jenike, selbst ehemalige Nationalspielerin und heute Leistungssportreferentin beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB), der F.A.Z. Auch dieser Satz klingt nüchtern, beinhaltet gleichwohl ebenso eine programmatische Botschaft: Die Entwicklung der DEB-Auswahl ist weiter als die Strukturen, aus denen sie hervorgegangen ist. Auf dem Eis hat sich das Team stabilisiert. Unter Bundestrainer Jeff MacLeod erreichten die Deutschen zuletzt zweimal das WM-Viertelfinale. In der Milano Rho Ice Hockey Arena treten sie mit einem Kader an, der fast vollständig aus Debütantinnen besteht. Nur Daria Gleißner hat Olympische Spiele schon erlebt. 2014 in Sotschi fiel sie wegen eines Halswirbelbruchs aber gleich zu Beginn aus. Neben erfahrenen Kräften wie der 32 Jahre alten Kapitänin finden sich in den Reihen viele Talente wieder, die sich erstmals auf großer Bühne behaupten wollen. Alles Weitere hängt vom Modus ab, der einen Fallstrick bereithält: Wer in der Vorrunde nicht Erster in der Gruppe B wird, trifft im Viertelfinale mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf Kanada oder die USA, die beide als unüberwindbare Hürden gelten. Besonders sichtbar wird der Abstand zu den Top-Nationen im Alltag. Die Frauen-Bundesliga umfasst nur fünf Teams, eines davon aus Ungarn. Viele Nationalspielerinnen arbeiten oder studieren neben dem Sport, Eiszeiten sind knapp, Trainingsbedingungen oft improvisiert. Als beim Deutschland-Cup in Landshut unlängst mehr als 3000 Besucher kamen, sprach Gleißner von einem Ausnahmezustand. „Das ist für sie sehr ungewohnt.“ Konsequenzen aus dem Scheitern von 2021 In der Liga sind es lediglich ein paar Hundert Fans. Sichtbarkeit ist und bleibt für sie und ihre Mitstreiterinnen das Schlüsselthema: Ohne mediale Präsenz und Zuschauerinteresse können ihre Leistungen kaum Hebelwirkung an der Basis, in den Nachwuchsabteilungen und bei Sponsoren entfalten. Der DEB hatte nach dem Scheitern der Olympiaqualifikation 2021 Konsequenzen gezogen. Der Frauenbereich ist heute klarer verankert, wie Jenike betont, mit eigenen Zuständigkeiten, mehr Gewicht in den Gremien. „Die Bedeutung ist höher gesetzt“, nennt sie es; der Auftritt in den kommenden Tagen in Mailand sei eine „logische Konsequenz“. Doch auch sie weiß um den Engpass, der ihrem Sport nach wie vor zu schaffen macht: der Übergang im Teenageralter. In der Altersspanne zwischen neun und 13 Jahren verlieren viele Mädchen den Anschluss, weil sie in gemischten Teams keine Rolle mehr bekommen und im Frauenbereich noch zu jung sind. „Mannschaftsleben findet in der Kabine statt“, sagte Jenike unlängst im Podcast „bissl hockey“ – und meinte damit mehr als Eiszeit. Der Umkleideraum sei auch sozialer Mikrokosmos, in dem Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstvertrauen wachsen: Wer sich ausgeschlossen fühlt, hört auf. Mädchen, die keine Rolle in den Teams spielen, verlieren schnell die Motivation, obwohl sie vielversprechende Begabungen mitbringen. „Die Klausel hat die Professionalisierung beschleunigt“ Projekte wie in Kassel, wo Männer- und Frauenmannschaften gemeinsam in einer GmbH-Struktur eingebunden sind, zeigten „beispielhaft“, wie professionelles Management und Integration wirken können. Andere Länder sind weiter. In der Schweiz und in Schweden zwingen politische Vorgaben die Klubs, einen Teil ihrer Mittel für das Engagement der Frauen zu investieren. „Diese Fünf-Prozent-Klausel hat die Professionalisierung beschleunigt“, sagte Jenike. Sie ist bemüht, Förderprogramme zu kreieren, regionale Stützpunkte zu etablieren, um die „Dropout-Quote zu reduzieren“: Jahr für Jahr ziehen sich rund 1500 Mädchen aus dem geregelten Spielbetrieb zurück. „Da müssen wir reagieren und Alternativen finden“, sagt Jenike. Für die besten Spielerinnen öffnet sich vor allem ein anderer Weg: Richtung Übersee. Sieben Deutsche stehen im Olympiakader, die in der Professional Women’s Hockey League (PWHL) oder an US-Universitäten spielen. Die Liga bietet Bedingungen, die ihresgleichen suchen: erstklassige Trainingsbedingungen, ein Mindestgehalt von umgerechnet rund 32.000 Euro, medizinische Versorgung. „Sport hat insgesamt in Nordamerika einen komplett anderen Stellenwert“, sagte Jenike. Die Einsätze in den USA und Kanada stärken nicht nur ihr Spiel auf dem Eis, sondern auch mentale Belastbarkeit, Medienkompetenz und professionelle Selbstorganisation. Mit diesem Erfahrungsschatz reisten die Führungsspielerinnen um Torhüterin Sandra Abstreiter (Montreal) und Laura Kluge (Boston) nun nach Norditalien. Für zwei Wochen stehen sie mit den anderen im Schaufenster, und es geht für MacLeods Kollektiv um mehr als Ergebnisse. Was danach folgt, entscheidet darüber, ob die Qualifikation für Mailand ein Ziel war oder tatsächlich ein Anfang.