FAZ 11.02.2026
11:01 Uhr

Eishockey bei Olympia: „Deutschland fliegt längst unter keinem Radar mehr“


Harold Kreis coacht die nominell beste deutsche Eishockey-Auswahl. In das olympische Turnier startet der DEB ohne Testspiele, aber in der Top-Besetzung. Wird aus großen Namen ein großes Team?

Eishockey bei Olympia: „Deutschland fliegt längst unter keinem Radar mehr“

In der neutralen Zone, am Bullypunkt, stand Harold Kreis, den Kragen seines Trainingsanzugs geschlossen, den Schläger vor der Brust wie einen Stab, und beobachtete. Um ihn herum liefen mehr als zwanzig Männer, die seine Söhne sein könnten, formierten sich zu Angriffsreihen und übten Abwehrverhalten. Kreis ließ seine Assistenten das Training gestalten. Der Bundestrainer wirkte inmitten des Trubels gelassen, während eine Gruppe von Volun­teers auf der Tribüne jubelte, wie die Ruhe in Person. So, als wüsste er, dass die Hektik bei den Olympischen Spielen in Mailand früh genug losgehen wird. „Uns unterschätzt niemand“ Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft ist so prominent besetzt wie nie zuvor bei einem großen Turnier. Und wird von der Konkurrenz entsprechend geschätzt. Kreis registriert die Anerkennung, sie bestärkt ihn: „Wir wollen den maximalen Erfolg“, sagte er der F.A.Z. mit Blick auf das olympische Turnier, von dem wegen der Teilnahme der Spieler aus der nordamerikanischen Profiliga (NHL) eine besondere Anziehungskraft ausgeht. Es gehe darum, sagte Kreis, „das bestmögliche Resultat zu erkämpfen, Wechsel für Wechsel, Drittel für Drittel, Spiel für Spiel“. Mit Leon Draisaitl, Tim Stützle, Moritz Seider, JJ Peterka, Philipp Grubauer, Nico Sturm und Lukas Reichel hat er sieben nominiert, die in Übersee als Hauptdarsteller Millionengehälter verdienen; „Deutschland fliegt längst unter keinem Radar mehr“, sagte Kreis: „Uns unterschätzt niemand.“ Kreis hat für die Winterspiele seinen Mitarbeiterstab ergänzt, den viermaligen Stanley-Cup-Sieger Jamie Kompon hinzugeholt, der im Alltag bei den Florida Panthers, dem aktuellen NHL-Champion, als Ko-Trainer arbeitet; Unterstützung erhält der Bundestrainer außerdem von Alexander Sulzer, ansonsten in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) für die Bremerhaven Pinguins tätig, und Serge Aubin, der die Eisbären Berlin in den vergangenen fünf Jahren viermal zum Titel führte. „Das sind alles Top-Leute, und ich lasse sie arbeiten“, sagte Kreis, „ich habe am Ende das letzte Wort, bin aber nicht der Supervisor.“ Dass er mit der Erwartungshaltung umgehen kann, gehört zu seiner Vita: Geboren wurde Kreis vor 67 Jahren in Winnipeg. Durch eine Zeitungsannonce fand er den Weg nach Deutschland, heuerte beim Mannheim ERC an, für den er in beinahe zwei Jahrzehnten 891 Partien absolvierte. Wegen seiner Vorfahren erhielt er einen deutschen Pass, absolvierte 180 Länderspiele. Er hat seinen Lebensmittelpunkt seitdem ein paar Kilometer außerhalb von Mannheim unweit des Neckars. Mit dem ERC wurde er zweimal Meister (1980, 1997), nach seiner Karriere als Spieler wechselte er hinter die Bande, ging in die Schweiz und triumphierte mit Lugano (2006) und ­Zürich (2008) in der Nationalliga. Das Pfund an Erfahrung trägt zu seiner Besonnenheit bei, die auch in Mailand auffällt: Kreis schaut lange hin, hört zu, fragt nach. Die Nominierung für die Olympischen Spiele gehört zu Pflichten, die er am wenigsten mag. „Ganz ehrlich: Es macht keinen Spaß“, sagte Kreis kürzlich in einer Dokumentation der ARD. „Ich schiebe da nicht irgendwelche Figuren herum. Das sind Menschen, das sind Persönlichkeiten. Die Aufgabe nehme ich sehr ernst.“ Wer dabei ist, habe sich seinen Platz erarbeitet; wer diesmal fehlt, wie der Berliner Marcel Noebels oder der Münchner Yasin Ehliz, die bei Weltmeisterschaften sonst zum Stammpersonal zählen, musste er streichen, weil sich ihm der umfängliche Zugriff auf die NHL-Granden bot. Der Modus bietet kaum Gelegenheit zur Korrektur Kreis bezeichnet seinen Führungsstil als „Servant Leadership“, als „dienende Führung“. Er setzt nicht auf autoritäres Auftreten, lieber verteilt er Verantwortung und definiert Rollen, damit die Spieler „Vertrauen spüren“, Entscheidungen mittragen und, auch wenn es nicht wie gewünscht läuft, kühlen Kopf bewahren. Das Zusammenfügen der Akteure aus der NHL und DEL zu einer Formation, für die die Zeit für ein Testspiel zu knapp war, erlebte Kreis als problemlos, wie er sagte: „Sie wollen wissen, wie unser Forechecking aussieht, welche Special-Teams wir haben, wer im Powerplay zusammenspielt. Wir müssen niemandem Eishockey beibringen.“ Automatismen und Zuständigkeiten seien geklärt. Der Bundestrainer verlangt von allen „gute Entscheidungen in der Defensive, Mut und Willen, nach vorne zu spielen“. Zum Kapitän machte er am Montag Leon Draisaitl. 1984 in Sarajevo und 1988 in Calgary war Kreis als Spieler bei den Winterspielen, in Norditalien folgt nun seine Premiere als Coach. „Noch gibt es zu viel zu tun, um nervös zu sein“, sagte er. Ihm ist bewusst, dass in Mailand in anderthalb Wochen Bilanz gezogen wird und das Ergebnis wie immer als wichtigste Wahrheit gilt, obwohl eine Platzierung, wie er sagt, nicht immer ausreichend erzählt, ob ein Team sein Potential ausgeschöpft hat. Für Kreis wird das Spiel seines Teams ein Erfolg sein, wenn er zum Ende des Turniers feststellen kann, dass seine Leute abgerufen haben, „was in ihnen steckt“. Was er an diesem Spätnachmittag in der Santagiulia-Arena im Training registrierte, stimmte ihn optimistisch: „Wir freuen uns, dass es losgeht.“ Die Pläne müssen auf Anhieb umgesetzt werden, weil der Modus fast keine Gelegenheit zur Korrektur bietet. Die Partie am Donnerstag gegen Dänemark (12.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, im ZDF und bei Eurosport) liefert erste Hinweise, ob aus großen Namen ein großes Team wird.