Es waren die gleichen Voraussetzungen, und doch war hinsichtlich des Spielcharakters und der Umstände vieles anders. Schon am Donnerstag hatte es in der Santagiulia-Arena ein Finale zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada gegeben – eine Partie, die das Publikum bestmöglich unterhielt; die US-Frauen gewannen nach Verlängerung 2:1. Drei Tage später jubelten abermals die Akteure in den Stars-and-Stripes-Trikots in der Overtime: Die amerikanischen Männer gewannen das Finale durch einen Geniestreich von Jack Hughes in der 62. Minute 2:1 (1:0, 0:1, 0:0, 1:0). Kurz vor dem Erlöschen des olympischen Feuers auf dem Mailänder Arco della Pace verwandelte sich die Arena beim US-Triumph ein letztes Mal zum Hotspot dieser Winterspiele. Olympiafinale als All-Star-Duell mit großer Intensität Auf den Tribünen herrschte eine Stimmung, die viele Athleten in den vergangenen zwei Wochen an anderen Stellen vermisst hatten. Und wieder ging es um den prestigeträchtigen Titel. Aber eben auch um den Nachweis, wer bei dieser Veranstaltung, die die Weltbesten vereinte, wirklich zur Elite zählt – und wer es bis auf Weiteres auch dem Verlierer, dessen Protagonisten im Tagesgeschäft geschätzte Kollegen sind, genüsslich unter die Nase reiben darf. Die beiden Mannschaften, deren Topleute sich aus der nordamerikanischen Profiliga bestens kennen, lieferten sich ein All-Star-Duell mit einer Intensität, die es in dieser Dichte während des Turniers zuvor nicht zu sehen gab. Es war eine Menge Testosteron im Spiel, wobei besonders die Verlierer nach einem Moment der Ernüchterung die Ersten waren, die den Fair-Play-Gedanken praktizierten und allen Beteiligten auf der gegnerischen Seite zu diesem Erfolg gratulierten. Für die Kanadier war es zuvor ein Wettlauf gegen die Zeit – und er ging ebenfalls nicht gut aus. Als um kurz nach 13 Uhr vom Eishockey-Weltverband die offiziellen Aufstellungen bekannt gegeben wurden, stand der Name von Sydney Crosby in der Rubrik der Spieler, die sich für einen Einsatz „nicht umgezogen“ haben. „Captain Canada“, so nennen ihn Anhänger wie Mitspieler gleichermaßen, hatte sich gegen Tschechien (4:3 nach Verlängerung) bei einem Check von Radko Gudas am Mittwoch eine Blessur am rechten Bein zugezogen. Trainer Jon Cooper verbreitete bis zuletzt Zuversicht, dass Crosby, der seinem Land bei den Winterspielen 2010 in Vancouver mit seinem Golden Goal im Endspiel gegen die USA einen unvergesslichen Moment der Glückseligkeit beschert hatte, durch medizinische Behandlung rechtzeitig fit werden könnte. Ein Irrtum. Als der Fan-Liebling am frühen Abend die Silbermedaille umgehängt bekam, brandete lauter Applaus auf. Connor McDavid: „Das wird kein Problem sein“ Anstelle Crosbys trug Connor McDavid das „C“ auf dem Trikot. Der Neunundzwanzigjährige sprach davon, dass sie den Ausfall ihres Leaders zusammen auffangen würden: „Das Schöne an diesem Team ist, dass jeder ein Anführer in seinem Umfeld ist. Das wird kein Problem sein.“ Auch das entpuppte sich als Trugschluss. Der Gegner legte genauso energiegeladen los wie in seinen vorherigen fünf Darbietungen. Die Uhranzeige auf dem Videowürfel war noch nicht mit dem Runterzählen der ersten Minute fertig, da hatten die Amerikaner schon vier Schüsse auf das von Jordan Binnington gehütete Tor abgegeben. Just nachdem Tom Wilson, der Tough Guy der Kanadier, mit einem Check gegen Dylan Larkin einen Einschüchterungsversuch unternommen hatte, demonstrierte die Auswahl von Trainer Mike Sullivan jene Offensivpower, der in der Vorrunde bei ihrer 1:5-Niederlage auch die Deutschen nicht gewachsen waren: Matthew Boldy schirmte den Puck gegen Devon Toews mit dem Körper ab, blieb vor Binnington cool, täuschte einen Abschluss rechts an und schob links am Schoner vorbei zum 1:0 ein (6.). Damit war ein Signal gesendet, wobei sich die Kanadier in der weniger komfortablen Situation befanden und offensiv nachlegen mussten, ohne die Absicherung außer Acht zu lassen. Das gelang zusehends besser. Macklin Celebrini prüfte Connor Hellebuyck vom linken Bullykreis und aus dem Zentrum, doch der US-Goalie war mit den Beinen rechtzeitig unten. Und auch als McDavid freistehend vor ihm aufkreuzte, wehrte der amerikanische Schlussmann, der seit elf Jahren nördlich der Grenze bei den Winnipeg Jets sein Geld verdient und der 2024 zum zweiten Mal als zuverlässigster NHL-Torhüter ausgezeichnet wurde, den Vorstoß ab (30.). Dank der Entschiedenheit Hellebuycks überstanden er und seine Vorderleute Mitte des zweiten Drittels eine 3:5-Unterzahl gegen den mit Inbrunst anrennenden Rivalen, der sich in vielen Phasen, in denen er Dominanz entwickelte, ankreiden lassen musste, dass Schussgenauigkeit nicht genügte. Erst Cale Makar machte es besser und fand bei seinem Schlenzer zum Ausgleich (39.) die kleine Lücke, die Hellebuyck auf seiner rechten Körperseite lassen musste, um mit seiner Fanghand links den Winkel zu verkürzen. Eine Rettungstat von Hellebuyck, der die Kelle gegen Toews noch dazwischenbrachte (42.), verhinderte unmittelbar nach dem Start in den Schlussabschnitt Ungemach für die Amerikaner; auch gegen Celebrini parierte er (45.). Am Montag geht es zurück in den NHL-Alltag Als Nathan MacKinnon Maß nahm, sprang der Puck gegen den Außenpfosten (50.). So ging dieses Kräftemessen in die Verlängerung, bei dem Hughes mit seinem „Sudden Death“-Treffer nach 101 Sekunden für den „plötzlichen Tod“ der Kanadier sorgte. Der Rest war Jubel, Trubel, Heiterkeit im Zeichen des Star-Spangled Banners – und damit das Schlussbild, das dieses von außergewöhnlicher Qualität gekennzeichnete Eishockey-Turnier überdauern wird. Viel Zeit, den Triumph auszukosten oder die Enttäuschung über das Scheitern kurz vor dem Ziel zu verdauen, bleibt den Protagonisten nicht: An diesem Montag starten bereits die Flieger, die die Kufen-Cracks zurück in den Alltag bringen. Am Donnerstag geht es im Kampf um den Stanley-Cup, dem sie alle mindestens die gleiche Bedeutung beimessen, mit der Fortsetzung der Hauptrunde weiter. Dann im NHL-Dress in vielen Fällen wieder Seite an Seite.
